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Wirtschaftsgeschichte: Vom Boom ins Aus

Erst Hackethal, zum Schluss Alcatel Wirtschaftsgeschichte: Vom Boom ins Aus

Die deutsche Wiedervereinigung hatte dem Alcatel-Werk an der Gubener Straße einen massiven Aufschwung beschert, doch das neue Jahrtausend sollte der Standort schon nicht mehr erleben. Nach fast 40 Jahren endete dort die Geschichte der Stadthäger Kabelproduktion.

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In den achtziger Jahren deckt das Alcatel-Werk das ganze Spektrum der Kabelproduktion (kleines Bild) ab. 

Quelle: pr.

Stadthagen. Der Niedergang des Bergbaus hatte der neuen Branche die Tür geöffnet: 1961 bauten die Hackethal Draht- und Kabelwerke ihre Zweigstelle in Stadthagen, ein Jahr später verließen die ersten Nachrichtenkabel, Nylon-isolierte Telefonkabel und Installationsleitungen das Werk. In den folgenden Jahren kam in zwei neu errichteten Hallen die Fertigung papierisolierter Orts- und Fernmeldekabel hinzu, zehn Jahre später löste Kunststoff allmählich das Papier als Isoliermaterial ab und eine vierte Halle komplettierte den Standort. CATV-Kabel für die Fernsehübertragung und die Pilotfertigung von „wärmeschrumpfenden Garnituren“ Anfang der achtziger Jahre erweiterten die Produktpalette.

Mit der Verlagerung der Lichtwellenleiter-Herstellung von Hannover nach Stadthagen und erheblichen Investitionen brach 1986 eine neue Ära an. „Innerhalb des Unternehmens waren wir ein Vorreiter in der Glasfaser-Produktion“, erinnert sich Udo Rüffer, der 1980 als gelernter Heizungsmonteur im Alter von 23 Jahren in dem Werk angefangen hatte. Das Berufsbild des Kabelwerkers gab es zu dieser Zeit noch nicht. „Die meisten der etwa 250 Mitarbeiter waren damals angelernte Kräfte, der jüngste vielleicht 40 Jahre alt“, so der spätere Betriebsrat. „Es galt etwas, dort arbeiten zu können.“

Größtes und modernstes Kupferkabelwerk

1992 trat der Alcatel-Konzern als Käufer auf den Plan. Nach weitreichenden Rationalisierungen verteilte die neue Führung die Produktion auf zwei Standorte: Das Werk Rheydt in Mönchengladbach übernahm einen Teil, die Stadthäger konzentrierten sich fortan auf die Kupferkabel. Mit einer Kapazität von mehr als drei Millionen Doppelader-Kilometern pro Jahr zählte der Standort zu dieser Zeit zu den größten und modernsten Kupferkabelwerken der Welt – war wegen der Spezialisierung aber hochgradig abhängig von seiner Spitzenposition.

„Die Investitionen in die frühere DDR sorgten für einen richtigen Schub. Das waren die fetten Jahre“, so Rüffer. Die Belegschaft wurde wegen der großen Bundespostaufträge mehr als verdoppelt. Doch als das Projekt „Aufbau Ost“ ab 1995 ins Stocken geriet, kam auch Alcatel in die Flaute. Der Konzern konnte das Defizit nicht über den Export kompensieren und schon zwei Jahre später stand die Schließung des Werks zur Debatte.

Rüffer und seine Kollegen erlebten die letzten Jahre des Betriebs, in dem es einst „familiär und angenehm“ zugegangen war, mit gedrückter Stimmung: „Rückgang der Aufträge, Personalabbau, es wurde nach und nach weniger.“ Auf den Betriebsversammlungen wurde der Ton aggressiver. Letztendlich hat auch heftiger öffentlicher Protest die Schließung zum Jahresende 1999 nicht mehr abwenden können. 200 der 250 verbliebenen Beschäftigten nutzten eine Qualifizierungsgesellschaft als letzten Rettungsanker. „Wie die meisten wäre ich nie freiwillig gegangen. Es war schon etwas Besonderes“, sagt Rüffer. geb

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