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„Ihr seid die Zukunft“

Stadthagen / Charlotte Knobloch „Ihr seid die Zukunft“

Still ist es gewesen, als Charlotte Knobloch von ihrer Kindheit erzählte. Die heutige Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern und ehemalige Präsidentin des Zentralrates der Juden in Deutschland berichtete in der Aula versammelten Schülern des Ratsgymnasiums, wie sie vor rund 70 Jahren den Nazi-Häschern entkam – und stellte sich anschließend den Fragen der jungen Leute in einer Podiumsdiskussion.

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Im Gespräch erzählt Charlotte Knobloch von ihrer Kindheit unter den Nazis, stellt sich aber auch Fragen der Schüler zu tagesaktuellen Themen.

Quelle: rg

Von Jan-Christoph Prüfer

Stadthagen. Knobloch betonte, wie gern sie auch über „das Positive“ aus „dieser furchtbaren Zeit“ spreche. Da sei zum Beispiel der SS-Mann gewesen, der ihren Vater persönlich kannte und laufen ließ. Und der bis heute anonyme Anrufer, der die Familie vor der Reichspogromnacht warnte. Knobloch selbst entkam dem Holocaust, weil eine Frau in der bayerischen Provinz die damals Neunjährige als uneheliches Kind ausgab.

 „Ihr seid die Zukunft“, gab Knobloch den Jugendlichen mit auf den Weg. „Lasst euch von niemandem sagen, wen ihr zu lieben und wen ihr zu hassen habt.“

 Fünf Schülerinnen und Schüler saßen zusammen mit Lehrer Friedrich Lenz, der den Besuch maßgeblich organisiert hatte, und Knobloch auf dem Podium. Nach tiefer gehenden Fragen zu Knoblochs Verhältnis zu Deutschland und den Deutschen schlugen die Gymnasiasten den Bogen zu tagesaktuellen Themen.

 Wie sie den NSU-Fall verfolge, fragte ein Junge. Ist Deutschland wirklich toleranter geworden? „Die Farbe bunt steht heute in den Städten und Gemeinden im Mittelpunkt“, zeigte Knobloch sich überzeugt. Toleranz sei wie ein Hügel, auf den die eine Partei von der einen Seite, die andere von der anderen steige. „Oben trifft man sich und reicht sich die Hand.“ Der Punkt sei: „Sich auf den Weg machen und daran arbeiten müssen beide.“

 Kompliziertes Thema: Wie Knobloch den Staat Israel sehe, wollte ein Mädchen wissen. „Ich bin mit der Situation auch nicht immer zufrieden“, sagte Knobloch. Israel sei eben das: ein Staat, „genau wie Italien oder Frankreich“. Sachliche Kritik sei kein Antisemitismus.

 Wenn Knobloch aber an Israel denke, denke sie auch an einen eventuellen Zufluchtsort. Sie sehe ihren Vater zitternd im Zimmer auf- und abgehen, während er auf die Entscheidung der Familie wartet, die seine Tochter schließlich aufgenommen hat.

 Mit ihren ehrlich interessierten Fragen scheinen die Schüler Knobloch nachhaltig beeindruckt zu haben. Die Kultusgemeindenpräsidentin lud die Fünf und Lehrer Lenz zu sich nach München ein.

Eintrag ins Goldene Buch

„Unsere freiheitliche Demokratie lebt von Zivilcourage und unserem gemeinsamen Willen zu einem friedlichen Miteinander aller Menschen“ hat Charlotte Knobloch ins Goldene Buch der Stadt Stadthagen geschrieben. „Hervorragend“ nannte sie die von Bürgermeister Bernd Hellmann vorgetragenen Pläne, aus der ehemaligen Synagoge kein Mahnmal zu machen, sondern „einen Ort der Dokumentation und des Lernens“. Hellmann ist auch Vorsitzender des Fördervereins „Ehemalige Synagoge Stadthagen“.  jcp/rg

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