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Stadthagen Stadt Obdachloser sucht Wohnung bei Ebay
Schaumburg Stadthagen Stadthagen Stadt Obdachloser sucht Wohnung bei Ebay
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18:43 06.02.2018
Stadthagen

 Der größte Wunsch des gebürtigen Hamburgers: Endlich ein Dach über dem Kopf, nicht mehr frieren müssen. „Hallo ich bin der Obdachlose aus Stadthagen“, schreibt Michael in der Anzeige. „Leider kann uns die Stadt Stadthagen durch ein Hundeverbot nicht unterbringen.“

Und genau das ist sein Problem, erklärt er: sein Hündin Nelly. Mit ihr schlägt Michael sich seit dem 22. Dezember vergangenen Jahres auf der Straße durch. Zunächst bekam er einen Übernachtungsplatz in der Obdachlosenunterkunft in Stadthagen in Aussicht gestellt. „Daraus wurde aber nichts, weil dort angeblich keine Hunde erlaubt sind“, sagt Michael.

Kurzfristige Lösung gefunden

Nachdem die SN sich an die Stadt gewandt haben, hat sich kurzfristig eine Lösung gefunden. Michael darf in der Unterkunft an der Herminenstraße übernachten. Hündin Nelly muss aber im Tierheim schlafen. Bürgermeister Oliver Theiß hatte selbst mit dem 47-Jährigen Kontakt aufgenommen und versichert, auch weiterhin bei der Suche nach einer dauerhaften Unterkunft für ihn zu helfen.

Michael hat keine großen Ansprüche: „Ich wünsche mir einfach nur eine Bleibe, wo wir alt werden können.“ Die sieben Jahre alte Hündin ist sein einziger Weggefährte. „Sie ist mein seelischer Beistand und mein Schutz.“ Direkt Angst habe er zwar nicht, aber er sei schon froh, dass Nelly auf ihn aufpasse, während er draußen schläft.

Alles, was er besitzt, hat er in Koffern und Taschen auf einem kleinen Handwagen verstaut. Bislang hat er in einem Buswartehäuschen am Jahnplatz Unterschlupf gesucht. Das Schlimmste für ihn: „Dass man sich nicht waschen, keine frischen Sachen anziehen kann und immer auffällt, wenn man mit Sack und Pack durch die Gegend zieht.“

Ordnung ist wichtig

Michael sei Ordnung und Sauberkeit wichtig. Auch seinen improvisierten Schlafplatz verlässt er immer akkurat. Er räumt auf, wenn Nelly beim Toben ein Stöckchen zu Sägemehl verarbeitet hat. Auch wenn er an seiner Situation derzeit nicht viel ändern könne, versucht er, mit beschränkten Mitteln dennoch einen guten Eindruck zu hinterlassen. Der 47-Jährige steht nicht gerne im Mittelpunkt. „Ich war schon immer ein Einzelgänger“, sagt er.

Zwei Tage vor Weihnachten musste er aus seiner Wohnung in einem kleinen Ort bei Ratzeburg in Schleswig-Holstein ausziehen. Vier Jahre hatte er dort gelebt, nachdem er 2013 Stadthagen verlassen hatte. Der Mieter hatte erst Eigenbedarf angemeldet und den 47-Jährigen nach eigenen Worten dann nach und nach „rausgemobbt“. Erst sei die Heizung ausgefallen, dann habe es kein Wasser mehr gegeben. Weil er von 2010 bis 2013 in der Obdachlosenunterkunft an der Herminenstraße untergebracht war, ist er nun erneut nach Stadthagen gekommen.

Der gebürtige Hamburger ist seit 1998 obdachlos. „Mit 18 habe ich entdeckt, wie man Versandhäuser überlisten kann.“ Er bestellte, zahlte aber nicht. So türmten sich Schulden auf. Heute bereut er seine Taten, lebt von Hartz IV, zahlt Strafgebühren mit einem Monatsbeitrag ab. Wie hoch seine Schulden insgesamt sind, weiß er nicht.

Von Tag zu Tag leben

Die Hoffnung, dass er noch einmal in ein normales Leben zurückfinden kann, habe er mit knapp 50 Jahren aufgegeben. Er ist an Rheuma erkrankt, kann keine körperlich schwere Arbeit annehmen. „Man verdrängt vieles, denkt von Tag zu Tag“, sagt er auf seine Zukunftsperspektiven angesprochen. Im Moment will er einfach nur wieder ein Dach über dem Kopf, einen Ort, wo er nicht mehr frieren muss, wo er sich mit Hündin Nelly zurückziehen kann, um nicht mehr auf der Straße leben und auffallen zu müssen.

Über eine Annonce versucht der Obdachlose Michael L. eine Unterkunft finden.

Die Reaktionen auf seine Annonce waren enorm. So manche unseriöse Nachricht war allerdings auch dabei. „Es gibt schon Männer, die aus Hannover kommen und mich abholen wollten. Da müsste ich auch keine Miete zahlen, mich aber anderes erkenntlich zeigen“, deutet er die unmoralischen Angebote mancher Herren an.

Aber auch wenn es lange kein konkretes Angebot gab, hat das Inserat eine Welle der Sympathie ausgelöst. Viele Menschen halten an, wenn sie Michael in seinem Buswartehäuschen sehen.
Sein freundliches Auftreten lässt die Menschen schnell mit ihm ins Gespräch kommen. Viele geben ihm ein paar Euro oder fragen, ob sie ihm etwas zu essen kaufen können. Vor allem für Nelly wird viel gespendet. „Ich habe manchmal 20 Kilogramm Hundefutter in der Woche“, sagt er.

Auch Anakin Szabo gibt ihm ein paar Euro. Er fragt, ob er ihm etwas zu essen kaufen kann. Der 32-Jährige hat auf seinem Heimweg von der Arbeit angehalten. Auch ihm tut Michael leid. Aus seiner Sicht sind die Städte und Kommunen in der Pflicht, dafür zu sorgen, dass Menschen nicht auf der Straße schlafen und frieren müssen.

Viele wollen helfen

Über Facebook haben ebenfalls viele auf die Wohnungssuche des Stadthäger Obdachlosen aufmerksam gemacht. Und auch bei den SN meldeten sich Leser, die ihm helfen wollen. Doch das ist nicht so einfach. Das Jobcenter würde zwar eine Wohnung bis zu 50 Quadratmetern bezahlen, aber dafür müsste jemand bereit sein, Michael und Nelly bei sich einziehen zu lassen.

Währenddessen überschlugen sich gestern Abend jedoch die Ereignisse. Als die Stadtverwaltung ihn nach der Absprache mit Theiß abholen will, die überraschende Nachricht: Michael und Nelly haben vorübergehend privat eine Übernachtungsmöglichkeit gefunden. Bleibt abzuwarten, ob sich daraus eine dauerhafte Wohnmöglichkeit ergibt. Zu wünschen wäre es beiden.
Die Annonce gibt es hier. Über das Internetportal können potenzielle Vermieter auch mit Michael Kontakt aufnehmen. tbh