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Das Vulgäre auf dem Siegeszug

Grelle Mode im Museum Das Vulgäre auf dem Siegeszug

Von Donald Trump bis Kim Kardashian: Grell und protzig ist in. Eine Londoner Ausstellung zeigt, dass vulgäre Mode auch ganz kultiviert sein kann.

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Zu knapp, zu viel, zu schrill: In ist, was auffällt – doch das Vulgäre ist nicht erst seit Madonna oder Donald Trump in Mode. Eine Ausstellung über die Geschichte der Geschmacklosigkeit.

Quelle: Bowles

Das Vulgäre, es scheint nicht nur in Mode. Es zieht sogar ins Weiße Haus ein. Die sexistische Aussage "Grab them by the pussy", mit der der neue US-Präsident Donald Trump beschrieb, wie er aufgrund seines Bekanntheitsgrads Frauen an die Scham fassen kann, zählt in diese Kategorie. Genauso die grelle Glitzer-Gold-Gestaltung seines Penthouse im Trump Tower.

Trump befindet sich in bester Gesellschaft. So wird die Ich-Darstellerin Kim Kardashian von einer großen Fangemeinde verehrt für ihre falschen Fingernägel und Auftritte in Kleidern, die stets zwei Nummern zu klein und kurz davor sind, aus allen Nähten zu platzen. Guter Geschmack? Geschenkt.

Das Vulgäre, ob in der Sprache, im Benehmen oder in der Garderobe, unternimmt gerade seinen weltweiten Siegeszug. Doch wie viel Vergoldung braucht es, um als vulgär zu gelten? Und was überhaupt bezeichnen wir als vulgär? Eine Ausstellung im Londoner Kulturzentrum Barbican versucht sich ausgehend von der Mode an einer Erklärung und will das Vulgäre feiern, statt zu demütigen. Den Zeitpunkt jedenfalls hätten die Kuratoren Judith Clark und der Psychoanalytiker Adam Philips nicht besser wählen können.

Zeichen des Aufeinanderprallens

Lateinisch vulgus bedeutet "das Volk" im Gegensatz zum Adel und damit auch "das Gewöhnliche", ja "das Schlichte", was doch das heutige Vulgäre so gar nicht ist. Volgare meint das Öffentlichmachen und dürfte besser zur heutigen Auffassung des aufdringlichen Zurschaustellens passen.

Das Vulgäre sei ein Zeichen des Aufeinanderprallens und zugleich des Zusammenspiels von Klassen und Kulturen, heißt es in der Ausstellung. Es sei, wie Mode, immer eine Kopie – jedoch eine schlechte, inakzeptable. "Vulgarität bedeutet, etwas zu wollen, was man nicht sein kann oder nicht haben kann", schreibt Philips in einer von vielen Definitionen, die die Ausstellung in Sektionen unterteilen.

Der vulgäre Mensch zeige "Ambitionen, an den Freuden der Privilegiertheit Anteil zu nehmen". Er pocht also auf Dinge, die sich eine bestimmte Gesellschaftsgruppe exklusiv vorbehält. "Das Konzept des Vulgären dreht sich immer auch darum, Klassenunterschiede zu verteidigen", sagt Clark.

Das berühmte "Tits"-Shirt von Malcolm McLaren und Vivienne Westwood

Der rote Riesenhut von Stephen Jones (Titelbild) prägt die Ausstellung ebenso wie das berühmte "Tits"-Shirt, das von Malcolm McLaren und Vivienne Westwood stammt. 

Quelle: Getty

In der Schau werden Kleider und Accessoires aus fünf Jahrhunderten präsentiert, von denen die meisten eines gemeinsam haben. Sie fallen – oder fielen einmal – auf. Zu groß, zu breit, zu gewöhnlich, zu eng, zu viel, zu knapp, zu schrill – manche Outfits erinnern an eine überladene Hochzeitstorte, garniert mit knallbunten Bonbons.

Kreationen, etwa ein Exponat von Designer John Galliano für Christian Dior, übertreiben so in Ausmaß und Volumen, dass die Models in all dem Stoff fast untergehen. Trotzdem faszinieren sie durch eine kitschige Schönheit, die vom Stilbruch rührt. Laut dem Designer Walter van Beirendonck denke man beim Begriff des Vulgären spontan an jemanden, der seinen Körper zeigt und explizit Sexualität zur Schau stellt.

Dabei liege es immer im Auge des Betrachters, wie Menschen Vulgarität sehen und wie sie darauf reagieren. In den Achtzigerjahren sei es Madonna gewesen, die in ihrem Tun als vulgär betrachtet wurde. Heute gelte das als normal.

"Das Vulgäre macht gewaltigen Spaß"

Die Ansicht, dass es dem Vulgären an Kultiviertheit und Raffinesse mangelt, wird in der Londoner Ausstellung unaufhörlich in Frage gestellt. Zahlreiche der Stücke wie etwa Schuhe von Manolo Blahnik kommen weder plump noch anstößig daher, sondern erscheinen wie kleine Kunstwerke. Reifröcke aus dem 18. Jahrhundert, mit denen Frauen kaum durch Türen passten, stoßen nicht ab, sondern beeindrucken in ihrer Opulenz.

So brechen Designer oft absichtlich die Regeln der Etikette und spielen mit der Idee des Vulgären, wie etwa Malcolm McLaren und Vivienne Westwood, deren berühmtes "Tits"-Shirt aus dem Jahr 1976 ausgestellt ist, oder die Prêt-à-porter-Kollektion von Jeremy Scott für Moschino, deren Kleider sich bei der US-Popkultur bedienten und mit SpongeBob- oder Fast-Food-Motiven bedruckt sind.

Für den Designer Stephen Jones, der für seinen roten Riesenhut bekannt ist, sorgt sie für die gewisse Würze. "Wenn man sie mit Geschmack zusammenführt, ist das eine außerordentliche Sache, weil sie Menschen zum Glitzern bringt." Aber nicht nur das: "Was wir nie vergessen dürfen, ist, dass das Vulgäre gewaltigen Spaß macht." Und irgendetwas müsse man ja tragen, meinte ein britischer Kommentator. "Letzten Endes wäre es doch ein bisschen vulgär, würden wir auf Kleidung komplett verzichten." Oder?

"The Vulgar Fashion Redefined",
Barbican, bis 5. Februar,
www.barbican.co.uk

Von Katrin Pribyl

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