Menü
Schaumburger Nachrichten | Ihre Zeitung aus Schaumburg
Anmelden
Stadthagen Stadt Mordfall Hille: Kevin R. bezeichnet Tat als „wegzimmern“
Schaumburg Stadthagen Stadthagen Stadt Mordfall Hille: Kevin R. bezeichnet Tat als „wegzimmern“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:18 03.11.2018
Kevin R. wurde zunächst in Gewahrsam genommen, dann für einige Tage erneut auf freien Fuß gesetzt. Quelle: dpa
Hille/Stadthagen

Kurios: Der Vernehmungsbeamte aus Minden hatte kaum Vorkenntnisse und sei nach eigenen Angaben nur eingesprungen, weil andere Ermittler nicht konnten.

Das wirft ein schlechtes Licht auf die Staatsanwaltschaft, die sich die Frage gefallen lassen muss, warum Kevin R. zunächst in Gewahrsam genommen wurde und einen Tag später wieder auf freiem Fuß war. Sogar der Angeklagte ging bei der ersten Vernehmung davon aus, dass er in Untersuchungshaft kommen würde – und war am Ende erleichtert, dass er zunächst nicht ins Gefängnis musste.

Vor dem Landgericht Bielefeld sagten am Dienstag zwei Polizisten aus, die Kevin R. als Erste vernommen hatten. Zunächst wurde der 24-jährige Zeitsoldat am 9. März als Zeuge befragt. Er sollte dabei Angaben zum Verschwinden seines Ziehvaters Jörg W. machen, der von seiner Frau Doris bei der Polizei als vermisst gemeldet worden war. „Es hat uns gewundert, dass Kevin in einer Uniform zum Revier nach Minden kam. Vielleicht wollte er Eindruck schinden“, sagte der Hauptkommissar über das Erscheinungsbild des Zeugen.

Kühl und gefühlskalt

Im Laufe der Vernehmung – in der Kevin R. seinem Ziehvater zunächst ein Alibi gab, weil er behauptete, die ganze Zeit mit ihm zusammen gewesen zu sein – sei der Zeuge nach und nach zum Beschuldigten geworden, so der Beamte. Irgendwann habe Kevin R. gesagt: „Es tut mir leid, dass ich Sie erst verarscht habe.“ Während R. anfangs dominant und selbstsicher auf ihn gewirkt habe, habe seine Gesichtsfarbe gewechselt, als ihm mitgeteilt worden sei, dass auf dem Nachbargrundstück von Jörg W. ein Fahrzeug und eine Leiche gefunden worden waren, berichtete der Beamte.

Im Anschluss habe der 24-Jährige kühl und gefühlskalt geschildert, wie Jörg W. den Libanesen Fadi S. mit einem Werkzeug erschlug. Er selbst soll währenddessen leere Katzenfutterdosen in einen gelben Sack geräumt und die Tat nur aus dem Augenwinkel gesehen haben. Anschließend habe er lediglich den Befehl von Jörg W. befolgt, das Auto von Fadi S. rückwärts in die Garage zu fahren. Anschließend kehrten beide auf den Hof der Familie W. zurück. Dort soll Doris W. Rehgulasch zum Mittag serviert haben.

Der Polizist glaubte den Angaben von Kevin R. nicht vollständig. Außerdem hätten die Details auf ihn wie mit dem Ehepaar W. abgesprochen und „wie abgespult“ gewirkt. Den Polizisten schockierte die Wortwahl des Zeitsoldaten, der das Erschlagen von Fadi S. als „wegzimmern“ bezeichnete. „Ich fand das Wort total schrecklich. Das zeigt seine Kühle“, sagte der Polizist vor Gericht. Zudem habe ihn gewundert, dass Kevin R. der Mord an dem Familienvater offenbar weniger beschäftigte als die Sorgen um seine Zukunft. „Er sah seinen Traum, Rettungssanitäter zu werden, zerplatzen“, so der Beamte.

Die Zeugenaussage des zweiten Vernehmungsbeamten entlockte dem Vorsitzenden Richter Georg Zimmermann am Ende nur ein ironisches Lächeln. Der Polizist aus Minden vernahm Kevin R. am 10. März, einem Samstag. Das Protokoll der Vernehmung vom Vortrag hatte er nach eigenen Angaben „nur überflogen“ und habe des Weiteren kurz das Obduktionsergebnis der Leiche von Fadi S. mitgeteilt bekommen.

Welche Rolle spielte Doris W.

„Warum setzt man einen Beamten da hin, der so wenig Kenntnis von dem Fall hat?“, fragte Zimmermann. Spöttisch bemerkte Nebenkläger-Anwalt Samir Omeirat: „Ich rate meinen Mandanten, demnächst nur noch samstags zur Vernehmung zu kommen.“

Den Prozessbeobachtern drängt sich nach den Zeugenaussagen der beiden Polizisten erneut die Frage nach der Rolle von Doris W. auf. Einer der beiden Ermittler stufte sie als wenig glaubwürdig ein und vermutet, dass sie bei einer Vernehmung nicht die Wahrheit gesagt hat.

Von Stefanie Dullweber und Ilja Regier/mt