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Wozu einen Integrationsbeirat?

Stadthagen Wozu einen Integrationsbeirat?

Stadthagen ist die einzige Kommune im Landkreis, die über einen Integrationsbeirat als Mittler zwischen Verwaltung und Politik auf der einen Seite und den Bürgern auf der anderen Seite verfügt.

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Integration scheint in den meisten Schaumburger Kommunen nicht viel mit Integrationspolitik zu tun zu haben – Ausnahme ist Stadthagen.

Quelle: Fotolia

Stadthagen. Die anderen Gemeinden sehen keine Probleme und daher auch keinen Bedarf für einen Beirat. Aber ist das tatsächlich so – oder schauen sie nur weg?

 Auf der Internetseite der Kreisstadt ist über den Integrationsbeirat zu lesen: „Stadthagen ist eine weltoffene Stadt, die allen Menschen, gleich welcher Herkunft, eine gute Heimat sein will.“ Die Integration der Migranten sei deshalb eine Aufgabe von großer Bedeutung.

 Mit 21,26 Prozent hat Stadthagen in Schaumburg prozentual den größten Bevölkerungsanteil von Migranten: Offiziell hat jeder fünfte der 22240 Stadthäger einen Migrationshintergrund. Die Kreisstadt liegt damit voll im Bundestrend.

 „Mit dem Integrationsbeirat wollen wir zeigen, dass wir offen sind“, sagt Iris Freimann, die Stadthäger Fachbereichsleiterin der Bürgerdienste und Administratorin des Integrationsbeirats.

 In der Praxis sieht das so aus: Der Beirat hat eine beratende Funktion für die Verwaltung und einen ständigen Sitz im Ausschuss für Soziales, Sport und Kultur. Das teilnehmende Beiratsmitglied hat Rederecht, um Belange mit einbringen zu können und aus dem Beirat zu berichten. Ferner ist der Beirat Ansprechpartner für Fragen rund ums Thema Integration, beteiligt sich an Veranstaltungen und Projekten, stellt Kontakte her und vermittelt zwischen Verwaltung, Schulen und Bürgern.

 Die Idee für den Beirat geht ins Jahr 2004 zurück. Damals war man von einem Migrantenanteil von 15 Prozent ausgegangen, schildert Freimann. Die Migranten seien als ein wesentlicher Bevölkerungsanteil erkannt worden, der Beachtung verdient und dem ein Forum geboten werden sollte. Aus einem Arbeitskreis Integration ging zwei Jahre später schließlich der Beirat hervor.

 Die Kommission ist politisch und religiös unabhängig, wird alle zwei Jahre gewählt und besteht aus 20 eherenamtlichen Mitgliedern – mit und ohne Migrationshintergrund. „Der Beirat ist nicht nur auf Migranten ausgerichtet“, merkt Freimann an. Gleichwohl handele es sich bei den Mitgliedern zunächst größtenteils um Vertreter der örtlichen Religionsgemeinschaften, Sozialeinrichtungen und Vereine.

 Das war zu Beginn auch durchaus so gewollt, um erst mal Kontakte zu knüpfen, schildert Freimann. Aber dann habe man festgestellt, dass ganze Bevölkerungsgruppen nicht erreicht wurden: nämlich die, die nicht organisiert sind. Das habe sich auch in einer nachlassenden Beteiligung am Beirat niedergeschlagen. 2011 wurde sogar seine Auflösung diskutiert – mit dem Ergebnis, den Beirat auch für Einzelpersonen anstatt nur Vereinsvertreter zu öffnen. „Dadurch ist es gelungen, den Beirat wieder gut zu beleben“, befindet Freimann.

