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Von „tollem Ambiente“ zum „Schandfleck“

IHK-Einzelhandelsexperte unterwegs in der Innenstadt Von „tollem Ambiente“ zum „Schandfleck“

Die Qualität der Einkaufsstadt Stadthagen „bewegt sich auf hohem Niveau“. Diesem grundsätzlichen Lob fügt Hans-Hermann Buhr eine Reihe von kritischen Beobachtungen und Verbesserungsvorschlägen hinzu. Der Einzelhandelsexperte der IHK Hannover hat sich für die SN in der Innenstadt umgesehen.

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HK-Experte Hans-Hermann Buhr (rechts) auf dem Marktplatz im Gespräch mit SN-Redakteur Stefan Rothe. 

Quelle: rg

Stadthagen. „Insgesamt einen guten Eindruck“ mache die Einkaufsstadt, sagt Buhr. Sie befinde sich im Vergleich zu den meisten anderen Kleinstädten im Erweiterten Wirtschaftsraum Hannover (EWH) „noch in einer komfortablen Situation“. Die Kreisstadt zähle „zu den stärksten Mittelzentren der hiesigen IHK-Region“. Dafür sprächen auch viele Daten: So liege Stadthagen etwa bei der Bindung von Kaufkraft EWH-weit auf Rang drei. Dasselbe gelte für den Index der Verkaufsfläche pro Einwohner. Insofern finde „Kritik auf hohem Niveau statt“.
  Marktplatz/Obernstraße: „Der Marktplatz bietet ein tolles Ambiente, das ist ein Pfund, mit dem man wuchern muss“, findet Buhr. Der Branchenmix hier und in der Obernstraße sei „erfreulich breit aufgestellt“. Gleichwohl stören den Experten einige Elemente. Die Straßenlaternen seien „hässlich“, ebenso die massiven Betonklötze auf dem Marktplatz, die gar keine Funktion hätten. Auch Sitzbänke gebe es mittlerweile schöner und zeitgemäßer.

Einige der Fachwerkhäuser würden „durch zu grelle und zu große Leuchtreklamen verunstaltet“, das gehe auch angemessener. Der Eingang „zur an sich attraktiven Marktpassage“ sei viel zu klein geraten: „Es wird nicht deutlich, was sich dahinter an Potenzial verbirgt.“ Als wichtig erachtet Buhr genügend Außengastronomie, um für Leben auf dem Marktplatz zu sorgen: „Hoffentlich wird der ‚La Piazzetta‘-Nachfolger das bisherige Angebot fortführen.“ Wodurch der Markt aus Sicht des Handelsexperten noch sehr gewinnen würde, wäre ein „Kaufmagnet“, ein zugkräftiges großflächiges Geschäft, etwa ein Modehaus wie H+M. „Ideal dafür wäre das Gebäude der Sparkasse“, sagt Buhr und fügt lächelnd hinzu: „Aber das ist wohl ein Sakrileg.“ Dass „diese Stirnseite des Marktes praktisch handelsfrei ist, stellt für mich aber ein Manko dar“. „Großartig“ findet Buhr, dass der Platz dreimal wöchentlich vom Wochenmarkt belebt wird. „Wie mit diesem hier umgegangen wird, ist vorbildlich“.
 Rathauspassage/Hundemarkt: Drei von vier Läden auf einer Seite der Rathauspassage stehen aktuell leer. Das ist für Buhr kein Wunder. „Diese Passage kann nicht funktionieren, denn sie führt weg vom Marktplatz zum Hundemarkt, der völlig unbelebt ist.“ Passagen seien aber nur erfolgreich „zwischen zwei Punkten, an denen Frequenz herrscht“. Die Zeile „wird schwierig zu beleben sein“, schätzt Buhr. Theoretisch möglich wäre das aus seiner Sicht nur durch einen Frequenzbringer wie etwa einen Bäcker. Der Hundemarkt, urteilt Buhr, „sieht städtebaulich nach nichts aus“. Aus der Randbebauung könne man erheblich mehr machen. Hier müsse die Stadtverwaltung wohl noch intensiver mit den Eigentümern reden.

