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“Ich weiß nicht, was kommt“

Gastbeitrag von Jan van Aken “Ich weiß nicht, was kommt“

Im September wählten die Bürger den neuen Bundestag. Für so manche Abgeordnete heißt das, Abschied zu nehmen vom Beruf des Politikers. Der ehemalige Linken-Abgeordnete Jan van Aken zieht Bilanz.

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Jan van Aken (Die Linke) während seiner Zeit als Abgeordneter im Rahmen einer Fraktionssitzung in Berlin.

Quelle: dpa

Hamburg. Seit dem 24. Oktober, der konstituierenden Sitzung des neuen Bundestags, bin ich nicht mehr Parlamentarier. Ich habe mein Büro aufgeräumt und bin nach Hause gefahren. Ich bin nicht abgewählt worden, sondern hatte mich frühzeitig entschieden, nicht mehr anzutreten. Nach acht Jahren wollte ich wieder etwas anderes machen. Es war also nichts Unerwartetes an diesem Ausscheiden. Und dennoch war es ein Bruch.

Es ist wie in jedem Beruf, den man intensiv betreibt, mit viel Arbeit und tollen Kollegen: Es braucht Zeit zum Runterkommen. Diese Zeit habe ich mir nach dem Abschied aus dem Bundestag genommen. Seit ich mein Büro ausgeräumt habe, mache ich einfach gar nichts. Oft werde ich gefragt, was als Nächstes kommt – ich weiß es einfach noch nicht. Ich habe das Nachdenken auf den Januar verschoben. Die letzten beiden Monate 2017 habe ich so verbracht: Füße hochlegen, Hirn abschalten, möglichst weit wegkommen von dem Ding, das Bundestag heißt.

Es ist jetzt nicht so, dass ich Entzug von der Politik bräuchte, ich bin auch nicht etwa ausgebrannt. Ich habe mich ja sehr früh dafür entschieden und habe das auch allen offen gesagt, dass ich nach acht Jahren nicht mehr kandidiere. Acht Jahre sind eine gute Zeit. Nun gewinne ich Abstand. Ich möchte nicht einfach Abstand, sondern Abstand, den ich gewinnen will. Ich schaue nicht mehr Parlamentsfernsehen im Hintergrund und lese bei aktuellen Nachrichten nur noch die Überschriften.

Als Abgeordneter verändert man sich

Als Abgeordneter verändert man sich – und nicht immer zum Guten. Das sagen viele Mitglieder des Bundestags. Und dieser Satz stimmt leider. Aber ich möchte jetzt nicht wieder der Alte werden. Das wäre ja auch absurd. Ich will ja nicht alles wieder abstreifen. Man wird älter und verändert sich, und das ist ja eigentlich toll. Ich mag das Älterwerden – jedenfalls mag ich die Erfahrungen daran. Ich merke, wie schnell es geht, nicht mehr als politischer Insider durch die Welt zu gehen. Meine Kernthemen verfolge ich natürlich weiter. Ich bekomme weiterhin Presseanfragen und beantworte sie auch, wenn es um diese Kernthemen geht. Also um Chemiewaffen, Waffenexporte und auch um die G-20-Proteste.

Was die Waffen-Exportverbote angeht – vielleicht kommen sie ja noch. Ein Journalist hat mir gerade gesagt: “Volker Beck hat zum Abschied aus dem Bundestag die Ehe für alle geschenkt bekommen – und Sie nicht das Exportverbot für Kleinwaffen. Ist das nicht unfair?“ Das war natürlich nicht ganz ernst gemeint, und ich habe mich sehr für Volker Beck gefreut, dass er mit diesem Erfolg und Konfetti aus dem Bundestag ausscheiden konnte. Aber es bleibt mein Lebensthema, mich für weniger Waffen auf dieser Welt einzusetzen. Und irgendwann kommt das Exportverbot auch noch, dann feiere ich es eben als verspäteten Sieg.

