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Stadthagen Stadt Hunderte protestieren gegen Erdogan
Schaumburg Stadthagen Stadthagen Stadt Hunderte protestieren gegen Erdogan
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00:19 12.02.2018
Mindestens 350 Kurden protestieren gegen Militäreinsätze der Türkei – die Polizei hält Gegendemonstranten auf Distanz. Fotos: tro (3)/SSr
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 „Terrorist Erdogan“ schallt es immer wieder lautstark über den Marktplatz. Gut 350 Kurden haben sich gestern Nachmittag nach Polizeiangaben in der Stadthäger Innenstadt versammelt, um gegen die türkischen Militäreinsätze zu demonstrieren.

„Dort sterben unschuldige Kinder“, klagt Selma Donma, und das sei nicht hinnehmbar. Kurz vor Beginn der Demonstration zeigt sich die Organisatorin angespannt, weil sich auch eine Gegenbewegung mit gut 60 Erdogan-Anhängern auf dem Marktplatz versammelt hat. Die Stimmung ist aufgeheizt – auf beiden Seiten. Dass es nicht zu gewalttätigen Auseinandersetzungen kommt, liegt vor allem am Großaufgebot der Polizei.

 „Wir hatten die Situation jederzeit im Griff“, erklärt Sprecher Axel Bergmann. Bei der Frage, wie viele Beamte an diesem Tag im Einsatz sind, mauert er jedoch. Nach SN-Informationen rückten die Kräfte mindestens in Stärke einer Hundertschaft an. Ihnen gelingt es so, dafür zu sorgen, dass die rivalisierenden Gruppen beim anschließenden Protestmarsch durch die Altstadt nicht aufeinandertreffen.

Um die Wogen zu glätten, greift immer wieder Yilmaz Kaba von der Organisation Nav-Dem Hannover zum Mikrofon und appelliert an seine Mitstreiter: „Lasst Euch nicht von den Menschen provozieren, die sich von Erdogan manipulieren und instrumentalisieren lassen. Wir sind friedlich, aber lautstark.“

Aufseiten der Kurden stehen an diesem Nachmittag auch einige Politiker, die nach Stadthagen gekommen sind, unter ihnen die beiden Bundestagsabgeordneten Katja Keul (Grüne) und Diether Dehm (Die Linke). Sie machen deutlich, dass sich der Protest nicht nur gegen die Militäraktionen der Türkei richtet, sondern auch gegen die deutsche Bundesregierung. Denn: Die türkische Armee fahre ihre Angriffe unter anderem mit deutschen Panzern. „Die Rüstungsexporte in die Türkei müssen endgültig gestoppt werden“, fordert Keul. Auch sie zeigt sich anschließend froh darüber, dass der „friedliche Rahmen trotz der Provokationen“ gewahrt werden konnte. Dehm solidarisiert sich mit den Kurden: „Die PKK muss runter von der Terrorliste, und Erdogan muss drauf.“

Die wenigen Passanten, die sich am Nachmittag auf den Marktplatz trauen, äußern vielfach ihren Unmut: Warum muss eine solche Demonstration ausgerechnet in der Stadthäger Innenstadt stattfinden?, heißt es da. Auch in den sozialen Netzwerken gibt es kritische Stimmen – etwa Unverständnis darüber, dass Kinder bei der Demonstration eingespannt wurden. Ein Kind habe etwa ein Bild hochgehalten, auf dem auf der einen Seite Adolf Hitler und auf der anderen Erdogan zu sehen ist.

Andere bemängeln, dass die Polizei Flaggen mit der Aufschrift „YPG“ nicht aus dem Verkehr gezogen habe. Die seien doch schließlich verboten. Die Polizei schränkt dieses Verbot jedoch ein: „Diese Fahnen sind nur im Kontext mit bestimmten Äußerungen und Liedtexten verboten“, so Sprecher Bergmann. Das sei hier nicht der Fall gewesen.

Im Vorfeld des Aufmarsches war bei den Schaumburger Nachrichten eine Droh-Mail eingegangen. Unbekannte hatten einen Gewaltakt angekündigt, sollte die Demo nicht abgesagt werden. Die Polizei hat ein Strafverfahren eingeleitet. Bisher ist es ihr aber offenbar nicht gelungen, den Urheber ausfindig zu machen.   jemi

"Nicht noch mehr Panzer"

„Keine weiteren Deals mit Erdogan und nicht noch mehr Panzer für die Türkei.“ Das seien zentrale Forderungen an die Bundesregierung, sagte der prominente Linken-Politiker Diether Dehm bei einem Redaktionsbesuch im Anschluss an seine Teilnahme als Redner bei der Kurden-Demo. Der Bundestagsabgeordnete lobte den „besonnenen Einsatz der Polizei. Dafür habe ich mich bei denen bedankt.“

Auf die Frage, warum er sich so stark für die Kurden engagiere, erklärte Dehm: „Wenn Leute von einem übermächtigen Gegner, der sich überhaupt nicht an Menschenrechte hält, auf den Boden gehauen und von deren Militärapparat massakriert werden, dann muss man da in Vorleistung treten.“ Auch er habe durchaus kritische Fragen an die Strategie der Kurden, „aber es ist nicht die Zeit, diese nach vorne zu stellen“.

Der 67-jährige Dehm, ein überaus erfolgreicher Musikproduzent und Liedermacher (unter anderem für Joe Cocker, Udo Lindenberg und Klaus Lage), war früher in der SPD und dann Mitbegründer der Linken. Dabei war er häufig für Überraschungen gut, etwa als er den damaligen Bundespräsidenten Christian Wulff (CDU), mit dem er heute noch befreundet ist, vor dessen Rücktritt in Schutz nahm. ssr

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