Volltextsuche über das Angebot:

2 ° / -6 ° wolkig

Navigation:
Hopfen und Malz verloren?

Stadthagen / Wie sieht die Zukunft der Brauerei aus? Hopfen und Malz verloren?

Seit fast zwei Wochen gibt es in Schaumburg ein Gesprächsthema: die Havarie der Schaumburger Privat-Brauerei. Wie sieht die Zukunft an St. Annen aus? Nur einer weiß es: Friedrich-Wilhelm Lambrecht.

Voriger Artikel
Kampfschlager fürs „Schaumburger“
Nächster Artikel
Brauerei führt Verhandlung

Sascha Bibiha (links) und Friedrich-Wilhelm Lambrecht bei der Pressekonferenz am 23. Juli.

Quelle: pr.

Von Uwe Graells und Christoph Oppermann

Stadthagen. Ein Gesicht kann einiges verraten. Ein Lächeln noch viel mehr. Es ist schon ein ungewöhnliches Foto, das die Presse bei der Verkündung einer Firmeninsolvenz vom verantwortlichen Geschäftsführer einfängt. Und dabei geht es nicht um irgendeinen Betrieb – es geht um die Schaumburger Privat-Brauerei, 140 Jahre Tradition, Familienunternehmen. Das ganze Gerede von Identität, Heimat, Schützenfest – und dann sitzt Friedrich-Wilhelm Lambrecht gemeinsam mit dem künftigen Insolvenzverwalter am Tisch und lächelt. Oder grinst er sogar? Zur Erinnerung: Er hat gerade das mögliche Ende seines Unternehmens verkündet. 23 Arbeitsplätze stehen auf der Kippe. Selbst die Bitte des Fotografen, angesichts der betrüblichen Nachricht vielleicht etwas angemessener zu schauen, läuft ins Leere. „Wenn man seit Wochen unter Strom steht, dann grinst man vielleicht zehn Sekunden zu lange“, begründet Lambrecht seine Haltung später.

Die Szene stammt vom 23. Juli, einem Dienstag. Nur wenige waren eingeweiht in die Pläne zur Insolvenzbeantragung. In den Tagen zuvor war „Friwi“, wie er in Stadthagen kurz genannt wird, bei einigen wichtigen Entscheidungsträgern, um sie vorab zu informieren. Und auch dort schon das gleiche Bild: Locker, teilweise witzelnd und alles andere als betrübt. Warum?

