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Stadthagen Stadt Trend geht zur Doppelpraxis
Schaumburg Stadthagen Stadthagen Stadt Trend geht zur Doppelpraxis
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10:23 10.06.2018
Besonders die Hausärzte stoßen an ihre Grenzen. Quelle: dpa
Stadthagen

Die Mediziner kommen an ihre Grenzen. Wirklich schwierig wird es für Stadthäger, wenn sie den Arzt wechseln wollen. In der Kinderarztpraxis Morgenstern beispielsweise haben zugezogene Familien eine gute Chance unterzukommen. Die langjährigen Stadthäger dagegen, die einen neuen Kinderarzt bevorzugen, haben indes keine Chance.

„Wir sind mehr als voll und haben keine Kapazität, auch noch Patienten aufzunehmen, die den Arzt wechseln wollen“, erläutert Judith Lube, Medizinische Fachangestellte in der Kinderarztpraxis. „Neugeborene Geschwisterkinder von Kindern, die bereits in der Praxis betreut werden, werden als Patient in der Praxis aufgenommen“, ist auf der Homepage zu lesen. Bei Erstkind-Neugeborenen erfolge die Aufnahme nach Absprache und vorhandener Kapazität.

Vorsorgetermine brauchen Zeit

Als Zugezogener gelte tatsächlich nur jemand, der vorher nicht im Schaumburger Land angesiedelt war. Das werde überprüft, etwa anhand der Impfpässe. „Das Einzugsgebiet ist sehr groß. Da muss man einfach Grenzen setzen“, so Lube. Zu viele Patienten seien gerade in einer Kinderarztpraxis schwierig zu koordinieren, weil regelmäßig die Vorsorgetermine vergeben werden, die verhältnismäßig viel Zeit in Anspruch nehmen. „Da merken wir durch die Vielzahl an Patienten, dass es immer enger wird, Termine zu finden.“

Der Hautarzt Ozan Angün von der Hautarztpraxis Stadthagen versichert, bei seiner Einrichtung werde jeder neue Patient angenommen. „Wir weisen niemanden ab.“ Allerdings könne es zu Wartezeiten von „zwei bis vier Wochen“ kommen. Selbstverständlich würden „echte Notfälle“ umgehend behandelt: „Jemand mit Gürtelrose zum Beispiel kann man nicht tagelang warten lassen, der muss sofort drankommen.“ Allerdings müssten solche Patienten gegebenenfalls einige Stunden Wartezeit in Kauf nehmen, so Angün.

Hinter Meerbeck und Wiedensahl ist Schluss

Besonders knapp wird es indes bei den Hausärzten. Die Praxis von Hans-Joachim Räuker nimmt zwar noch Patienten aus Stadthagen auf, aber die Grenze sei eigentlich längst erreicht, teilt eine Mitarbeiterin mit. Auch hier werde der Wohnort der Patienten berücksichtigt. Hinter Wiedensahl und Meerbeck sei Schluss, der Radius dürfe nicht zu groß werden. An vielen Tagen in der Woche stehe das Telefon nicht still. „Es wäre schon gut, wenn noch ein Hausarzt in Vollzeit eine Praxis eröffnen würde“, meint die Mitarbeiterin. Dann könnten sich die Patienten auf ein gesundes Maß verteilen. So passiere es nicht selten, dass Menschen ungehalten auf lange Termin-Wartezeiten reagieren.

Ein anderes Bild zeigt sich bei den Zahnärzten. Hier hat der Patient beinahe die Qual der Wahl – zumindest „noch“, sagt Zahnarzt Nils Busche von der Praxis Busche & Kaps. „Einzelpraxen haben es immer schwerer, weil sich die Auflagen der Politik verschärfen.“ Alleine gehe das kaum noch. Bei ihm in der Praxis, in der vier Zahnärzte arbeiten, gebe es seit einigen Jahren auch mehr Patienten als früher. Woran das liegt, kann er nicht mit Bestimmtheit sagen. Ein Indiz für die größere Anzahl von Patienten seien die sogenannten Vorbestellzeiten für Patienten. Seine Patienten müssen also länger auf Termine für die übliche Vorsorge warten.

Großstädte hängen Kleinstädte ab

Ein Zahnarzt, der noch eine Einzelpraxis in Stadthagen führt, aber bald aus Altersgründen aufhört, beobachtet ebenfalls den Trend zur Doppelpraxis. Das habe auch mit den Kosten für teure Geräte zu tun, erklärt er. Er sieht aber ein ganz grundsätzliches – und zwar sozialpolitisches – Problem für Stadthagen und die künftige Arztversorgung.

Auch wenn es in der Kreisstadt noch genügend Zahnärzte gibt, sei der Mangel an Hausärzten schon jetzt gravierend und könnte auch auf andere Ärzte überschwappen. Da es nicht mehr das klassische Familienmodell gebe, sondern die Ehepartner gleichberechtigte Arbeitnehmer seien, bevorzugen sie die Städte als Wohnort. Dort finden in der Regel Mann und Frau einen Job, so die These des Mediziners.

Stadthagen könne Fachkräften einfach keinen Arbeitsplatz mehr bieten. Alle großen Betriebe hätten der Stadt den Rücken gekehrt – zuletzt Faurecia. Zudem seien die Arbeitszeiten bei einer eigenen Praxis für viele abschreckend. Insbesondere bei den Hausärzten, die teilweise auch noch Hausbesuche tätigen. Da seien geregelte Dienstzeiten im Krankenhaus für viele Familien besser. Die „Feminisierung des Berufs“ sorge letztendlich dafür, dass Städte wie Stadthagen von Großstädten bei der Suche nach Ärzten abgehängt werden. jemi