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Stadthagen Stadt Trauerspiel
Schaumburg Stadthagen Stadthagen Stadt Trauerspiel
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08:45 21.04.2018
  Quelle: rg/Bearbeitung:vr
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Zurück bleibt lediglich ein Bruchteil der bislang noch gut 1100 Faurecia-Arbeitsplätze. Ein schwacher Trost, zumal die Wahrscheinlichkeit, dass bald auch noch das letzte Licht an der Nordsehler Straße ausgehen wird, groß ist. Die verbleibende Fertigungsabteilung dürfte isoliert auf Dauer kaum überlebensfähig sein. Ein Sterben auf Raten.

Selbst wenn die meisten Beschäftigten zunächst davon ausgehen können, dass sie ihren Job behalten werden und künftig nur eine längere Fahrtzeit in Kauf nehmen müssen, wird es möglicherweise am Ende doch noch einen Stellenabbau geben. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass sich das Management nicht in die Karten schauen lässt.

Dass dies alles einmal so weit kommen würde, haben viele nicht für möglich gehalten. Denn schwere Krisen hat das Unternehmen unzählige erlebt. Drohende Massenentlassungen und Schließungsgerüchte gab es schon in Zeiten, in denen der Automobilzulieferer noch unter Bertrand Faure, RHW oder seinem Gründungsnamen Rentrop firmierte.

Doch nun zeigt sich einmal mehr die Unberechenbarkeit eines global operierenden Konzerns mit weltweit 110 000 Mitarbeitern an 300 Orten, der seine Entscheidungen einsam und für Außenstehende intransparent im fernen Paris trifft und dem strukturpolitische Belange in der deutschen Provinz herzlich egal sind. Vor zwei Jahren noch wurde großspurig ein Neubau angekündigt. Das erscheint jetzt wie blanker Hohn. Auch aus Sicht des Landkreises, der sich sehr bemüht hatte, Faurecia in Schaumburg zu halten.

Für Stadthagen, wo viele Bürger ohnehin den Eindruck eines seit Jahren schleichenden Niedergangs haben, ist die jüngste Entwicklung erneut ein gewaltiger Tiefschlag. Nach kabelmetal und Otis trifft es mit Faurecia nun den bislang größten Arbeitgeber.

Die Kreisstadt steht vor historischen Herausforderungen, um dem weiteren Verlust von Kaufkraft und Steuereinnahmen etwas entgegenzusetzen. Denn die jüngste Entwicklung trifft nicht nur die direkt Beschäftigten, sondern auch Handwerksbetriebe, Lieferanten und andere Dienstleister.

Die Anforderungen an einen attraktiven Wirtschaftsstandort haben sich radikal verändert. Profitierten ländliche Regionen lange davon, preiswerte Arbeitskräfte und Immobilien für die Produktion von Gütern aufbieten zu können, sind heute, in Zeiten von Digitalisierung und Fachkräftemangel, andere Wettbewerbsfaktoren wichtig: eine gute Infrastruktur, Verkehrsanbindung, Schulen, Kitas, Freizeiteinrichtungen – und vor allem Verantwortliche in Politik und Verwaltung, die bürokratische Hürden schnell aus dem Weg räumen, unternehmerisch denken und handeln und aktiv auf Unternehmen zugehen.

Stadthagen ist davon derzeit zu weit entfernt. Dafür stehen symptomatisch die vergangenen Wochen: Das sich abzeichnende Drama um Faurecia und der Umgang damit war nicht ein einziges Mal Gegenstand einer öffentlichen Debatte. Stattdessen dreht sich alles um Sparpakete, Steuer- und Gebührenerhöhungen. Maßnahmen, die genau das Gegenteil der dringend nötigen Attraktivitätssteigerung des Standortes versprechen und ohnehin nur kurzzeitig Luft verschaffen können.

Was Stadthagen vor allem braucht, sind greifbare Konzepte und Ideen für regionales Wachstum. Wo ist der große Plan für die Entwicklung der Stadt bis zum Jahr 2030? Der Blick fürs Wesentliche? Wo sind die Menschen, die das beherzt und zügig umsetzen? Die von der Verwaltung initiierte „Gesamtstrategie“ wird all dem bisher jedenfalls in keiner Weise gerecht.

Mit Blick auf die gegenwärtige Lage bei Faurecia ist es jetzt zu spät. Für die Zukunft steht es aber sehr wohl in der Macht der Stadt, das Steuer herumzureißen.

Marc Fügmann

Marc Fügmann

SN-Chefredakteur

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