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"Wir werden dich töten"

Journalistin flieht aus Irak "Wir werden dich töten"

Das Fernsehpublikum des Irak kannte ihr sanftmütiges Gesicht von den Nachrichtensendungen der Satellitenkanäle Beladi oder Al-Masar. Sechs Jahre lang trat Sarah al Rabehe aus Bagdad vor die Fernsehkameras. Sie spricht ein wenig Englisch und fast kein Deutsch. Für das SN-Pressegespräch diente ihr Freund Mohammed Mozan als Übersetzer.

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Asnat, Sarah, Mustafa und Emad al Rabehe auf dem heimischen Sofa.

Quelle: geb

STADTHAGEN. . Als im März 2015 die Schlacht zwischen den irakischen Regierungstruppen und den Kämpfern des „Islamischen Staates“ in Tikrit tobte, berichtete al Rabehe darüber Live in ihrer Sendung. Ein Anrufer wurde zu ihr durchgestellt und sagte: „Wenn du weiter über den Islamischen Staat berichtest, werden wir dich finden und töten.“
Journalisten im Irak leben und arbeiten auch heute noch in einer höchst angespannten Situation. In Sachen Pressefreiheit belegt das Land aktuell den 158. Platz von 180 auf der Rangliste von „Reporter ohne Grenzen“.
Als die Mutter einer mittlerweile vier Jahre alten Tochter wenig später zum zweiten Mal schwanger wurde, wollte sie sich dem Terror nicht länger aussetzen.
Familie flüchtet im Schlauchboot über das Mittelmeer
Mit ihrem 31 Jahre alten Ehemann Emad und ihren Freunden Mohammed und Gadeer Mozan entschied sie sich vor zehn Monaten, ihre Heimat zu verlassen. „Wir sind mit dem Flugzeug nach Erbil und von dort per Bus in die Türkei gereist. Im Schlauchboot erreichten wir Griechenland und machten uns von dort über Mazedonien, Serbien, Ungarn und Österreich auf den Weg nach Deutschland“, erinnert sich die 25-jährige. 20 Tage dauerte ihre Odyssee.
Den größten Teil der Strecke auf der Balkan-Route konnten sie mit dem Bus zurücklegen, doch sieben Stunden in Mazedonien und drei Stunden in Ungarn waren die Flüchtlinge wie tausende andere zu Fuß unterwegs.
In Deutschland angekommen, verbrachten sie einen Monat in einer Erstaufnahme-Einrichtung in Dortmund, danach vier Monate in Sarstedt. Seit fünf Monaten lebt die Familie in Stadthagen. Gerade angekommen, erblickte Sohn Mustafa das Licht der Welt. Ihre kleine, aber neu eingerichtete Wohnung an der Sperberstraße erweckt einen gemütlichen Eindruck.
Nur in Deutschland sahen die al Rabehes eine sichere Zukunft für ihre Kinder. „In den Ämtern und bei der Awo sind alle sehr hilfsbereit. Selbst auf der Straße gibt es nur sehr wenige Menschen, die keine Auskunft geben wollen“, meint die Irakerin. Kein einziges arabisches Land unternehme so viel für Flüchtlinge, wie die Bundesrepublik.
Vater und Mutter, beide frühere Lehrer, ließ sie in ihrer Heimat zurück. Den Kontakt können sie nur per Kurznachrichten halten. „Anders als hier sind meine Eltern, wie die meisten älteren Menschen im Irak, ganz auf sich gestellt“, sagt al Rabehe besorgt.
Drei Stunden Deutschunterricht die Woche
In ihrer neuen Heimat will sich die Familie um die Integration in die Gemeinschaft bemühen. Ein Hindernis stellt dabei aber die Sprache dar. Emad al Rabehe, gelernter Mechaniker, findet die drei Stunden Deutschunterricht, die er pro Woche bekommen kann, zu wenig.
Über fremdenfeindlich gesinnte Mitbürger machen sich die Asylbewerber keine Gedanken. „Der Rassismus in Deutschland ist ein sehr kleines Problem, verglichen mit der Lage in unserer Heimat“, meint Emad al Rabehe und erinnert: „Allein diesen Monat sind dort schon wieder 300 Menschen bei einem Anschlag umgekommen.“
Den Hidschab trägt seine Frau, die wie er selbst dem schiitischen Islam angehört, sorgfältig um Kopf und Schultern drapiert. Für das religiöse Leben der lokalen muslimischen Gemeinde interessiert sich die Familie dennoch nicht sonderlich. In einer Moschee werden sie sich so bald wohl nicht blicken lassen.
Der Journalistin fehlt viel mehr ihre Arbeit. Sie ist sich sicher, eines Tages wieder journalistisch zu arbeiten, sobald sie Deutsch gelernt hat. Für die Zukunft des Irak macht sie sich keine Hoffnung: „In zehn Jahren wird das Leben dort genauso schlecht sein wie heute.“ geb

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