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Wie Rosen auf Brokat gestickt

Lesung in Stadthagen Wie Rosen auf Brokat gestickt

Kein ganz leicht verdaulicher Abend: Sich zurücklehnen und ein Stück Kultur in vollen Zügen genießen ist zum Auftakt der Saison des Vereins Kultur Stadthagen nicht ohne Weiteres möglich gewesen.

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„Ich dachte, wir machen einen Einbruch“

STADTHAGEN. Die Schauspielerin Barbara Schnitzler las vor 40 Gästen die Novelle „Mignon“ von Gerhart Hauptmann (1862 – 1946). Die Darbietung war exzellent und wurde minutenlang beklatscht. Der Inhalt der Lesung freilich regte zu Fragen und Kommentaren an.

 In der kurzen Erzählung tritt Hauptmann, der Johann Wolfgang von Goethe sehr verehrte, nicht direkt als Ich-Erzähler auf. Dennoch rechnet man der Novelle sehr viel Autobiografisches des Dichters zu. Dem Erzähler erscheint bei einem Aufenthalt am Lago Maggiore in mehreren Situationen die Person Goethe. Zwar ist dem Erzähler bewusst, dass der Dichterfürst längst verstorben ist, dennoch nimmt er ihn fast greifbar wahr. Real hingegen begegnet er einem jungen zierlichen Mädchen, das von erwachsenen Begleitern – mal einer Schaustellertruppe, mal von einem Harfe spielenden Alten, ausgenutzt, geschlagen, vielleicht missbraucht wird.

 Der Erzähler empfindet das Mädchen als Mignon, eine Hauptfigur in Goethes Roman Wilhelm Meisters Wanderjahre. Etliche Literaten und Komponisten haben sich mit einer Mignon beschäftigt, dem Inbegriff eines knabenhaften, erotisch anziehenden Mädchens. Der französische Name bedeutet so viel wie „Herzchen“ oder „Liebling“.

 Verknüpft mit Goethes und Hauptmanns Mignon sind Trauer, Leid und Sehnsucht, auch die von Goethe beschriebene Italiensehnsucht. Das Gedicht „Kennst Du das Land, wo die Zitronen blühn“ schickte Schnitzler ihrer Lesung voran.

 Dem Mädchen, das in der Erzählung Aga heißt, kommt der Ich-Erzähler innerlich immer näher. Er sucht sie. Immer wieder erscheint ihm dabei Goethe. Schließlich stirbt die durch schlechte Behandlung Erkrankte in des Erzählers Armen.

 Gleich nach der Lesung hatte das Publikum Gelegenheit, sich zu äußern und Fragen zu stellen. Als „gruselig“ empfand eine Frau die Wirtschaftsszene, in der der Erzähler das schutzlose Mädchen allein unter ruppigen Männern wahrnimmt. Hätte Schnitzler die Geschichte nicht mit mehr ironischen Abstand lesen können, wollte eine weitere Zuhörerin wissen. Das stehe ihr nicht zu, antwortete die Schauspielerin, die selbst den überladenen Stil Hauptmanns kritisierte. Schnitzler: „Er spricht wie Rosen auf Brokat gestickt.“ Um die Erzählung lesbarer zu gestalten, habe sie schon einige Rosen runtergenommen.

sk

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