Wenn ich auf die Großdemonstration “Grenzenlose Solidarität statt G 20“ während des Gipfels in Hamburg zurückschaue, finde ich immer noch, dass sie ein Erfolg war. Natürlich sind wir in den Medien untergegangen, weil fast nur über die Gewalt an den Vortagen berichtet wurde und weil die brennenden Barrikaden im Schanzenviertel das prägende Bild dieses Gipfels geworden sind. Aber damit hatten wir nichts zu tun.

Wir lassen uns nicht verunsichern

Wir haben es geschafft, 76 000 Menschen zu einer friedlichen Demonstration zusammenzubekommen. Und das nach allem, was an den Tagen zuvor passiert war. Und vor allem, nachdem der Hamburger Senat ein halbes Jahr lang nichts unversucht gelassen hat, uns das Leben schwer zu machen und uns zu kriminalisieren. Das war ein wahrlich großer Erfolg. Es ist eben manchmal nötig, sich die Versammlungsfreiheit selbst zu erobern. Es wird einem nicht leicht gemacht. Das ist ein gutes Beispiel für die nächsten Male.

Wie meine früheren Kollegen die Hängepartie nach der Bundestagswahl erleben, bekomme ich nur sporadisch mit, aus der Distanz. 2013 war ich ja dabei, als die Regierungsbildung auch schon Monate gedauert hat. Aber da gab es bis zum Jahresende immerhin eine Regierung. Bei mir war es einfach, ich konnte meine Themenfelder ohnehin beackern, ob mit Regierung oder ohne. Aber viele Abgeordnete hängen jetzt bestimmt ziemlich in der Luft.

Die AfD hat die Stimmung im Parlament sicher verändert, aber wir lassen uns nicht verunsichern. Mir wäre wichtig, dass alle demokratischen Parteien ein gemeinsames Ziel verfolgen: Es darf niemals eine Normalisierung der AfD geben. Sie ist nun einmal keine Partei wie jede andere. Ich hoffe, dass die Kollegen im Bundestag von allen Fraktionen das durchhalten.

Die Zeit danach

Was ich überhaupt nicht vermisse: das Pendeln. Ich bin so oft die Strecke zwischen Hamburg und Berlin gefahren, dass ich jedes Windrad neben den Gleisen persönlich kenne. Dass ich hier nun nicht mehr so oft unterwegs bin, stört mich überhaupt nicht. Die Bahncard 100, die jeder Abgeordnete bekommt, vermisse ich allerdings schon. Die habe ich auch wirklich voll ausgenutzt. Das war ein totaler Luxus, zu jeder Zeit in einen Zug springen zu können und sich keine Gedanken machen zu müssen, ob man eine Fahrkarte hat. Ich habe mich aber schnell umgewöhnt, besitze jetzt eine Bahncard 25 und habe mich auch wieder mit den Sparpreisen vertraut gemacht. “Zugbindung“ ist wahrscheinlich das erste Wort, das ich für mein Nach-Abgeordneten-Leben neu gelernt habe.

Bis zum Sommer bleibe ich auf jeden Fall noch in Hamburg. Dann macht mein jüngster Sohn Abitur. Wohin es mich dann zieht? Ich weiß es nicht. Ob mir meine Erfahrung als Abgeordneter in meinem nächsten Beruf noch etwas nützt? Das kann ich nicht sagen, weil ich wirklich noch nicht weiß, was ich machen werde. Ich kann gut an der Grenze zwischen Wissenschaft und Politik arbeiten, das habe ich bei Greenpeace und im Bundestag gemerkt.

Ob ich im Schlauchboot oder im Büro lande, ist mir gleich. Auf keinen Fall werde ich mir einen langweiligen Posten suchen, nur weil mir Geld und Prestige geboten werden. Ich will weitere acht Jahre so intensiv dabei sein, wie ich es im Bundestag erleben durfte.

Zur Person: Jan van Aken, außenpolitischer Sprecher der Bundestagsfraktion der Partei Die Linke, saß acht Jahre im Deutschen Bundestag. Was er in Zukunft mit seiner Zeit anfangen will, weiß er noch nicht.

Von Jan van Aken

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