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Nach 34 Jahren entschleunigt in die Sonne

Direktorin des Amtsgerichts geht in den Ruhestand Nach 34 Jahren entschleunigt in die Sonne

Menschen sind es, die den Arbeitsalltag von Gudrun van Lessen bestimmt haben. Nun beginnt für die Juristin ein neuer Lebensabschnitt. Nach 34 Jahren verabschiedet sich die Direktorin des Amtsgerichtes Stadthagen am 27. Februar in den Ruhestand.

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Nach 34 Jahren verabschiedet sich Gudrun van Lessen, die Direktorin des Amtsgerichtes Stadthagen, am 27. Februar in den Ruhestand.

Quelle: tbh

Stadthagen..  Wenn die Richterin über ihre Arbeit spricht, geht es nicht um Straftäter oder Fälle, sondern um Menschen. Ihre Schwerpunkte lagen neben der Verwaltungsarbeit im Strafrecht, und vor allem im Betreuungsrecht. „Ich bin nicht die klassische Juristin“, so ihre Selbstbeschreibung. Statt wochenlang über einem juristischen Problem zu brüten, sei sie lieber vor Ort, bei den Menschen.

Besonders im Betreuungsrecht hatte sie dazu oft Gelegenheit. Eine Herzensaufgabe die viel Kraft erforderte. Ständig unterwegs, um für die persönliche Freiheit von denen zu kämpfen, die es alles andere als leicht haben. Van Lessen kümmert sich um Menschen, die psychisch krank oder pflegebedürftig sind: „Das ist ein großer zeitlicher Aufwand, aber ich mache das gerne, weil es ein großes Spektrum außerhalb der Juristerei umfasst.“ Als Meilenstein in ihrer beruflichen Laufbahn bezeichnet sie das 1992 in Kraft getretene Betreuungsrecht, welches das bis dahin geltende Recht der Vormundschaft und Pflegschaft ablöste. „Das war für mich ein Quantensprung, weil ich endlich mehr Möglichkeiten hatte, im Sinne der Betroffenen zu handeln, die keine Lobby haben.“ Als Direktorin habe ihr viel daran gelegen, die Antragsteller nicht, wie früher üblich, als Bittsteller zu sehen, sondern als Menschen, die ein Anliegen haben, als „Bürger, die ernst genommen werden“.

Im Anschluss an ihr Jurastudium arbeitete die gebürtige Ostfriesin zunächst bei den hannoverschen Behörden. 1998 wechselte die Juristin zum Amtsgericht Stadthagen, der Behörde, die sie in den vergangenen 17 Jahren leitete. Mit dem „Jura-Virus“ hat sich van Lessen – recht früh – bereits während der Schulzeit infiziert. „Bei einem Kurs zu Strafrecht in der zwölften Klasse hat es mich gepackt“, verrät sie.

Seit 1988 lebt die 60-Jährige in Schaumburg. Ihre vier Kinder sind mittlerweile erwachsen, das zweite Enkelkind ist unterwegs. Die älteste Tochter ist ein Adoptivkind. Als die Mutter einer heute Mitte 40-Jährigen gestorben war, haben van Lessen und ihr Mann Alf Renners beschlossen, das damals noch junge Mädchen aus der Nachbarschaft bei sich aufzunehmen. Kurz darauf bekam die Richterin eine leibliche Tochter und zwei Söhne. Zeit für die Familie sei mit ihrem Beruf eher selten – auch eine Babypause hat die Juristin nicht gebraucht.
Ihr Mann, mit dem sie seit 37 Jahren verheiratet ist, blieb daheim und hielt ihr den Rücken frei. Umso mehr freut sich van Lessen darauf, den Ruhestand zu genießen. Im Herbst ist eine Reise nach Irland geplant, wo ihre Tochter lebt und das zweite Kind erwartet.

Angst vor Langeweile hat sie nicht: „Ich muss erstmal entschleunigen und im Ruhestand ankommen.“ Bis zum letzten Tag arbeitet sie. Danach möchte sie mit dem Wohnmobil reisen – eine Leidenschaft der Familie. Am liebsten dahin, wo es sonnig ist. Auch für Hobbys wie Meditation und Thai Chi ist dann genügend Zeit. Der Abschied aus dem Traumberuf, für die Richterin eine bewusste Entscheidung: „Ich gehe nicht, weil ich ausgebrannt bin oder gehen muss, sondern einfach weil es geht, und ich bin sehr dankbar für diese Möglichkeit.“
Wer die Nachfolge von van Lessen antreten wird, ist derzeit noch nicht bekannt. tbh

   

Mitfühlen, nicht mitleiden

In ihren 34 Jahren als Juristin hat Gudrun van Lessen eine Vielzahl trauriger, dramatischer und kurioser Dinge erlebt. Ein junger Mann, dessen Weg sie eine Zeit lang als Richterin begleitete, hat einen bleibenden Eindruck hinterlassen:

„Als Jugendlicher hat mich der Mann in einer Reihe von Prozessen unglaublich beschäftigt, bis er dann schließlich eine Jugendstrafe verbüßen musste.“ Jahre später habe er sie unvermutet in ihrem Büro aufgesucht, mit guten Nachrichten im Gepäck: „Er strahlte richtig, zeigte mir Fotos von seinem Kind und berichtete mir von seinem neuen Job.“ Der straffällige Jugendliche von einst bedankte sich bei der Richterin dafür, dass sie ihn zur Vernunft gebracht hatte.

Weniger gern denkt die 60-Jährige an ein Ereignis zurück, dass sie ebenfalls sehr bewegt hat. Eine alte Dame, die einsam und zurückgezogen in einem großen Haus lebte. Familie hatte sie keine, Nachbarn ließ sie nicht an sich heran. Die Frau sei offenbar seit Jahren nicht mehr alleine zurechtgekommen, war stark abgemagert und psychisch krank. Die Juristin musste sich um eine Unterbringung kümmern. Als sie das Haus der Seniorin betrat, habe es ihr den Atem verschlagen. „Es war unfassbar, so etwas hatte ich noch nie gesehen“, erinnert sie sich. „Das Haus war völlig vermüllt, der Unrat sei bereits so weit kompostiert gewesen, dass es nicht einmal mehr unangenehm roch.“

Eines hat die Richterin bei aller Hingabe zu ihrem Beruf immer beherzigt, nämlich sich ausreichend von dem abzugrenzen, was sie täglich erlebte. Aus Erfahrung hat sie gelernt: „Man darf mitfühlen, aber nicht mitleiden.“ tbh

Drei Fragen an

Frau van Lessen, was werden Sie an Ihrer Arbeit am meisten vermissen?
Den Kontakt zu Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und zu den vielen liebenswerten, spannenden, manchmal skurrilen und meist nicht stromlinienförmigen Menschen aus der richterlichen Arbeit.
Sind Sie schon einmal an Ihre Grenzen gestoßen?
Ja. 2010 hatte ich einen kompletten Zusammenbruch im Zuge einer Burnout-Depression, gepaart mit Wechseljahresproblemen. Durch professionelle Hilfe habe ich gelernt, etwas mehr Selbstfürsorge zu betreiben.
Gibt es einen Wunsch, den Sie sich im Ruhestand erfüllen möchten?
Keinen speziellen. Ich möchte alles auf mich zukommen lassen und schauen, was das Leben noch bietet.  tbh

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