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Streitschlichter seit 20 Jahren

Mit gesundem Menschenverstand Streitschlichter seit 20 Jahren

Wenn vor Günter Stahlhut zwei Streithähne sitzen, macht er vor allem eines: zuhören. „Mich interessiert das Warum“, sagt der 68-Jährige, der seit 20 Jahren als ehrenamtlicher Streitschlichter in Stadthagen arbeitet. Seitdem beschäftigt sich der Obernwöhrener vor allem mit Nachbarschaftskonflikten.

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Kompromisse und Lösungen finden: Günter Stahlhut versucht seit 20 Jahren, Konflikte der Stadthäger zu schlichten.

Quelle: jemi

STADTHAGEN. Bei allen Konflikten sei das "Warum" für ihn die Ausgangsfrage. Nicht selten stecke ein Missverständnis oder ein lang zurückliegendes Ereignis hinter der Meinungsverschiedenheit. Durch das Gespräch mit einer neutralen und sachlichen Person könnten häufig die Probleme erkannt und gelöst werden.

Vor 20 Jahren gewählt

 Vor 20 Jahren wählte der Rat der Stadt Stadthagen Stahlhut für den Posten des Streitschlichters. Vorgeschlagen hatte ihn Werner Sensmeyer, der Ratskollege seiner Frau. Seitdem beschäftigt sich der Obernwöhrener vor allem mit Nachbarschaftskonflikten, 75 Prozent der Fälle seien diesem Bereich zuzuordnen. Mit Beleidigungen beschäftige er sich etwa drei Mal pro Jahr.

Erbschaftsstreit zum Anfang seines Amtes

 Auch ein Erbschaftsstreit – gleich am Anfang seines Amtes –war dabei. Es ging um ein Grundstück, das zwangsversteigert werden musste. Der Erlös von damals 220000 Mark sollte, je nach Erbteil, aufgeteilt werden. Das Zwangsversteigerungsgericht wollte sich jedoch nicht festlegen. Auch die zerstrittene Erbengemeinschaft fand keine Lösung. „Mir war es möglich, hier zu vermitteln. Die Beträge wurden letztendlich pfenniggenau aufgeteilt“, erinnert sich Stahlhut. Bei diesem Fall sei sein beruflicher Hintergrund sehr hilfreich gewesen. Schließlich war er 20 Jahre lang als Rechtsanwalts- und Notargehilfe tätig und im zweiten Berufsleben war er bei der Sparkasse beispielsweise für Zwangsversteigerungsverfahren zuständig.

 Als Jugendlicher konnte er sich eigentlich noch gar nicht vorstellen, einen Beruf am Schreibtisch auszuüben. Goldschmied wollte er werden, etwas Künstlerisches schwebte ihm vor. Doch die erste Begegnung mit einem Anwalt änderte seine Meinung und kurze Zeit später absolvierte er dort seine Ausbildung. Ein Nachbar hatte den Kontakt hergestellt.

Wichtig ist gesunder Menschenverstand

 Erfahrungen in der Rechtsmaterie sei für den Posten des Streitschlichters jedoch nicht notwendig. Man könne sich einarbeiten, denn alles sei nachzulesen. Viel wichtiger sei indes ein gesunder Menschenverstand. Für sein Engagement als Streitschlichter helfe ihm seine offene Art, auf Leute zuzugehen. Dazu gehöre beispielsweise auch die schriftliche Zustellung zum Schlichtgespräch. Diese überbringe er dem Antragsgegner in der Regel persönlich. Da könne er terminliche Probleme unkompliziert auf dem kurzen Dienstweg lösen.

Fingerspitzengfühl ist gefragt

 Fingerspitzengefühl sei in vielen Fällen ebenfalls gefragt und ein gewisses Rechtsempfinden. Seine Frau sage manchmal scherzhaft zu ihm: „Du musst immer die Welt retten.“ Aber schließlich gebe es schlechtere Eigenschaften.

 Fünf bis zehn Fälle bearbeiten Stahlhut und sein Vertreter Gerhard Klugmann, der seit fünf Jahren im Amt ist, durchschnittlich im Jahr. Treffpunkt der Gespräche ist das Büro im Alten Rathaus. Es gebe auch Schiedsleute, die die Termine bei sich zu Hause durchführten. Stahlhut bevorzugt die historischen Räume des alten Stadthäger Gebäudes. Die häufigsten Konflikte, mit denen er konfrontiert ist, haben mit Bäumen oder Zäunen zu tun. Überwucherungen und Höhenschnitt an der Grundstücksgrenze sorgen unter Nachbarn oft zu Verstimmungen. Schließlich verursacht ein Baum Schatten oder Dreck auf dem eigenen Grundstück.

Miteinander sprechen

 In anderen Fällen waren Zäune zu hoch oder ein Nachbar hat das fremde Grundstück betreten, um Reparaturen durchzuführen. Außerdem erinnert sich Stahlhut an einen Streit, in dem ein Nachbar einen Zaun forderte, weil er sich vor dem neuangeschafften Hund fürchtete. „Ich versuche, die Parteien zu animieren, wieder miteinander zu sprechen“, berichtet Stahlhut, der ebenfalls fast 20 Jahre Ortsbrandmeister in Obernwöhren war. Er achte darauf, dass die Gespräche nicht zu laut oder sogar beleidigend werden. Wenn das funktioniere, schalte er sich nur ein, um Kompromisse anzuregen. Arte der Konflikt jedoch aus, sei es auch schon nötig gewesen, lautstark einzugreifen. Dieses rigorose Eingreifen habe er jedoch nur sehr selten anbringen müssen.

Auch nach 20 Jahren ist Stahlhut voller Tatendrang, zu vermitteln: „Wenn nichts dazwischen kommt, stehe ich weitere fünf Jahre für den Posten zur Verfügung.“

Hilfe bei Zoff

Seit dem 1. Januar 2010 sind in Niedersachsen Klagen in Nachbarschaftsstreitigkeiten erst zulässig, nachdem versucht wurde, den Streit zwischen den Parteien vor einem Schiedsamt einvernehmlich beizulegen. Erst wenn die Schiedsperson keine Einigung erzielt und eine sogenannte Erfolgslosigkeitsbescheinigung erteilt, ist eine Klage vor dem Amtsgericht möglich.
In Stadthagen ist Günter Stahlhut unter der Telefonnummer (0 57 21) 7 49 60 erreichbar.

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