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Stadthagen Stadt „Sehr, sehr enttäuscht“
Schaumburg Stadthagen Stadthagen Stadt „Sehr, sehr enttäuscht“
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00:39 23.04.2018
In einer Versammlung haben die Mitarbeiter vom Standort-Aus erfahren.  Quelle: rg
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STADTHAGEN

Die Situation wirkt fast ein wenig unwirklich: Bürgermeister Oliver Theiß steht gestern Mittag im warmen Sonnenschein auf einer Streuobstwiese während einer Pflanzaktion des Gartenbauvereins, als sein Telefon klingelt. In diesem Moment erfährt er von den Verantwortlichen bei Faurecia, dass der Standort Stadthagen schon bald der Vergangenheit angehören wird. Damit bestätigen sich die Gerüchte und Vorahnungen der vergangenen Monate, wonach der Autositzhersteller der Kreisstadt den Rücken kehren und seinen Sitz nach Hannover verlegen will.

„Auch wenn der Gedanke schon länger in unseren Köpfen kreist, tut diese Gewissheit weh“, sagt Theiß gegenüber den SN. Der Schritt sei vergleichbar mit dem Weggang von Alcatel und Otis vor gut zwanzig Jahren – zumindest in Bezug auf die Anzahl der betroffenen Mitarbeiter. Da bei Faurecia jedoch in erster Linie hoch qualifizierte Kräfte aus den Bereichen Forschung und Entwicklung beschäftigt sind, könne der Rückzug die Kreisstadt mit Blick auf die Kaufkraft sogar noch schlimmer treffen, so die Befürchtung von Theiß. Positiv sei zu bewerten, dass das Unternehmen offensichtlich eine mündlich zugesagte Beschäftigungsgarantie gebe.

Landrat: Klare Aussagen fehlten

Landrat Jörg Farr ist zwar ebenfalls froh, dass es für die Mitarbeiter eine Perspektive zu geben scheint, aber „die Standortentscheidung von Faurecia hat bei mir große Enttäuschung ausgelöst.“ Kritik äußert Farr insbesondere an der Informationspolitik des Unternehmens. Landkreis, Stadt und Land hätten immer wieder die Standortvorteile Stadthagens hervorgehoben und das Gespräch mit Faurecia gesucht. „Leider gab es von der anderen Seite in der Vergangenheit keine klaren Aussagen – und zwar weder gegenüber den Behörden noch gegenüber den Beschäftigten.“ Zunächst sei ein Neubau in Stadthagen mit dem Hinweis auf die Dieselkrise verschoben worden, dann sei immer wieder betont worden, dass es keine definitiven Entscheidungen gebe.

 Es entstehe jedoch der Anschein, dass die Verlagerung von Arbeitsplätzen langfristig vorbereitet worden sei, so Farr. Faurecia müsse selbst entscheiden, ob eine derartige Informationspolitik, die das berechtigte Interesse von Beschäftigten und regionalen Partnern ignoriert, die Identifikation und die Einsatzbereitschaft für das Unternehmen fördere.

„In hohem Maße verärgert“ zeigt sich auch der heimische SPD-Landtagsabgeordnete Karsten Becker über die Kommunikationspolitik des Unternehmens. Erneut seien Betriebsrat und Mitarbeiter nicht rechtzeitig informiert und in den Entscheidungsprozess eingebunden worden, um möglicherweise auch Alternativen zu suchen. Auch habe Faurecia wiederholt eine Entscheidung bekannt gegeben, ohne die Hintergründe dafür benennen zu können. Der Landtagsabgeordnete hatte sich in den vergangenen Monaten im Hintergrund immer wieder für den Standort Stadthagen stark gemacht.

IG Metall: Mitarbeiterrechte mit Füßen getreten

„Ich bin von der Entscheidung des Unternehmens sehr, sehr enttäuscht“, betont Becker in der Sache selbst.
„Ich bin fassungslos – die Mitarbeiterrechte wurden mit Füßen getreten“, schimpft IG-Metall-Chefin Sabrina Wirth. Der Gesetzgeber schreibe bei solchen Schritten eine frühzeitige Beteiligung des Betriebsrats vor. Dies sei in keiner Weise und zu keinem Zeitpunkt geschehen – für die Gewerkschafterin „im Niveau nicht zu unterbieten“.

Die Entscheidung, Hannover anstelle von Stadthagen den Vorzug für einen Neubau zu geben, ist nach SN-Informationen schon vor geraumer Zeit gefallen. Ob es am Ende – wie berichtet – tatsächlich auf das Gewerbegebiet im Ortsteil Marienwerder hinausläuft, lässt das Management offen. „Aktuell wird im Großraum Hannover nach einem geeigneten Standort für das neue Innovationszentrum gesucht“, heißt es offiziell nur vonseiten der Geschäftsführung.

Die Geschichte Faurecias war jahrzehntelang mit der der Kreisstadt verknüpft.

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