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Kein Geld für die Geschichte

Bergbau-Relikte am Georgschacht Kein Geld für die Geschichte

Der Bergbau in Schaumburg hat seine Spuren hinterlassen. Dazu zählen die „Kohlenkirche“ und der Wasserturm am Georgschacht in Stadthagen ebenso wie zahlreiche Stollen und Abraumhalden im Landkreis. Bemühungen, insbesondere Bauwerke am Georgschacht zu retten, sind in der Vergangenheit gescheitert.

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Nicht nur ehemalige Bergleute bedauern den Verfall des Georgschachtes und der dazugehörigen Gebäude.

Quelle: tro

Stadthagen. Mehr als 50 Jahre nach dem Ende des hiesigen Lebens unter Tage verfallen die früheren Industriestätten zusehends.

 So gilt der Abriss des baufälligen Oberteils des Wasserturms am Georgschacht inzwischen als besiegelt.

 In den Augen von Werner Schöttelndreier ist der Verfall des Georgschachts ein „Skandal, der uns Bergleuten sehr weh tut“. Der Nienstädter war ab 1945 selbst im Bergbau tätig und hat sich nach der Stilllegung des Stadthäger Schachtes bis vor zwei Jahren in der Arbeitsgemeinschaft Bergbau Schaumburg engagiert.

 Für Schöttelndreier sind die Überbleibsel der Bergbauära wichtige Eckpfeiler der Historie Schaumburgs. Immerhin sei der Georgschacht eine der flächendeckend größten Kohlengruben in Deutschland gewesen.

 Ähnlich sieht das der Geograf Georg Römhild. Er zieht den Vergleich zum Umgang mit der Industriegeschichte im Nachbar-Bundesland. In Dortmund und in Nordrhein-Westfalen allgemein werde diese „sehr ernst genommen“. Entsprechend dominiere dort die Überzeugung, dass die Relikte dieser Epoche erhalten werden müssen.

Kalte Füße bekommen

 Römhild, der bis zu seinem Ruhestand an den Universitäten in Siegen und Paderborn Geografie lehrte, beschäftigt sich seit den frühen achtziger Jahren mit dem Bergbau in Schaumburg. Im Juni 1980 entdeckte er den Georgschacht mit Studenten bei einer Exkursion. Römhild war es auch, der dem damaligen niedersächsischen Wissenschaftsminister Johann-Tönjes Cassens 1985 in einem Brief den Vorschlag unterbreitete, aus der stillgelegten Bergwerksanlage einen Erinnerungsort zu machen.

 Im Mai 1986 folgte Cassens der Einladung Römhilds und besuchte den Georgschacht. Fasziniert von den historischen Bauwerken stellte der Minister damals 400000 D-Mark für erste Sicherungen an Dach- und Fachwerk der „Kohlenkirche“ in Aussicht.

 Doch das Vorhaben versandete. „Stadt und Landkreis haben kalte Füße bekommen“, erklärt Römhild das Scheitern der Rettungsaktion.

 Zwanzig Jahre später witterte Dieter Kellermeier eine neue Chance für die Aufwertung des Geländes. Mit der Ausrichtung der Landesgartenschau 2006 wollte der damalige Vorsitzende des Gartenbauvereins Stadthagen die Industrieruinen zu neuem Leben erwecken.

 „Aus der Bergehalde und dem Gelände kann man viel machen“, so Kellermeier, nach dessen Konzept einzelne Gebäude am Georgschacht beispielsweise zu einem Kletterturm und einer Aussichtsplattform umgerüstet worden wären. Doch auch diese Überlegungen scheiterten an den finanziellen Rahmenbedingungen, unter denen die Lokalpolitik operierte.

 „Ich bedauere noch heute, dass es nicht geklappt hat“, betont Kellermeier. Er träumt noch immer davon, die Landesgartenschau an den Georgschacht zu holen. Stadthagen solle noch einmal darüber nachdenken, sich auf die Ausrichtung der Veranstaltung zu bewerben. „Vielleicht ja zum Stadtjubiläum 2022“, so Kellermeiers Hoffnung.

Keine Chance für die „Kohlenkirche“

 Dass die Politik diesem Vorschlag folgt, gilt allerdings als unwahrscheinlich. Bereits 2006 erschien die Landesgartenschau „der Mehrheit des Rates aus finanzieller Sicht zu riskant“, erklärt Jürgen Hoffmann, der bis zu jenem Jahr Stadthäger Bürgermeister war. Gerade nach dem Brand des Tropicana im Dezember 2003 sei die Belastung schon hoch genug gewesen.

 „Auch im Rückblick war es richtig, dass wir es nicht gemacht haben“, sagt Hoffmann, der auch für die Zukunft wenig Chancen auf Rettung des Geländes sieht: „Das ist heute genauso unrealistisch wie im Jahr 2000.“ Die Stadt verfüge nicht über zweistellige Millionenbeträge für solche Zwecke.

 Diesen Eindruck bestätigt Gunter Feuerbach, der seit 1980 für die CDU im Stadthäger Rat aktiv ist und der die verschiedenen Bemühungen zur Rettung des Gebäudeensembles am Georgschacht miterlebt hat. Feuerbach: „Die Stadt ist nicht in der Lage, ein solches Industriedenkmal allein zu erhalten.“

 Vor allem mit Blick auf die großen Gebäude wie die „Kohlenkirche“ und den Wasserturm bestehe kaum eine Chance, diese vor dem weiteren Verfall zu bewahren. Während das Zechenhaus unter Denkmalschutz steht, erscheint bei allen anderen Bauwerken ein Abriss als einzig logische Konsequenz.

 Die Arbeitsgemeinschaft Bergbau Schaumburg trifft sich auch nach der offiziellen Auflösung noch regelmäßig. Für Werner Schöttelndreier und seine Mitstreiter käme ein Abriss der Bauwerke am Georgschacht einer Katastrophe gleich. Wenn eine Sanierung schon nicht möglich sei, dann sollten zumindest die Ruinen der Gebäude erhalten bleiben – als stille Zeugen der Bergbauära. hec

Von der Goldgrube zur Ruine

Der im Jahr 1902 eingeweihte Georgschacht ist ein Symbol für die Blütezeit des Stadthäger Bergbaus, der zu Hochzeiten 3000 Menschen Arbeit bot. Der Betreiber Preussag AG beschloss am 21. März 1960 die Stilllegung der Schachtanlagen – der Steinkohleabbau war nicht mehr wirtschaftlich. Der Verfall des Georgschachtes nahm seinen Lauf. Der Kohlebunker der ehemaligen Kokerei wurde 2007 wegen Baufälligkeit abgerissen, auch den Oberteil des Wasserturms will die Verwaltung beseitigen. Das Zechenhaus „Kohlenkirche“ dagegen steht unter Denkmalsschutz und darf nicht abgerissen werden. Mangels Mitteln für eine Sanierung wird der Verfall des Bauwerkes aber wohl weiterhin fortschreiten.

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