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Stadthagen Stadt Kein Arm des Sozialamts
Schaumburg Stadthagen Stadthagen Stadt Kein Arm des Sozialamts
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14:55 01.06.2018
Heidi Niemeyer (von links), Bernd Koller, Ferdinand Feist und Jutta Krellmann besichtigen das Lager der DRK-Tafel. Quelle: geb
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Stadthagen

Die Bundestagsabgeordnete Jutta Krellmann (Die Linke) will sich landesweit ein Bild über die Lage der Einrichtungen machen und hat als erstes die Ausgabe an der Gubener Straße besucht.

Die skandalträchtige Entscheidung der Essener Tafel, Waren zeitweise nur noch an deutsche Staatsbürger auszugeben, hatte die Bundespolitikerin dazu bewogen. Eine so drastische Maßnahme blieb hierzulande zwar aus, die Missgunst innerhalb der Kundschaft aber nicht.

Bedürftigkeit nachweisen

„In Obernkirchen haben wir gemerkt, dass unsere alten Kunden völlig gegen Flüchtlinge eingestellt waren, obwohl es genug zu verteilen gab. Wir hatten Lebensmittel im Überfluss“, erinnert sich Koordinatorin Heidi Niemeyer. Dennoch habe sie bei der Stadthäger Tafel schon Menschen aus dem Lager scheuchen müssen, die sich heimlich an den verdorbenen Lebensmitteln bedienten.

„Ich habe denen gesagt, dass sie auch ohne Geld vorne zur Ausgabe gehen können.“ Als „verlängerten Arm des Sozialamts“, der die Grundversorgung der Menschen gewährleistet, will Koller die Tafeln aber nicht verstanden wissen. Seine Bedürftigkeit muss prinzipiell jeder über Asyl-, Renten- oder Sozialhilfebescheide nachweisen.

Discounter bereiten Kopfschmerz

Seit August 2017 sei es besonders die Geschäftspolitik der Discounter, die für Kopfschmerzen sorge. „Früher haben wir einen Markt angefahren und unser Lieferwagen war voll. Jetzt bekommen wir nur noch zwei Kisten“, erklärt Niemeyer. Auf den Zug der Verknappung der Lebensmittel seien alle Discounter aufgesprungen. Der Kundenkreis der Tafeln sei dagegen auch in diesem Jahr weiter angewachsen und liege in der Kreisstadt bei aktuell rund 1500 Menschen.

Dafür wiederum seien mehr ehrenamtliche Kräfte nötig, von denen jetzt schon die meisten über 60 Jahre alt seien. Um einen menschenwürdigen Standard halten zu können, sei es nicht einfach mit der Verteilung von Obst und Gemüse getan. „Es ist ein Haufen Arbeit, alles wegzupacken“, sagt Niemeyer. Hygiene bei der Ausgabe und Qualität der Ware müsse auch den Prüfungen des Gesundheitsamt standhalten können.

Scham bei Senioren oft groß

Kann ein Kunde wegen seiner Krankheit das Haus nicht verlassen, werde ihm sein Bedarf auch einmal von einem der beiden festangestellten Fahrer nach Feierabend geliefert. Besonders unter den Senioren sei die Scham immer noch groß, den Weg zur Tafel selbst zu finden, wie auch Krellmann bestätigt. „Es sind die versteckten Armen. Sie können ihre Fassade oft lange aufrecht erhalten, doch kommt eine schwere Erkrankung dazu, bricht eine Welt bricht zusammen“, so die Bundespolitikerin. geb

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