Offensichtlich gibt es einen Plan. Es deutet vieles darauf hin, dass sich Lambrecht seit Monaten mit anwaltlicher Beratung auf das jetzige Geschehen vorbereitet hat. Seit wann, das will er nicht sagen. „Dazu gebe ich keine Auskunft“, sagt Lambrecht. Sascha Bibiha soll als vorläufiger Insolvenzverwalter eigentlich die „Schaumburger Privat-Brauerei GmbH“ retten. Aber er hat dafür überhaupt keine Handhabe. Alles, was werthaltig ist, befindet sich nach SN-Informationen in einer anderen Gesellschaft, der „Schaumburger Brauerei Lambrecht GmbH & Co KG“. Einblick in deren Bücher und Geschäftsunterlagen stehen Bibiha und seinen Kollegen nicht zu. Immobilien, Fuhrpark, Markenrechte, Rezepturen und die Verträge mit den Gastronomen sollen mehr oder weniger komplett in der KG liegen.
Kündigung bereits im ersten Halbjahr 2013
Eine mögliche Rettung der insolventen GmbH liegt also ausschließlich in der Hand von „Friwi“ Lambrecht. Einige, die mit ihm in den vergangenen Tagen gesprochen haben, kommen zu dem Eindruck, dass er keine große Neigung verspürt, das Geschäft mit Bier selbst am Leben zu halten. Er formuliert das anders. „Mein Ziel ist es, alle Arbeitsplätze zu retten. Dazu habe ich mit möglichen Investoren Verschwiegenheitserklärungen vereinbart. Deshalb sage ich zu diesem Thema nichts.“ Dem Vernehmen nach soll Lambrecht Mitarbeitern erklärt haben, zu einem späteren Zeitpunkt auf keinen Fall mehr als Geschäftsführer der Schaumburger Brauerei tätig sein zu wollen.
Besonders skurril muss ein Brief gewesen sein, den sich Lambrecht quasi selbst geschrieben hat. Die KG hat der GmbH nämlich zum Jahresende gekündigt. In beiden Gesellschaften ist Lambrecht Geschäftsführer, um die Fristen zu wahren, wurde das Schreiben im ersten Halbjahr aufgesetzt. „Ohne Immobilie, Brauanlage und Markenrechte gibt es hier nichts zu retten“, beschreibt Bibiha die reale Lage.
Brauvorgang dauert sechs Wochen
Dennoch will er alles tun, um das Zeitfenster für eine Sanierung möglichst lange offen zu halten. Das Insolvenzgeld und damit der Lohn für die Mitarbeiter ist vorerst gesichert (die SN berichteten). Wenn aber zum Jahresende die Verträge mit der KG auslaufen, kann er eigentlich ab November kein Bier mehr brauen. Sechs Wochen dauert es, bis der Brauvorgang mit dem Abfüllen des Getränkes beendet ist.
Zum Hintergrund: Förmlicher Anfang des Verfahrens ist folgende Bekanntmachung des Amtsgerichts Bückeburg: „In dem Insolvenzantragsverfahren über das Vermögen der Schaumburger Privat-Brauerei GmbH, St. Annen 11, 31655 Stadthagen (AG Stadthagen, HRB 363), vertr. d.: Friedrich-Wilhelm Lambrecht, An der Bornau 7 b, 31655 Stadthagen, (Geschäftsführer) ist am 24.07.2013 um 11.00 Uhr die vorläufige Verwaltung des Vermögens der Schuldnerin angeordnet worden. Verfügungen der Schuldnerin sind nur mit Zustimmung des vorläufigen Insolvenzverwalters wirksam. Zum vorläufigen Insolvenzverwalter ist Rechtsanwalt Sascha Bibiha, … bestellt worden.“ Lambrecht ist zwar noch Geschäftsführer der GmbH, kann aber ohne Zustimmung des vorläufigen Insolvenzverwalters Sascha Bibiha keine geschäftlichen Entscheidungen treffen, die die GmbH betreffen. Allerdings verfügt Lambrecht immer noch über die KG, in der die Immobilien, Markenrechte und anderes mehr gebündelt sind. Gleichlautend hatten Lambrecht und Bibiha beim Pressegespräch am 23. Juli geäußert, dass der GmbH nur die Zahlungsunfähigkeit drohe, diese aber noch nicht eingetreten sei. Insofern ergibt sich nach SN-Informationen die eigenwillige Konstellation, dass es zum Jahresende noch eine Brauerei-GmbH gibt, die der Insolvenzverwalter sanieren soll und will, die aber nur über Mitarbeiter verfügt, nicht jedoch über einen Brauereistandort und das notwenige Inventar, nicht einmal über das Recht, Bier nach dem Rezept der Schaumburger Brauerei zu brauen und dieses so zu nennen, und eine KG, die über alles Nötige zum Bierbrauen und -vertreiben verfügt, nur nicht über Mitarbeiter.
Betriebsrenten in Höhe von 10 000 Euro
Ein Kenner der Szene ist sich sicher, dass Lambrecht längst eine Brauerei in der Hinterhand hat, die sich für die Marke und die Vertriebspartner aus der Gastronomie interessiert. Aber eben nicht für die Lasten der operativen GmbH. Dort laufen die Personalkosten auf, dort sind die Betriebsrenten fällig. Dem Vernehmen nach schlagen alleine die 18 Pensionäre jeden Monat mit rund 10 000 Euro zu Buche. Es könnte also bewusstes Kalkül sein, die GmbH in der Insolvenz sterben zu lassen. Das Thema Betriebsübergang für die 23 Mitarbeiter und die Pensionslasten wären damit erledigt. Eine übernehmende Brauerei muss sich darum nicht mehr kümmern.