  Hagemeyer/Marktstraße: Das Modehaus Hagemeyer „hat keine Anbindung an den Marktplatz“, stellt Buhr fest, „daher führt es zwangsläufig ein Eigenleben“. Denn zwischen beiden Punkten gebe es so gut wie keine Handelsnutzung. „Dabei müssten sich Hagemeyer und die Innenstadt die Kunden eigentlich gegenseitig zuspielen“, sagt der Experte. Er empfehle als Sofortmaßname auf dem Marktplatz die Aufstellung eines Hinweisschildes zu Hagemeyer. Vom Grundsatz her sei das Problem nur durch die Ansiedlung von kundenstarkem Einzelhandel zwischen der Volksbank und Hagemeyer zu lösen. Vorausgesetzt dass es diesen dort gebe, könne eine Umwandlung der Marktstraße bis Hagemeyer in eine Fußgängerzone durchaus gewinnbringend sein, sagt Buhr.
  Sauberkeit: Immer wieder fällt Buhrs Blick auf Pfähle von Laternen und Schildern. Fast alle sind durch Aufkleber verunziert. Teilweise gilt das auch für die Schilder selber: „Vor der Volksbank ist das Schild Fußgängerzone als solches kaum noch zu erkennen“, beobachtet der IHK-Mann. Die Nase rümpft er im Aufgang der Hundemarkt-Tiefgarage vor dem Rathaus. „Sehr schmuddelig“ sei das dort, „so einen Empfang hat kein Kunde verdient.“ Derartige Zugänge gehörten sauber gehalten, außerdem könnten sie freundlicher und farbiger gestaltet werden.
 Parkplätze: Anzahl und Lage der Parkplätze sind aus Sicht von Buhr zufriedenstellend. Problematisch sei freilich, dass in der Innenstadt alle mit Gebühren belegt seien. Der Hinweis auf den Festplatz zieht für Buhr nicht: „Der ist viel zu weit weg, außerdem kann man auf dem Weg dahin auch nichts erledigen.“ Dringend empfehle er überall kostenfreies Parken an Wochenenden, wie es in vielen umliegenden Städten üblich sei: „Das wäre ein zusätzliches Argument für die Einkaufsstadt Stadthagen.“ Die Brötchentaste könne verbreiteter eingesetzt werden. Und auch für die Einzelhändler hat Buhr einen Rat: „Beim Einkauf die Parkscheingebühren ersetzen.“
  Fachärztezentrum: Auf dem Areal südlich der Marktpassage stehend, ist Buhr sicher: „Das geplante Fachärztezentrum gehört am besten hierhin.“ Die Verknüpfung mit der Innenstadt sei hier am intensivsten. Im Vergleich dazu lägen die anderen diskutierten Standorte an der Bahnhofs- und an der Vornhäger Straße sowie auf dem Krankenhausareal schon zu weit weg. Nach Überzeugung von Buhr wäre es dabei wichtig, das Fachärztezentrum architektonisch eng mit der Marktpassage zu verzahnen und es auch an der Front zum Marktplatz hin genügend nachdrücklich zu präsentieren.
  Areal Vornhäger- und Lauenhäger Straße: Dem jüngst von einem Investor vorgebrachten Vorschlag, dort einen Nahversorger anzusiedeln, sieht Buhr mit vorsichtiger Skepsis. Generell könne in die Oststadt ein solcher zwar passen. Es müsse aber genau geguckt werden, ob dadurch an anderer Stelle einem Markt existenzgefährdend Konkurrenz gemacht würde. Dabei müsse das Auge vor allem auf dem Feinkosthaus Tietz liegen, „das für die Innenstadt unheimlich wichtig ist“. Buhr unmissverständlich: „Dieser Stein im Versorgungsnetz sollte nicht herausgebrochen werden, sonst geht in der Innenstadt sehr viel Frequenz verloren.“ Die Ansiedlung eines so altstadtnahen Kundenmagneten könne per se sinnvoll sein. Allerdings müsse dann eine attraktive Anbindung über Krumme- und Niedernstraße in die City geschaffen werden. Das hinzukriegen, sehe er freilich als schwierig an.

Nördliche Altstadt: Die Niedern- und die Echternstraße „sind wirklich ein Problem“, Teile der Krummen Straße „gar ein Schandfleck“, tut Buhr ungeschminkt kund. Dass die Stadt an der Krummen Straße vier marode Gebäude aufgekauft habe und sie in modernen Wohnraum umwandeln lässt, findet der Experte zukunftsweisend. „Eigentlich müsste die Stadt das mit dem ganzen Straßenzug zwischen Echtern- und Niedernstraße machen.“ Denn innenstadtnahes Wohnen sei hier der richtige Weg: „Diese Nebenlage wird vom Einzelhandel nicht mehr angenommen.“

Realistisch betrachtet sei auch die untere Niedernstraße strukturell „kein wirkliches Handelsquartier“, so Buhr. Eine Belebung könne durch Außengastronomie und Dienstleistungen hergestellt werden. Vorstellbar sei auch, dort Unternehmensgründer durch von der Stadt befristet subventionierte Mieten anzusiedeln. Profilieren könne man eine solche Straße auch durch Konzentration auf ein Thema, etwa lauter Einrichtungsgeschäfte. ssr

Hans-Hermann Buhr

Der Diplom-Geograph Hans-Hermann Buhr (54) ist bei der Industrie- und Handelskammer Hannover (IHK) Experte für Handel und Tourismus. Im Jahr 2006 verfasste er im Rahmen einer großen Mittelzentren-Studie der IHK ein umfangreiches Einzelhandels-Standortprofil von Stadthagen. Buhr ist verheiratet, hat vier Kinder und lebt in Burgdorf.

Was der Experte zu den Themen Fußgängerzone und Verkehrsführung sagt – demnächst in den SN.

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„Das geht ja gar nicht.“ Dieser Ausruf entfährt Hans-Hermann Buhr, als er mit dem Auto aus Richtung Hannover kommend in Stadthagen das Kaufhaus Hagemeyer erreichen will. Der Einzelhandelsexperte der IHK Hannover hat sich bei seinem Rundgang mit den SN durch die Innenstadt auch mit der Verkehrsführung beschäftigt – und Ideen vorgebracht.

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