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„Vieles ist schnelllebiger geworden“

Wie zwei Lokaljournalisten ihre Berufsjahre in Schaumburg erlebt haben „Vieles ist schnelllebiger geworden“

Anlässlich ihres 40. Geburtstages haben die Schaumburger Nachrichten in den vergangenen Monaten Menschen zu Wort kommen lassen, die die Arbeit der Zeitung über viele Jahre
begleitet haben.

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Karlheinz Poll und Detlef Bernhard erinnern sich im Gespräch mit SN-Chefredakteur Marc Fügmann (von links) an ihre Berufsjahre in Schaumburg.

Quelle: rg

 Zum Abschluss der Serie sprachen Marc Fügmann und Vera Skamira mit zwei ehemaligen Kollegen: Detlef Bernhard hat neun Jahre die SN-Redaktion geleitet, Karlheinz Poll war über Jahrzehnte das Gesicht des General-Anzeigers.

Sie waren beide lange Zeit als Journalisten in Schaumburg unterwegs. Wie hat sich das Zeitungsmachen verändert?

Bernhard: Wir haben anfangs noch auf Schreibmaschinen rumgerattert – elektronische Medien gab es nicht. Tagsüber wurden Termine wahrgenommen, abends haben wir geschrieben, oft bis in die Nacht. Um halb eins kam der Zeitungswagen aus Hannover und nahm das Material – Manuskripte, aber auch Anzeigen – mit. In der Zentrale wurde es am nächsten Tag aufbereitet, sodass ein Bericht vom Mittwoch frühestens Freitag erschien. In seltenen Ausnahmen konnten noch Dinge per Fernschreiber hinterhergeschickt werden. Selbst nach Einführung eines elektronischen Redaktionssystems mussten die Fotos zunächst noch mit der Bahn nach Hannover transportiert werden. Das hat nicht immer zuverlässig geklappt. Im schlimmsten Fall gab es am nächsten Tag in der Zeitung schon mal weiße Flecken.

Poll: Als ich 1966 angefangen habe, haben wir die Filme vom Vortag morgens im damaligen Fotostudio Gewecke abgeben. Eine Stunde später mussten wir wieder hin und aus den Negativen Bilder auswählen. Am frühen Nachmittag waren wir ein drittes Mal da, um die fertigen Fotos abzuholen. Verarbeitet wurde das Material dann in der hauseigenen Druckerei.
Da war der General-Anzeiger damals gegenüber den Schaumburger Nachrichten klar im Vorteil…

Poll: Ja, das ganze Unternehmen einschließlich Satz und Druckerei befand sich seinerzeit an der Enzer Straße. Ich kann mich auch noch an die alten Bleisatz-Zeiten erinnern, in denen jeder einzelne Buchstabe von Hand gesetzt wurde. Heute gar nicht mehr vorstellbar.
Fehlende technische Möglichkeiten waren nur ein Grund, weshalb Zeitungen damals weniger aktuell waren als heute. Vermutlich waren auch der Konkurrenzdruck und die Erwartungshaltung der Leser noch nicht so hoch?

Bernhard: Richtig. Niemand hat etwas vermisst, wenn es am nächsten Tag noch nicht in der Zeitung stand.

Poll: Der Umfang der Lokalberichterstattung war zudem längst nicht so umfangreich wie heute. In den Tageszeitungen erschienen oft täglich nur zwei, drei Artikel aus der Region.
Und da heißt es heute oft, die Zeitung wird immer dünner…

Poll: Für den redaktionellen Teil gilt das mit Sicherheit nicht. Aber die Anzeigenumfänge sind deutlich zurückgegangen. Ich kann mich noch daran erinnern, dass früher von 32 Seiten mehr als die Hälfte mit Anzeigen gefüllt war. Wir konnten es uns sogar erlauben, Aufträge abzulehnen, wenn ein Kunde spät kam. Heute undenkbar.

Bernhard: Der Wegfall der Tabak- und Spirituosenwerbung hat da eine Rolle gespielt, aber auch der Rückzug der Einzelhandelsketten aus den Tageszeitungen.
Sie sind Chronisten der jüngeren Lokalgeschichte gewesen. Wie hat sich das Leben in Schaumburg in den vergangenen 40 Jahren verändert?

Poll: Die früher sehr intensiven Partnerschaften mit ausländischen Kommunen haben völlig an Bedeutung verloren, etwa die mit dem französischen Soissons oder der ungarischen Stadt Tapolca. Ich erinnere mich an Zeiten, da haben sich bis zu 15 Gruppen mehrmals jährlich besucht. Das ist eingeschlafen. Vieles ist schnelllebiger und unpersönlicher geworden.

Bernhard: Wir hatten hier früher Vereine, die verschwunden sind – etwa die vielen Kaninchen-, Tauben- und Geflügelzüchter. Oder die Männergesangvereine, die es in jedem kleinen Ort gab. Selbst Sportvereine müssen heute reihenweise fusionieren. Da ist viel zusammengeschrumpft – demografisch bedingt, aber auch, weil der Stellenwert des ehrenamtlichen Engagements nicht mehr so hoch ist. Heute findet sich doch kaum noch jemand für ein Vorstandsamt.

