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Viele setzen auf ein wachsames Auge

Anschlagsserie Viele setzen auf ein wachsames Auge

Die Anschlagsserie, von der die Bundesrepublik zuletzt erschüttert wurde, hat auch bei den Menschen in der Kreisstadt ihre Spuren hinterlassen. Viele Einwohner haben Bedenken, sich zu sehr in die Öffentlichkeit zu begeben, meiden größere Veranstaltungen, fahren teilweise nicht mal mehr ohne Angst S-Bahn.

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Zum Maifest kommen traditionell Tausende von Besuchern in die Stadthäger Innenstadt. Ob sie in Zukunft ein mulmiges Gefühl bei den größeren Veranstaltungen haben könnten, ist von Person zu Person unterschiedlich.

Quelle: Archiv

Stadthagen. Derartige Reaktionen sieht Axel Bergmann, Präventionsspezialist der Polizei im Landkreis Schaumburg sowie Pressesprecher der Stadthäger Polizei, jedoch sehr kritisch: „Ich halte überhaupt nichts davon, auf die Bahn zu verzichten. Das sind Kurzschlussreaktionen. Genau das wollen Terroristen erreichen, dass wir unsere Freiheit beschränken.“

Die jüngsten Vorfälle, zu denen es überwiegend im Süden Deutschlands, aber auch während einer Zugfahrt von Hamburg nach Bremen gekommen war, machen ihm aber Sorgen: „Die Schlagzahl, mit der diese Attacken in Deutschland und im direkten europäischen Umfeld stattfinden, ist unheimlich hoch. Bedenklich ist auch die große Bandbreite der Taten.“

Zwar spricht sich der Experte ausdrücklich gegen überzogene Sicherheitsvorkehrungen aus. Zur Vorsicht rät er jedoch: „Es ist grundsätzlich enorm wichtig, dass man mit offenen Augen und Ohren unterwegs ist.“

Nach der Premiere im Jahre 2015 steht an diesem Wochenende die zweite Auflage von „Wolfgangs Weinfest“ in Stadthagen an. Beeinflussen lassen von der derzeitigen Lage wollen sich dessen Organisatoren indes nicht. Detlef Schröter, Vorstand des Stadtmarketing Stadthagen (SMS), sagt zu dem Thema: „Wir werden im Vergleich zur Vorjahresveranstaltung keine größeren Änderungen vornehmen, kein Sicherheitspersonal aufbieten oder Ähnliches. Das Fest wäre sonst auch nicht in dieser Form durchführbar.“

Mit Gelassenheit und persönlichem Endzeitbewusstsein blickt Marktbeschicker Joachim Piephans auf jegliche Terrorgefahr: „Ich habe keine Probleme, keine Angst. Wenn unsere Zeit gekommen ist, müssen wir eben gehen.“

Mehr Ängste hat hingegen Janine Prcystawik aus Obernkirchen. Die 19-Jährige fühlt sich schon beeinflusst von den Angst erzeugenden Ereignissen der vergangenen Wochen und Tage. Das traditionelle Maschseefest, das von heute an in Hannover läuft, würde sie in diesem Jahr nicht besuchen: „Weil die Menschen so aggressiv sind.“

Reisebüromitarbeiter Muhsam Tarak (21) sagt wiederum: „Zu Hause einsperren kann ich mich auch nicht. Trotz eines mulmigen Gefühls würde ich zum Maschseefest fahren. Schließlich: Wenn ich über die Niedernstraße gehe, kann mich auch mit Absicht ein Auto überfahren.“

Früher sei sie überall hingegangen, aber heute habe sie Angst, sagt die Stadthägerin Tatsiana Helisch (54). Vor allem fürchte sie um ihre Kinder, wenn diese in den Urlaub fliegen. Sind doch Flughäfen ein bekanntes Terrorziel. Die Mitarbeiterin in einer Lottoannahmestelle erzählt eine Begebenheit, die sie schmunzeln ließe – wenn nicht echte Angst dahinter stünde.

Neulich sei eine ältere Frau in das Geschäft gekommen, in der Hand eine riesengroße Taschenlampe. Diese trage sie nicht dabei, um sich gute Sicht zu verschaffen, klärte die Kundin auf, sondern um im Notfall zuschlagen zu können. Das spreche doch schon Bände. ano, sk

„Deutsche sind gefahrenignorant“

Der Psychologe Dr. Uwe Füllgrabe erklärt im Interview, was die sich häufenden Anschläge und Amokläufe bei den Menschen bewirken und wie sie am besten damit umgehen können. Sein Buch „Psychologie der Eigensicherung - Überleben ist kein Zufall“ (Stuttgart: R. Boorberg Verlag) ist 2016 in der sechsten Auflage erschienen.

Wie wirken sich die sich häufenden Anschläge und Amokläufe auf die Psyche der Menschen aus?

Es löst Angst, Entsetzen und Unsicherheit aus. Man weiß nicht, was man tun kann. Die meisten Deutschen sind gefahrenignorant. Es geschieht nicht mir, nicht hier, nicht heute. In die heile Welt kommt plötzlich ein Anschlag wie ein Blitzschlag. Man fällt aus allen Wolken und ist traumatisiert. Dann setzt ein Denkprozess ein: Es ist außerhalb meiner Kontrolle, es ist unfair, dass es ausgerechnet mir passiert, wie konnte das geschehen. Die Welt ist ein riskanter Ort, an dem einem viele schlimme Dinge zustoßen können – wir sind mitten im Leben vom Tode umfangen, wie ein mittelalterliches Lied besagt. Die fehlende mentale Vorbereitung darauf ist ein Problem.

Welche Folgen hat diese psychische Belastung für den Umgang der Menschen untereinander?

Unter den Menschen entsteht Angst und Misstrauen. Es herrscht eine vollkommene Verunsicherung und die verzweifelte Suche nach der Antwort auf die Frage: Was kann ich konkret dagegen tun?

Was können die Menschen denn tun, um mit dieser Angst umzugehen?

Man kann zu Festen hingehen oder wegbleiben. Aber ob das etwas bringt, ist eine andere Frage. Es kann einen überall treffen. Das wichtigste ist, dass man sich darauf vorbereitet. Eine innere Einstellung, es könnte etwas passieren. Expect the unexpected (Erwarte das Unerwartete). Es ist sinnvoll, einen Gefahrenradar zu entwickeln, um der potenziellen Gefahr nicht mit Ohnmacht zu begegnen.

Ist es daher richtig, dass sich viele Menschen nach den Übergriffen in Köln mit Pfefferspray eingedeckt haben?

Was nützt mir ein Pfefferspray, wenn ich es nicht bedienen kann? Es muss verbunden sein mit einer wachsamen Haltung.

Interview: Matthias Berger

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