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Ladendieb am Ende der Fahnenstange

Stadthagen/Bückeburg Ladendieb am Ende der Fahnenstange

Letzte Chance für einen Ladendieb: Der Stadthäger (25) muss nun doch nicht ins Gefängnis. Die Berufungskammer am Bückeburger Landgericht hat eine viermonatige Haftstrafe zur Bewährung ausgesetzt. Allein wegen Diebstahls ist der Angeklagte, ein Mann mit hoher Rückfallgeschwindigkeit, siebenfach vorbestraft

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  Stadthagen/Bückeburg (ly). „Eine Sache noch, dann werden Sie eingesperrt“, warnte Richter Jens Rass den Angeklagten. „Das Ende der Fahnenstange ist erreicht.“

Nur einen Tag vor dem Bückeburger Prozess hatte das Amtsgericht Stadthagen gegen den scheinbar notorischen Langfinger in einem anderen Fall zehn Monate Freiheitsstrafe verhängt, ebenfalls auf Bewährung. Mit übertriebener Milde zu Ostern haben beide Urteile nichts zu tun, vielmehr mit neuen Erkenntnissen aus einem Gutachten zum Geisteszustand des 25-Jährigen. In jener Expertise wird der Stadthäger als vermindert schuldfähig eingestuft.

Ein vom Gericht bestellter Psychiater leitet dies einerseits aus einem Intelligenzquotienten ab, der mit 52 an der Grenze zur geistigen Behinderung liegt, andererseits aus der Lebensgeschichte des Stadthägers. Der Sachverständige schlägt für den 25-Jährigen eine engmaschige Betreuung vor. Zu den Bewährungsauflagen gehört daher, dass sich der Delinquent einem Betreuungsverfahren stellt. Zurzeit, so der Psychiater, seien Diebstähle für den Angeklagten „ein Ventil, sich gelegentlich etwas Gutes zu tun“.

Das Schlagwort von der schweren Kindheit ist schon arg strapaziert. Gerne schieben Straftäter dieses Argument vor. Hier jedoch passt es. Hinter dem 25-Jährigen liegt eine traurige Jugend. Als er noch ein Kind ist, fesselt seine psychisch kranke Mutter den Sohn mit einer Kette ans Bett. Später folgt eine Odysee durch diverse Heime. Von innen sieht der Junge auch mehrere Kinderpsychiatrien. Schon damals gilt er als verhaltensauffällig.

Heute lebt der Stadthäger völlig isoliert. Eine Arbeitserlaubnis kommt nicht infrage, weil der Ausländer in Deutschland nur geduldet ist, jedoch kein anerkannter Asylbewerber. Den Landkreis darf er nicht verlassen. „Ich will ja arbeiten“, sagt der Angeklagte. „Aber ich darf nichts aus mir machen. Hätte ich von Anfang an eine Chance bekommen, wäre ich nie auf die schiefe Bahn geraten.“

Der 25-Jährige bekommt Einkaufsgutscheine und 30 Euro Taschengeld. „Er sitzt allein in seiner Wohnung, hat kein Geld und weiß nicht, wie es weitergeht“, fasst der Gutachter zusammen. Hilft Therapie? „Dagegen kann man nicht antherapieren.“ Betreuung könnte der Ausweg aus dem Teufelskreis sein. „Stumpf wegsperren bringt jedenfalls gar nichts“, meint Verteidiger Reiner Wötzel. „Mein Mandant würde die Strafe absitzen und genau da weitermachen, wo er aufgehört hat.“

Vor der Berufungskammer ging es um vier Ladendiebstähle, begangen zwischen Ende Januar und Anfang April 2011. Je zweimal traf es Geschäfte in Stadthagen und Bückeburg. Die Beute: DVDs, Schokoriegel, ein Energy-Drink. Der Wert: zusammen etwas mehr als 300 Euro. Viel Geld für einen Mann, der 30 Euro für sich hat.

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