Poll: Es gab Zeiten, da hat jeder Verein große Feste veranstaltet. Zu den Feuerwehr- oder Reiterbällen in der Stadthäger Festhalle kamen oft weit über tausend Gäste. Weil das für einzelne Klubs immer schwieriger wurde, hat man schließlich gemeinsam Dorfgemeinschaftsfeste organisiert.
Die Bereitschaft, sich dauerhaft an einen Verein oder eine Partei zu binden, hat stark nachgelassen. Viele Menschen engagieren sich nur noch temporär für einen bestimmten Zweck.

Poll: So ist es. Heute ist es nicht mehr selbstverständlich, einem Verein anzugehören.

Bernhard: Mir fällt noch etwas ein, das sich verändert hat: In meinen Anfangsjahren gehörten ältere Frauen in Tracht noch zum Bild Schaumburgs. Man sah sie vor allem auf den Dörfern mit ihrem Dutt auf dem Kopf. Karlheinz hat das mit seinen Fotos über Jahre eindrucksvoll dokumentiert.

Poll: Noch bis in die achtziger Jahre. Ich habe oft zur Kamera gegriffen, wenn ich über Land gefahren bin und eine Trachtenfrau auf der Straße oder im Garten entdeckt habe. Heute gibt es höchstens noch eine Handvoll von ihnen in Schaumburg.
Welche Erlebnisse sind haften geblieben?

Bernhard: Die Bückeburger Prinzen-Hochzeiten waren sicher etwas Besonderes. Überhaupt waren die Mitglieder des Fürstenhauses damals noch Personen des öffentlichen Lebens. Bei wichtigen Anlässen wurde neben dem Bürgermeister immer auch der Fürst eingeladen. Auch der Besuch des sowjetischen Präsidenten Gorbatschow ist mir noch gut in Erinnerung. Franz-Josef Strauß war auch mal da – die einzige Politikveranstaltung, wo Eintrittskarten für vier oder sechs Mark verkauft wurden. Heute sind Politiker froh, wenn überhaupt jemand kommt.

Poll: Früher war mehr Prominenz hier. Lale Andersen habe ich vor ihrem Auftritt in der Stadthäger Festhalle mit dem Taxi vom Hotel abgeholt. Unterwegs habe ich auf der Rückbank ein Interview mit ihr geführt. Mireille Matthieu traf ich in der Festhallen-Garderobe.
Und da war die Geschichte mit der Schauspielerin Ingrid van Bergen, die ihren Mann getötet hat…

Poll: Meine Frau und ich haben sie zufällig in unserem Urlaubshotel auf Rhodos getroffen – während die Boulevardpresse noch fieberhaft auf der Suche nach ihr war. Das war zwei, drei Tage nach ihrer Haftentlassung. Ich habe sie angesprochen, wir haben uns sehr gut unterhalten, waren abends gemeinsam essen und tanzen.
Bis sie erfahren hat, dass Sie Journalist sind…

Poll (lacht): Das habe ich ihr erst ganz am Schluss erzählt. Wir haben uns später noch zweimal getroffen. Auf die Exklusivgeschichte habe ich dann doch verzichtet.

Bernhard: Ein unerschöpfliches Erzählreservoir bietet auch der frühere Stadtdirektor Hermann Hippe. Der rief auch schon mal in Hannover an und forderte von der Chefredaktion, einen wegen kritischer Berichterstattung unliebsamen Kollegen sofort abzuziehen, nachdem er ihm zuvor Hausverbot fürs Rathaus erteilt hatte. Heute würde ein solcher Fall in der Zeitung ausgeschlachtet, der Mann wäre fertig fürs Leben. Früher ist man da recht jovial drüber weggegangen. Es waren andere Zeiten. Wenn Hippe mich auf der anderen Straßenseite sah, brüllte er rüber: „Kommen Sie mal bei mir vorbei. Ich habe noch eine schöne Zigarre für Sie.“
Die große Nähe zu den Menschen über und für die man schreibt – ist das mehr Fluch oder mehr Segen?

Poll: Ich fand es gut. Man war allerdings immer erreichbar. Einmal rief morgens jemand an: „Sie müssen unbedingt vorbeikommen. Ich konnte heute Nacht nicht schlafen. Da habe ich meine Kaninchen geschlachtet. Jetzt liegen die Tiere so schön nebeneinander in der Sonne. Sie müssen unbedingt ein Foto machen!“

Bernhard: Nachts wurde man manchmal wegen eines Unfalls rausgeklingelt. Das war nicht so angenehm. Andererseits konnte man auch nicht sagen: „Lassen sie mich damit in Frieden.“ Grundsätzlich ist die Nähe zu den Lesern wichtig: So kommt ein Redakteur an Informationen, trifft auf Leute, die ihm was stecken.

Zur Person

Detlef Bernhard (62) ist gebürtiger Stadthäger. Nach dem Abitur am Neuen Gymnasium absolvierte er ein Verwaltungsstudium, arbeitete anschließend vier Jahre als Beamter bei der Stadt Hannover. Dann der Wechsel in den Journalismus: Volontariat bei der HAZ, 1986 bis 1995 Redaktionsleiter der Schaumburger Nachrichten; danach bis zum Ruhestand 2013 bei Madsack verantwortlich für die Ausgaben im sogenannten Berliner Format.
Karlheinz Poll (74), ebenfalls geboren in Stadthagen, machte zunächst eine Lehre als Schaufenstergestalter beim Kaufhaus Hagemeyer. 1966 heuerte er bei der damaligen Wochenzeitung General-Anzeiger an. Seit 1984 war er dort Redaktionsleiter, erlebte 1993 die Umstellung zur Tageszeitung mit und zehn Jahre später die Einstellung des Titels.

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