Die ungewisse Zukunft

Die Umsätze haben schon seit Längerem nicht mehr ausgereicht, um die GmbH in ruhiges Fahrwasser zu bringen. Sinkender Bierkonsum, demografischer Wandel, ein zu langer Winter – mit seinen Argumenten, die er bei besagter Pressekonferenz verkündete, hat Lambrecht sicherlich recht. Außerdem besteht offensichtlich ein Investitionsstau von mehr als einer Million Euro in moderne Anlagen und energetische Sanierungen. „Das ist aus meiner Sicht deutlich weniger“, entgegnet Lambrecht. Vermutlich hat die KG auch auf ihr zustehende Einnahmen aus der Verpachtung an die GmbH verzichtet, sonst wäre womöglich noch viel früher ein Insolvenzantrag nötig gewesen.

Aus Brauerei-Kreisen ist die Rede von einem Jahresfehlbetrag von 300 000 Euro. Auch diese Zahl weist Lambrecht zurück. Die GmbH sei sauber, was beim Blick in den Bundesanzeiger jeder nachlesen könne. Die Frage, auf welche Zahlungen für Immobilien oder Fuhrpark die KG verzichtet habe, wollte Lambrecht aber nicht beantworten. „Was auf meinen Verrechnungskonten geschieht, interessiert nicht.“ Insider sprechen davon, dass ein Problem der klammen Brauerei-GmbH die modernisierungsbedürftige Abfüllanlage sei. Diese allein verlange eine Investition von etwa einer halben Million Euro. Ein weiteres Problem sei die Diversifizierung. Jeder Markenwechsel beim Abfüllen erfordert zusätzliche Rüstzeiten der Maschine, das koste zusätzlich Zeit und Geld.
Seit Jahren Investitionsstau
Die Verkündung der Insolvenz indes kommt für alle Beteiligten zu einem völlig überraschenden Zeitpunkt. Mitten in der Schützenfest- und Biergartensaison wird der Antrag gestellt. Bei vielen Schaumburgern löste die Nachricht große Betroffenheit aus. Der bisherige Höhepunkt: der spontane Fackelzug am vergangenen Sonntag mit mehr als 500 Teilnehmern vom Marktplatz zur Brauerei an St. Annen. Wie wichtig Lambrecht „seine“ Kundschaft ist, beschreibt eine Szene. Der Insolvenzverwalter hatte nach eigenen Angaben Lambrecht grünes Licht gegeben, an die Fackelzugteilnehmer Bier zu verteilen.

Auch der Braumeister soll den langjährigen Chef nochmals gefragt haben, ob das Flaschenbier als Dankeschön kostenlos verteilt werden kann. Keine Reaktion von „Friwi“, also haben die Mitarbeiter selbst ins Portemonnaie gegriffen und die Kisten bezahlt. Tradition verpflichtet eben. „Wir haben das Bier nicht verteilt, weil der Insolvenzverwalter es nicht gegeben hat“, rechtfertigt sich Lambrecht. Da haben zwei Seiten wohl eine unterschiedliche Wahrnehmung. Wie viel Geld seine Mitarbeiter für die Kisten Freibier an die Brauerei-Fans bezahlt haben, weiß er noch nicht. „Das habe ich noch nicht überprüft.“

Wie es weitergeht, weiß im Grunde nur Lambrecht selbst. „Es gibt 20, 30 Möglichkeiten“, sagt er den SN. Er wolle ergebnisoffen verhandeln. Es kursieren bereits mehrere Szenarien für den Traditionsstandort an St. Annen. Das Wahrscheinlichste: Der Schlüssel am Brauereitor wird umgedreht. 23 Mitarbeiter verlieren ihre Jobs, die Rentner erhalten ihr Geld künftig vom Pensionssicherungsverein.
Lambrecht: „Muss nicht so laufen“
140 Jahre Brautradition in Stadthagen wären dann Geschichte. Die Anlagen könnten von der KG vielleicht noch verkauft werden. Eine andere Brauerei übernimmt Lizenzen und Rezepte und somit würde es auch künftig „Schaumburger Bier“ geben. Die alten Gebäude machen Bekanntschaft mit der Planierraupe und auf einem innenstadtnahen Filetgrundstück böte sich viel Platz – für Wohnprojekte, Nahversorger oder Altenheime. „Es muss nicht so laufen“, sagt Lambrecht. „Vielleicht übernimmt eine andere Gesellschaft doch noch alles.“ Wirklich glaubhaft klingen seine Worte nicht.

