Menü
Schaumburger Nachrichten | Ihre Zeitung aus Schaumburg
Anmelden
Stadthagen Stadt Revolte in Stadthagen, 1968
Schaumburg Stadthagen Stadthagen Stadt Revolte in Stadthagen, 1968
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
21:05 26.09.2018
Wilde Fans beim Stones-Konzert: Oberstudiendirektor Stracke gefällt so etwas nicht. Quelle: dud

Es ist dunkel, das Licht geht an. 2018 wird zu „Solo“ getanzt. Der Kassettenrekorder spult zurück: 1997 „Everybody“, 1982 „Thriller“, 1976 „Dancing Queen“. Dann ist das Publikum angekommen im Stadthagen des Jahres 1968. Oberstudiendirektor Dr. Heinrich Stracke führt mit strenger Hand Niedersachsens größtes Gymnasium: das Ratsgymnasium. Platznot, das Schaumburger Bürgertum und die erwachende Kritik an Lehre und Gesellschaft seitens der Schüler sorgen bei ihm für regelmäßige Verzweiflung. In dem von Jürgen Wiemer geschriebenen Stück „Wo soll das alles enden?“ wurden die Zuschauer jetzt mitgenommen auf eine Reise in die Zeit der Studentenrevolte, Demokratisierung und Drogen.

Wer meint, das hätte nichts mit Stadthagen zu tun, liegt falsch. In 15 Kapiteln zeigte das Schauspielensemble unter Leitung von Simon Chluoba und Max Lichte, wie sich die Stadthäger Schüler neu organisierten und von den Lehrern mehr Weltoffenheit und Demokratie forderten. Im Auftrag der Schaumburger Landschaft und mit Unterstützung der Kulturstiftung Schaumburg recherchierte Wiemer gemeinsam mit den Schülern viele Fakten, die die politische und gesellschaftliche Entwicklung Deutschlands anhand des Ratsgymnasiums widerspiegeln.

So wird vom schlecht besuchten Reinhard-Mey-Konzert in der Aula berichtet, für das Stracke drauflegen musste, weil die Schülerschaft genug von dem braven Image hatte und die Jugend lieber bei den Rolling Stones in Hamburg feierte. Thematisiert wurden auch die Selbstmordversuche eines 15-jährigen Schülers unter Drogeneinfluss im Pastorenhaus, endgültiger Beleg der kritisierten Umfrage zum Drogenkonsum am Ratsgymnasium, sowie die Neugründung einer Vereinigung durch die Schaumburger Gymnasiasten „gegen autoritären Unfug“.

Themen in Klassenaufsätzen wurden von den Schülern als nicht mehr gesellschaftsfähig erachtet, und beim Beat-Wettbewerb siegten die Loving Hearts. Heintje mochte niemand mehr hören, auch wenn Frederick Lieske ihn mit dem Kontrabass herrlich imitierte, und Kinofilme wie „Pepe, der Paukerschreck“ landeten in der Tonne.

Musikalisch untermalt wurde die Aufbruchstimmung von 1968 von „The Stracke Beats“ unter Leitung von Dietmar Post, der Titel von den Beatles, Kinks und Stones zum Teil neu arrangierte.

Wieder einmal bewiesen die Ratsgymnasiasten, wie man mit wenig Kulisse, aber viel Hingabe und Engagement das Stadthäger Publikum begeistern kann. dud