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Stadthagen Stadt Kevin R. belastet Jörg W. und dessen Frau
Schaumburg Stadthagen Stadthagen Stadt Kevin R. belastet Jörg W. und dessen Frau
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20:15 29.10.2018
Quelle: mt/Archiv
Bielefeld/Stadthagen

Nur ein leichtes Kopfschütteln, danach verzieht der Angeklagte Jörg W. keine Miene mehr – obwohl ihn Kevin R. mit seiner Aussage schwer belastet. Am sechsten Prozesstag vor dem Bielefelder Landgericht äußert sich der 24-Jährige über seinen Verteidiger erstmalig zu den Mordvorwürfen. Sein Ziehvater dagegen hatte die Taten Kevin R. zugeschoben und behauptet, dieser habe drei Männer, darunter den Stadthäger Fadi S., aus Mordlust getötet.

In seinen Ausführungen stellt sich der Zeitsoldat als Opfer dar, der Angst um sein Leben hatte. Außerdem habe Jörg W. seiner Ehefrau Doris von den zwei Toten erzählt, belastete Kevin R. auch seine Patentante im Zusammenhang mit den Mordfällen. Sie hätte allerdings nicht darüber reden wollen und habe Angst gehabt, dass alles auffliegt.

Erster Mord aus heiterem Himmel

Demnach sei er von dem ersten Mord an dem 71-jährigen Nachbarn Gerd F. nahezu überrascht worden. Eigentlich hätten sie ihm nur Lebensmittel bringen und die Katzen füttern wollen. Mit dem „gut angetrunkenen“ Rentner hätten sie in der Küche eine Zigarette geraucht, ehe Jörg W. und Gerd F. den Raum verließen.

„Minuten später hörte ich ein lautes Rumms und ein Stöhnen“, schildert Kevin R. Das nächste Bild, dass sich ihm bot, war Jörg W., der im Keller auf den am Boden liegenden Gerd F. mehrmals und „sehr feste“ mit einem Ziegelstein einschlug. Der 51-Jährige habe ihm dann befohlen, die Kellertür mit einem Akkuschrauber zu verschließen.

Unmittelbar nach der Tat und den Tagen danach drohte Jörg W. seinem Ziehsohn: „Du hältst die Schnauze und hältst dicht. Du weißt, was sonst passiert.“ Ihm sei sofort klar gewesen, dass auch sein Leben in Gefahr sei.

Mit dem Ziegelstein umgeklatscht

Der Mord an Jochen K. sei ein paar Wochen später geschehen, schildert Kevin R. Der ehemalige Fremdenlegionär Jörg W. habe den landwirtschaftlichen Helfer mit einem Ziegelstein „umgeklatscht“ und mit „einer Art Rambomesser“ in den Rücken des Opfers gestochen. Auch bei dieser Tat habe Jörg W. ihn genötigt, ihm zu helfen, die Leiche in einer Grube zu verstecken.

Jörg W. sei dann einige Tage später auf die Idee gekommen, die beiden Leichen auf seinem Grundstück zu vergraben. Er selber habe sich vor der Aktion betrunken, um sich zu beruhigen, lässt Kevin R. über seinen Verteidiger verlesen. Als sie Gerd F. aus dem Keller hervorholten, bot sich ihm ein Bild des Schreckens: Die Leiche sei verschimmelt gewesen, mehrere Finger bereits abgefallen. „Der Geruch trieb mir die Kotze hoch“, liest Kevins Anwalt vor.

Wochen voller Angst

Was folgte, so Kevin R., seien Wochen voller Angst gewesen. In dieser Zeit habe sein Ziehvater ihm geraten, eine Risiko-Lebensversicherung abzuschließen. Seine Begründung: Beim Bund könne ja so viel passieren. „Ich denke, wenn ich das gemacht hätte, wäre ich längst weg vom Fenster.“

Die Geschäftsbeziehung zwischen Jörg W. und dem dritten Opfer Fadi S. habe er nur am Rande mitbekommen. Im Zusammenhang mit den Renovierungsarbeiten am Haus von Gerd F. – das Jörg W. ihm in Aussicht gestellt hatte – sei Fadi S. für Maurerarbeiten dazugekommen. Gerade hätten sie sich noch über Werkzeuge unterhalten, da sei Jörg schon wieder ausgerastet und habe den Libanesen mit einem Hammer auf den Kopf geschlagen.

„Jörg war so voller Gewalt, dass ich Angst wie noch nie vor ihm hatte“, schildert Kevin R. und ergänzt: „Er sah aus wie auf Droge.“ Bereits wenig später sei sein Ziehvater schon wieder ganz normal gewesen, hätte ihn aber ermahnt, „die Füße still zu halten.“ Zuhause hätte Doris schon mit dem Essen auf die beiden gewartet. Appetit habe er nicht gehabt.

Grausame Details

Der Gerichtsmediziner Dr. Ronald Schulz vom Uniklinikum Münster bestätigte, dass das jüngste Opfer – der zweifache Familienvater Fadi S. – an seinen schweren Kopfverletzungen gestorben ist. Die Todesursache sei ein schweres Schädelhirntrauma aufgrund mehrfacher stumpfer Gewalteinwirkung gegen den Kopf, so der Experte. Der Mediziner zählte weiterhin ein gebrochenes Nasenbein, einen Bruch an Augenhöhle und Jochbein sowie Blutungen an Armen und Beinen auf. Er habe scherbenartige Knochenbrüche festgestellt und sogar Hirnmaterial in der Kapuze des Opfers gefunden. Der Gerichtsmediziner bestätigte, dass die Verletzungen zum gefundenen Hammer passten.

Der oder die Täter hätten mindestens sieben bis acht mal, wahrscheinlich aber mehr als zehn mal auf den Kopf von Fadi S. eingeschlagen, so Schulz. Viele Fragen konnte der Rechtsmediziner nicht mit Sicherheit beantworten. War der 30-Jährige bereits nach dem ersten Schlag bewusstlos? Wurden ihm die Verletzungen im Stehen zugefügt? Wie kam das Blut auf die Jacke von Kevin R.? Weil vieles noch klärungsbedürftig scheint, zieht der Vorsitzende Richter Georg Zimmermann die Anfertigung eines Spritzspuren-Gutachtens in Erwägung.

Der Prozess wird am 30. Oktober fortgesetzt. mt