Und so wird das Lächeln des Brauereichefs vielleicht verständlich. Der Druck, in einem schwierigen Markt kämpfen zu müssen, ist über Nacht weg. Bleibt nur noch das Pokern um möglichst viel Geld für das Tafelsilber, das in der KG liegt.

Das sagen die Netz-Nutzer

Am Freitag gingen wenige Kommentare zu den Hintergründen der Pleite bei Facebook ein. Auf der Seite der Brauerei selbst war dazu kein Nutzerkommentar zu lesen, lediglich in der Gruppe „Rettet die Schaumburger Brauerei“ nahmen einige Mitglieder Stellung:
André Fromm: „Sieht ja beinahe wie eine gewollte Inso aus. Bevor ich die GmbH stütze, mach ich sie lieber zu und braue in Lizenz auf meiner eigenen Betriebsstätte für die Discounter. Ein Schelm, wer dabei was Böses denkt.“
Andreas Gross: „Perfektes Marketing. Noch mal eben den Umsatz durch den Solidaritätsschwachsinn erzeugt und dann die Karten auf den Tisch gelegt.“
Florian Marwell: „Traurig ist eigentlich, dass so ein Verhalten legal und aus finanztechnischer Sicht, sogar aus Unternehmersicht, optimal ist! Warum sollte es im Kleinen anders laufen als im Großen? [...] Das Otis-Werk in Stadthagen hat bestimmt nicht schlechte Ergebnisse geliefert, aber wenn man ein wenig kreativ mit den Zahlen ‚spielt‘ sieht das ganz schnell ganz schlecht aus. Das Ergebnis ist bekannt.“
Thomas Schröder: „Seit 140 Jahren gibt diese Brauerei den Leuten hier Lohn und Arbeit. Das Einzige, was man Lambrecht vorwerfen kann, ist, dass er sich nicht früher von irgendwelchen Heuschrecken [hat] schlucken lassen, sondern weiterhin die Brauerei privat führen wollte. Ich würde mal gerne wissen, was die ganzen Schlaumeier, die hier alles besser wissen, an seiner Stelle gemacht hätten. Die Alternative, sich schlucken zu lassen, birgt nämlich auch das Risiko einer sofortigen Schließung. Ich möchte vor einer solchen Entscheidung nicht stehen. [...] Generationen vorher haben diese Konstellation so erstellt. Das war und ist durchaus üblich um das unternehmerische Risiko abzufedern.“

Marion Mulder: „Ist eine Sauerei, gerade aus Solidarität für die Mitarbeiter und das heimatliche Bier haben alle Schaumburger Flagge gezeigt, Herr Lambrecht müsste eigentlich vor Scham im Boden versinken.“
Simone Wente: „Ist doch wieder typisch. Ein Arbeitgeber kann mit seinen Mitarbeitern machen, was er will. Hinterher sind es dann immer die anderen, die die Schuld an der Misere haben.“
Rolf Hartmann: „Schlechte Presse, Herr Lambrecht, sehr schlechte Presse! Sie haben als Geschäftsführer die Insolvenz zu verantworten, kein Anderer! [...] Wat mut, dat mut, aber dat mut nich! Geben Sie das Unternehmen in die Hände Ihrer Mitarbeiter und treuen Kunden (Aktiengesellschaft oder Genossenschaft) und lassen Sie einen Geschäftsführer ran, der mehr von gutem Marketing versteht. Das Bier schmeckt und Ihre Mitarbeiter scheinen außerordentlich engagiert zu sein. Beide sind sicher nicht für die aktuellen Probleme verantwortlich.“

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Möchten Sie uns zu diesem Artikel Ihre Meinung sagen? Dann schicken Sie uns einen Leserbrief.

Leserbrief schreiben

Unternehmen quer durch alle Branchen haben sich auch in diesem Jahr wieder an der Aktion der Lions Clubs beteiligt, deren Erlös auch der „Weihnachtshilfe“ der Schaumburger Nachrichten zugute kommt. Hier finden Sie ab dem 1. Dezember die täglich aktuellen Gewinnnummern. mehr

In Ruhe einkaufen, erholsam Urlaub machen, in die Stadtgeschichte eintauchen oder einfach mal in einem der vielen Restaurants und Kneipen die Seele baumeln lassen. Lernen Sie Stadthagen von einer ganz anderen Seite und auf ganz besondere Weise kennen. mehr

Schaumburg