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„Unser Führer hieß Ulbricht“

Stadthagen / Gauck-Besuch „Unser Führer hieß Ulbricht“

Das Gespräch zwischen den Schülern am Ratsgymnasium und Joachim Gauck hat mit einem kleinen Seitenhieb begonnen. „Einige von Euch wissen ja noch, was Bücher sind“, bemerkte der frühere Leiter der Stasi-Unterlagen-Behörde mit Blick auf die intensive Computernutzung der Schüler, die in großer Zahl in die Aula der Schule gekommen waren.

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Joachim Gauck (rechts) hat interessierte Zuhörer. © aw

Stadthagen (aw). Statt aus seinem Buch zu lesen, erzählte der Pastor aus seinem Leben und zog damit die Schüler in seinen Bann. Er berichtete von seiner Jugend in Rostock, von der Entführung seines Vaters, eines Kapitäns, der unter einem Vorwand abgeholt und für vier Jahre nach Sibirien geschickt wurde und von den Konzentrationslagern Buchenwald und Sachsenhausen, in denen die Russen nach Gaucks Aussage zu DDR-Zeiten unliebsame politische Gegner einsperrten.

An der DDR-Führung ließ Gauck kein gutes Haar: „Unser Führer hieß Walter Ulbricht.“ Viele Bürger, so Gauck, hätten sich mit dem Staat arrangiert und eigene, kleine Netzwerke aufgebaut – ein Umstand, der heute das verklärte Bild vom Zusammenhalt in der DDR präge.

Im Anschluss beantwortete Gauck Fragen der Schüler auf dem Podium und im Publikum. Die Arbeit der inoffiziell nach ihm benannten Behörde bezeichnete Gauck beispielsweise als „Apotheke gegen politische Nostalgie“.

„Wenn Du diese Akten anschaust, springt Dir die Diktatur entgegen.“ Gauck erwartet, dass die Behörde aufgrund der zahlreichen Bürgeranfragen noch bis 2019 existieren werde, mindestens jedoch noch fünf Jahre.

Mit Blick auf die Politikverdrossenheit und die geringe Wahlbeteiligung mahnte der prominente Gast zu mehr Engagement, auch in Bürgerinitiativen. „Wir müssen wissen, dass wir die Demokratie verlieren können.“ Er habe die Sorge, dass die Demokratie „ausgedünnt“ wird. Für sich selbst hielt er fest: „Ich werde nie und nimmer eine einzige Wahl versäumen. Ich habe zu lange darauf gewartet.“

Vor Freiheitsbewegungen wie in Nordafrika dürfe man keine Angst haben, auch wenn auf die Länder eine schwierige Phase wartet. „Wir sollten uns freuen.“

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