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Schaumburger Brauerei: Lichter gehen aus

Amtsgericht ordnet Insolvenzverfahren über Traditionsunternehmen an Schaumburger Brauerei: Lichter gehen aus

Nach 143 Jahren ist Schluss: In der Schaumburger Brauerei sind die Lichter ausgegangen. Wie erwartet, hat das zuständige Gericht in Bückeburg gestern das Insolvenzverfahren über die Schaumburger Private Braumanufaktur GmbH eröffnet.

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Eine dunkle Fensterwand: In der Schaumburger Brauerei an St. Annen sind endgültig die Lichter ausgegangen. 

Quelle: rg

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In den vergangenen drei Monaten war ein vorläufiges Insolvenzverfahren gelaufen, in dem noch nach Möglichkeiten der Weiterführung des Betriebes gesucht wurde. Das ist nun vorbei, jetzt geht es nach Auskunft von Insolvenzverwalter Matthias Lehmann (Minden) nur noch um die Abwicklung.

Die Tätigkeiten in der Brauerei an St. Annen sind eingestellt. „Es werden jetzt nur noch letzte wenige Aufräumarbeiten erledigt“, berichtet Lehmann, „und das restliche noch vorhandene Bier aus den Tankanlagen wird abgeholt.“

Wie Lehmann erläutert, sind von dem Aus 20 Beschäftigte betroffen – davon etwa die Hälfte Teilzeitkräfte. Der Insolvenzverwalter hat die Belegschaft gestern in einer Betriebsversammlung über die Gerichtsentscheidung informiert.

„Es stehen jetzt Verhandlungen über einen Interessenausgleich und einen Sozialplan an“, sagt Lehmann. Diese fänden allerdings nur deswegen statt, weil das gesetzlich zwingend so vorgeschrieben sei. Denn mit finanziellen Zuwendungen wird das für die Arbeitnehmer nicht verbunden sein. „Es ist in der Firma einfach kein Geld mehr vorhanden, ich weiß nicht, woher ich es nehmen soll“, legt Lehmann offen und fügt hinzu: „Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit werde ich den Sozialplan und den Interessenausgleich also nicht mit Geld bestücken können.“

Die Verhandlungen sollen laut Insolvenzverwalter so schnell wie möglich abgeschlossen werden. Das liege auch im erklärten Interesse der Belegschaft, wie auf der Betriebsversammlung deutlich geworden sei. Denn erst dann könnten Kündigungen ausgesprochen werden, wodurch ein Anspruch auf Arbeitslosengeld entsteht. Um den Betroffenen bis dahin noch Lohn zu zahlen, „ist ja kein Geld mehr in der Kasse“, wiederholt Lehmann den Kern des Übels.

In der Firma sei nicht nur kein Geld mehr, sondern praktisch auch kein sonstiges Vermögen mehr vorhanden, erläutert der Rechtsanwalt. „Außer sehr überschaubaren Mengen an Hopfen und Malz sowie einigen Gläsern gibt es nichts mehr zu veräußern.“ Daher prognostiziert Lehmann auch mit Blick auf die Gläubiger: „Diese werden nach jetziger Einschätzung überwiegend leer ausgehen.“

Dass sich kein Käufer gefunden hat, habe am hohen Investitionsbedarf gelegen. Ein Übernehmer hätte laut Lehmann einen siebenstelligen Betrag in eine neue Abfüllanlage stecken müssen. Das hätte sich aber nur gerechnet, wenn der Käufer zu einem günstigen Preis an das Grundstück gekommen wäre. Dieses gehört der Brauerei Lambrecht GmbH & Co. KG, die von der Insolvenz nicht betroffen und deren Eigentümer die Familie Lambrecht ist. Wie Lehmann nach eigenem Bekunden von potenziellen Käufern erfahren hat, „war der Grundstückspreis zu hoch“.

Das Verhalten von KG-Geschäftsführer Friedrich-Wilhelm Lambrecht habe er freilich nicht zu bewerten: „Herr Lambrecht verfügt über sein Eigentum, wie andere über ihres verfügen.“ Ohnehin habe er schon zu Beginn seiner Tätigkeit „von Vielen gehört, die Braumanufaktur sei unverkäuflich und die Sache damit eine Totgeburt“. Hintergrund: Zur insolventen Firma gehören praktisch nur die Mitarbeiter, während alle Vermögenswerte – Immobilien, Ausstattung und Markenrechte – unter der KG firmieren.

Dass Lambrecht die Nutzungsrechte der Marke „Schaumburger“ an den Nienstädter Getränkegroßhandel Damke abgetreten hat, findet Lehmann „nicht wahnsinnig überraschend“. Damke sei seit Langem der größte Abnehmer der hiesigen Brauereiprodukte gewesen und „die Absatzwege von Damke sind für Lambrecht, der noch die Markenrechte besitzt, interessant – egal, wo das Bier gebraut wird“. Wie berichtet, will Damke das Bier im Sauerland produzieren lassen.

Von einer „traurigen Stimmung in der Belegschaft“ spricht Betriebsratschef Fritz Sölter. Etliche der Mitarbeiter „haben Jahrzehnte für die Brauerei gelebt, es ist ein schlimmes Gefühl, dass nun Schluss ist“, fügt er hinzu. In die Trauer mische sich reichlich Zorn, „weil dieses Ende nicht nötig gewesen wäre“. Sölter berichtet, einige der Beschäftigten hätten bereits neue Jobs gefunden. Ganz schwer hätten es aber vor allem die beiden Brauer, die älter als 50 sind. Sölter: „Für die ist die Lage dramatisch.“

Nur Verlierer

Wir haben mit ihm auf Babys und Brautpaare angestoßen, uns damit auf Schützen- und Erntefesten zugeprostet oder es mit Nachbarn auf der Terrasse getrunken: Das Schaumburger Bier hat viele von uns durchs Leben begleitet. Je nach Geschmack: die einen mehr, die anderen weniger.

Doch wir sprechen nicht nur über ein Bier. Mit dem Aus für die Brauerei geht auch ein Kapitel Heimatgeschichte zu Ende und – mehr noch – ein Stück Identität verloren.

Dass die Marke „Schaumburger“ zunächst erhalten bleibt und in einem 200 Kilometer entfernt gebrauten Bier weiterlebt, ist nur ein schwacher Trost. Die Fangemeinde wird sich in zwei Lager teilen: Die Idealisten werden die „Rettung“ als Etikettenschwindel ablehnen, die Realisten zähneknirschend zur Flasche sauerländischer Herkunft greifen. Motto: besser so, als gar kein „Schaumburger“ mehr.

War das alles unausweichlich? Es ist keine Schande, wenn jemand für sich beschließt, das Familienerbe nicht fortsetzen zu wollen. Insbesondere in einer Branche, in der es immer härter zugeht. Was sich Friedrich-Wilhelm Lambrecht als letzter Geschäftsführer und Gesellschafter der Brauerei-Unternehmungen aber vorhalten lassen muss, ist, dass er zu wenig dafür getan hat, um der Brauerei vielleicht doch noch das Überleben zu sichern. Die komplizierten Eigentumsverhältnisse hätten sein aktives Mitwirken erfordert: etwa durch das frühzeitige Signal, im Bewusstsein seiner Verantwortung auch Anlagevermögen und Markenrechte – eben alles, was man für die Fortführung braucht – zu einem fairen Preis an einen Übernehmer abzutreten. Hier hat er mehr verhindert als geholfen. So war das ganze Unterfangen von vornherein zum Scheitern verurteilt. Leidtragende sind die Mitarbeiter. Sie hatten nie eine Chance.

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