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Wo brennt’s?

Weststadt rückt in den Fokus Wo brennt’s?

Die Weststadt ist wieder stärker in den öffentlichen Blickpunkt gerückt. Grund ist die Nachricht, dass die Arbeiterwohlfahrt (Awo) im Quartier rund um die Hüttenstraße einen Treffpunkt etablieren will (wir berichteten). Vielen Kommunalpolitikern und Bürgern gilt die Gegend als sozialer Brennpunkt. Zu Recht?

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An der Hüttenstraße will die Awo ein Begegnungszentrum etablieren.

Quelle: tro

STADTHAGEN.  Seit den siebziger Jahren leben überwiegend Menschen mit Migrationsgeschichte in der Weststadt. So hatte es die Awo in ihrem Antrag für die Fördermittel geschildert. Ehemalige Gastarbeiter aus der Türkei und russisch-stämmige Spätaussiedler prägten lange Zeit das Quartier. Konflikte zwischen den unterschiedlichen Kulturen seien an der Tagesordnung gewesen.

 Seit 2012 ziehen massiv Geflüchtete aus Syrien, Afghanistan und den Balkanstaaten in die Wohnblocks. Im Projektgebiet leben laut Awo rund 28 Prozent aller Ausländer der Kreisstadt, ihr Anteil im Quartier liegt bei 43,8 Prozent. Der Awo zufolge ist Anteil der Menschen mit Zuwanderungsgeschichte noch weitaus höher, wird aber statistisch nicht erfasst.

 In ihrer Begründung für die Fördergelder hatte die Awo auch auf die im Quartier fehlenden ausreichenden Beschäftigungsmöglichkeiten für Flüchtlinge Bezug genommen. Mit dem Projekt solle „Perspektivlosigkeit und einer Zunahme der Kriminalität“ entgegengewirkt werden.

Kein Einsatzschwerpunkt der Polizei

 Polizeisprecher Axel Bergmann sieht in der Weststadt allerdings „keinen erkennbaren Einsatzschwerpunkt“. Entsprechend möchte er in diesem Zusammenhang auch nicht von einem sozialen Brennpunkt sprechen. Zumindest nicht, wenn man sich die Zahlen über die polizeilichen Einsätze im Verhältnis zum restlichen Stadtgebiet anschaue. Im vergangenen Jahr gab es in Stadthagen 4100 Einsätze, in der Weststadt waren es im selben Zeitraum 613. Darunter fielen 59 Ruhestörungen, 33 Streitigkeiten und 15 Fälle von häuslicher Gewalt. „Aber gerade in diesen Fällen ist ganz eindeutig, dass es sich nicht auf bestimmte Schichten beschränkt“, sagt Bergmann.

 Da sich in der Weststadt unter anderem sehr viele Wohngebäude der Kreiswohnungsbaugesellschaft befinden, wohnten dort auf engem Raum viele sozial eher schwächer gestellte Menschen. Bergmann „Hieraus ergeben sich, wie wohl überall, täglich Probleme im Zusammenleben.“ Zum Beispiel Streitigkeiten unter Alkoholeinfluss. Bereits im Jahr 2000 hätten sich Stadt, Polizei, Präventionsrat und Fraktionen im Stadtrat mit der aus Bergmanns Sicht vermeintlichen Problematik „Weststadt“ beschäftigt. Probleme seien eher im Zwischenmenschlichen zu finden, mit Ruhestörungen und besagten Streits nach ein paar Gläsern zuviel. Der Kontaktbeamte Carsten Köller habe „immer auch ein Auge auf dieses Wohnquartier“.

Ortsbegehung des Integrationsbeirats

 Zu einem ähnlichen Schluss ist der Integrationsbeirat gekommen, bei dem das Quartier schon mehrfach zur Debatte stand. So erklärt der kommisarische Vorsitzende Michael Schalich: „Wir haben uns den Bereich gerade deswegen genauer angeschaut, weil immer diese Aussagen über einen ,sozialen Brennpunkt‘ herumgeistern.“ Das sei aber zu Unrecht so, meint Schalich. „Wir haben vor einigen Jahren selbst dort Ortsbegehungen gemacht, um zu sehen, ob es eine Ghetto-Bildung gibt.“ Dies habe die Gruppe aber nicht feststellen können. Schalich: „Natürlich gibt es einzelne Häuser, die schäbig aussehen, man sieht ja auch mal eine demolierte Haustür und wenig gepflegte Grünanlagen.“ Das sei aber „immer partiell“.

 Für Schalich bedeutet das nicht, dass das Awo-Projekt nicht benötigt wird. Gerade durch den Zuzug vieler Flüchtlinge sei es gut, für diese Menschen eine Betreuung zu haben. Zumal das Konfliktpotenzial jetzt steigen könnte. „Dort gibt es viele Orte mit billigem Wohnraum, wo Sozialhilfeempfänger leben“, befindet Schalich. „Also viele Leute auf engem Raum mit nicht luxuriösen Wohnverhältnissen.“

 Auch von der Stadt wird das Projekt eher als Präventionsmaßnahme gesehen. Iris Freimann vom Fachbereich Bürgerdienste sagt: „Alleine dadurch, dass da Menschen wohnen, die nicht viel Geld oder einen Migrationshintergrund haben, wird es nicht zu einem sozialen Brennpunkt.“ Es gebe aus dem Bereich nicht mehr Beschwerden als aus anderen. Ihrer Ansicht nach funktioniere das Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen dort sehr gut.

Politik denkt anders

 Die Politik schätzt die Situation indes anders ein. Der CDU-Fraktionsvorsitzende Heiko Tadge und Richard Wilmers (WIR-Vorsitzender) bezeichnen die Weststadt sehr wohl als sozialen Brennpunkt. Tadge sieht die Probleme in der mangelnden Integration vieler Migranten dort. Er will die Schwierigkeiten aber nicht auf die nationale Herkunft zurückführen, sondern auf die kritische soziale Situation. Wie Wilmers kritisiert auch Tadge das Awo-Projekt, das er als „nicht ausreichend ausformuliert“ bezeichnet.

 WIR-Chef Wilmers wird in seiner Kritik deutlicher: „Das wird ein Fass ohne Boden, da die bisherigen Gelder nur für ein Jahr angesetzt sind. Wenn das Projekt dann ausläuft, wird die Awo das nicht ohne städtische Zuschüsse wuppen können.“ Das etwas getan werden müsse, sehe er auch. Die Situation habe sich verschärft, weil viele heimische Stadthäger weggezogen seien. Zuzüge gab es dann von Migranten. Wilmers hält aber ein Migrantenviertel nicht für erstrebenswert. Sein Punkt: „Dadurch wird Isolation nur verstärkt und Integration behindert.“

 Auch für Jan-Philipp Beck gibt es in Sachen Weststadt viel Nachholbedarf. Er sieht aber Verfehlungen bei der Verwaltung, die zu lange andere Prioritäten verfolgt habe. Dabei habe die SPD, wie der Vorsitzende erklärt, sich bereits vor Jahren bemüht, den Bereich zum Arbeitsschwerpunkt zu erklären. col

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