 Die große Herausforderung ist inzwischen eine andere: Kaum jemand weiß, dass es den Integrationsbeirat überhaupt gibt, sagt die derzeitige Vorsitzende Rabia Yasar. Aber das soll sich ändern. „Wir wollen aktiver werden. Im Frühjahr 2015 wollen wir uns am Wochenende auf dem Marktplatz mit einem eigenen Stand der Öffentlichkeit vorstellen“, kündigt Yasar an. Denn dass Menschen von sich aus auf den Beirat zukämen, das sei selten. Daraus abzuleiten, dass kein Bedarf an einem Integrationsbeirat gibt, liegt Yasar fern.

 Die Aufnahme von zusätzlichen Flüchtlingen durch den Landkreis Schaumburg und die damit verbundene Unterbringung von ihnen in privaten Unterkünften stellen den Integrationsbeirat vor eine weitere Herausforderung.

 In anderen Städten Schaumburgs hingegen hält man einen Integrationsbeirat in der eigenen Kommune nicht für nötig. „Bei uns gibt es keine Schwierigkeiten mit Integration“, sagt Oliver Schäfer, Bürgermeister von Obernkirchen. Die Stadt mit ihren 9335 Einwohnern hat einen Migrantenanteil von offiziell 12,10 Prozent (1129). Schäfer verweist auf die größte Migrantengruppe in Obernkirchen: die Italiener. „Wir haben schon seit vielen Jahren ein sehr gutes, nachbarschaftliches Verhältnis miteinander.“

 Keine Notwendigkeit für einen Beirat sieht man auch in Bückeburg, wo offiziell 12,73 Prozent der 18964 Einwohner ausländische Wurzeln haben. „Es gab bislang kein Anliegen, einen Integrationsbeirat zu schaffen“, sagt Bürgermeister Reiner Brombach im Gespräch mit dieser Zeitung. Integrationsfragen würden politisch im Familien- und Sozialausschuss erörtert. Ferner werde insbesondere durch die Bürgerinitiative gegen Fremdenfeindlichkeit „Alle unter einem Dach“ sichergestellt, dass Bückeburg „nicht nur bunt ist, sondern auch bunt bleibt“.

 Rinteln hat nach Stadthagen den prozentual zweitgrößten Migrantenanteil. Von den 27168 Einwohnern haben offiziell 4119 ausländische Wurzeln, das entspricht 15,16 Prozent. Aber auch dort sieht man keinen Bedarf für einen Integrationsbeirat. „Es gibt hier offensichtlich keine Integrationsprobleme“, glaubt Rintelns Erster Stadtrat Jörg Schröder. pk

KOMMENTAR: Nicht auf Probleme warten

von Philipp Killmann

Es ist bezeichnend: Der Begriff Integrationsbeirat wird in den Verwaltungen von Rinteln, Bückeburg und Obernkirchen zuallererst mit Problemen assoziiert. Klar kann ein Integrationsbeirat auch bei Problemen ein geeignetes Forum sein, dieselben aus der Welt zu schaffen.
Die Aufgabe des Landkreises Schaumburg etwa, Flüchtlinge dem „Leverkusener Modell“ entsprechend zunehmend dezentral in privaten Unterkünften unterzubringen, stellt die Verwaltung vor eine echte Herausforderung. Ein Integrationsbeirat könnte beim Abbau von Ängsten und Vorurteilen aufseiten der Vermieter eine wichtige Rolle spielen. Vor allen Dingen jedoch hat die Einrichtung eines Beirats eine wichtige Signalwirkung – für Migranten wie für Nicht-Migranten: Wir nehmen eure Angelegenheiten, welcher Art sie auch sein mögen, ernst – bringt euch ein.
Mit politischen Gremien wie einem Integrationsbeirat wird die viel zitierte Willkommenskultur nicht zur leeren Worthülse, sondern in die Tat umgesetzt. In Stadthagen hat man das schon vor acht Jahren begriffen. Allein an der Öffentlichkeitsarbeit hapert es noch. Im übrigen Schaumburg scheint man derweil auf Probleme zu warten, anstatt ihnen auch politisch präventiv entgegenzuwirken. 

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