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Schmuggelware im Leinenrock

Ein aufregendes Leben Schmuggelware im Leinenrock

Im Fenster stehen indonesische Marionetten, auf dem Tisch liegen eine Decke aus Damaskus und ein Läufer aus Indien. Keine Frage: Der Nahe und der Ferne Osten spiegeln sich im Haus von Gerti und Wolrad Henze in hunderten Accessoires.

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Im Oktober geht es nach Amerika: Gerti Henze (75) kann mit dem Begriff Ruhestand wenig anfangen.

Quelle: sk

Stadthagen. 34 Jahre hat die Bückeburgerin ihren Mann in ferne Länder begleitet. Älteren Stadthägern und den Schaumburgern allgemein ist Gerti Henze (75) jedoch nicht als Weltenbummlerin bekannt, sondern als Lokaljournalistin. Seit 1978 arbeitete sie beim damaligen General Anzeiger in der Kreisstadt. Die SN schauen zurück auf das Reiseleben der Schaumburgerin.

Henze entdeckte mit 21 Jahren ihre journalistische Ader, volontierte bei der Schaumburger Zeitung in Rinteln, arbeitete bei der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung, bei der Landeszeitung und schließlich für den General Anzeiger, den Hugo Welge in Stadthagen herausgab. Henze recherchierte im Landkreis von Steinhude bis Bückeburg.

1982 war damit Schluss. Ihr Aktionsradius erweiterte sich abrupt, allerdings nicht im Zeitungsjob. Henze folgte ihrem Ehemann Wolrad ins Ausland. Der Pädagoge wurde als Regierungsberater bei der GTZ (Deutsche Gesellschaft für technische Zusammenarbeit) im Bereich der Erwachsenenbildung tätig. Saudi Arabien machte den Auftakt.

Weiter ging es in den Jemen, nach Syrien, nach Indien und Sri Lanka, auf die Philippinen, nach Thailand. Und als 1989 die Mauer fiel, stand auch die Übernahme ehemaliger DDR-Entwicklungsprojekte auf dem Programm: in Laos, Vietnam, Kambodscha.

Heimischer Kulturkreis

Zwischendurch kehrte das Ehepaar immer für ein paar Monate nach Schaumburg zurück, und Henze tauchte wieder im heimischen Kulturkreis und Lokaljournalismus auf. Bevor die Koffer neu gepackt wurden, galt es, sich über das nächste Land zu informieren, über Kultur und die Mentalität der Menschen, über deren Glauben („Wir haben alle fünf Religionen durchgehabt“), über Gepflogenheiten und Empfindlichkeiten. Die Bückeburgerin: „Wir mussten die Weiterbildung der Leute darauf abstimmen, wie sie ticken.“

1990 erlebten Henzes den Beginn des zweiten Golfkriegs in Saudi Arabien. „Da mussten wir raus aus dem Land, von heute auf morgen, mit einer Bundeswehrmaschine.“ Trotz allem Erlebten sagte Henze heute: „Wir haben nie Angst oder Bedenken gehabt – aber einen Mordsrespekt vor Erdbeben.“ Diese erlebten Henzes in Asien und Ägypten. „Zum Glück lagen wir immer an der Peripherie des Bebens. Trotzdem haben unsere Häuser und Möbel ganz schön gewackelt“, so Henze.

Wurst- und Schinkenschmuggel

Es gibt auch Erinnerungen an Riskant-Amüsantes: Damit Ehemann Wolrad in islamischen Ländern nicht auf Wurst und Schinken verzichten musste, ließ sich Gerti Henze einen Leinenrock mit vielen Taschen nähen. In diese wanderten eingeschweißte Portionen des deftigen Brotbelags. Alles zusammen kam ins Handgepäck. Nahte der Kontrollpunkt am Flughafen, zog sich Henze den bestückten Leinenrock unter einen voluminösen roten Schaumburger Trachtenrock. So klappte der Schmuggel.

Ernste Auseinandersetzungen gab es mit der Religionspolizei in Saudi Arabien, wo Frauen sich nur voll verschleiert in der Öffentlichkeit zeigen dürfen. Henze: „Ich habe mich standhaft geweigert.“ Ihrer Überzeugung bleibt die Journalistin auch in der heutigen Burka-Diskussion in Deutschland treu: „Wenn das Gesicht zugehängt ist, stört mich das gewaltig.“

Letzte Station ihrer Reisejahre, bevor Wolrad Henze 2009 in Pension ging, war Ägypten. „Nachts um 12 allein als Frau durch Kairo – das ging damals noch.“ Keiner hätte gewagt, eine Ausländerin anzufassen. Sie habe „sichere Zeiten im Ausland erlebt.“ Diese Jahre sind angesichts von Krieg und Terror, vor allem im Nahen Osten, vorbei.

Hinter dem warmen Ofen haben sich Henzes trotz Ruhestand nicht verkrümelt. Im Oktober drehen sie wieder den Hausschlüssel um, in privater Mission. Der Flieger geht über den großen Teich. In South Carolina, wo Sohn und Schwiegertochter leben, wollen Enkelkinder betreut werden. sk

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