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Hat Deutschland Sie inspiriert?

Interview mit Kirk Hammett Hat Deutschland Sie inspiriert?

Kirk Hammett hetzt zurzeit von Termin zu Termin, um das neue Metallica-Album "Hardwired ... to Self-Destruct" zu präsentieren. Mit Matthias Halbig sprach der Gitarrist trotzdem ganz in Ruhe – über die neue Work-Life-Balance der Metal-Band, die Scorpions und das Unabhängigkeitsstreben Kaliforniens.

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Horrorfan mit Hannover-Bezug: Gitarrist Kirk Hammett über Politik in den USA, das neue Metallica-Album und die Liebe zu Frankensteins Monster.

Quelle: Getty

Kirk Hammett streicht mit der Hand über den Tisch im Interviewraum, als sei der ein Werkstück aus purem Gold. Alles in den Räumen des Radiosenders Radio 21 erscheint ihm wertvoll. "Ich bin in Hannover", sagt der Mann mit den grauen Locken beinahe ehrfürchtig. "Diese Stadt ist ein großer Teil meiner musikalischen Wurzeln." Der Gitarrist, der die Werbetrommel für das tags darauf erscheinende neue Metallica-Album "Hardwired … to Self-Destruct" rühren will, schwärmt: "Mit 15 hörte ich die Band UFO mit Michael Schenker. Und sechs Monate danach hörte ich 'Virgin Killer' von Hannovers Scorpions. Das veränderte mein Leben."

Deutschland als Inspiration für Metallica?
Total. In diesen sechs Monaten kam ich von den bluesinspirierten Meistern wie Clapton, Jeff Beck und Jimi Hendrix zu den neuen Heavy-Gitarristen, die etwas nie zuvor Gehörtes boten. Bis heute inspirieren mich Schenker, Uli Jon Roth und dessen Nachfolger bei den Scorpions, Matthias Jabs.

Ich denke, das würde sie freuen.
Ich lese gerade das Buch "German Metal Machine" über die Scorpions. Ich bin fast durch, und ich glaube fest an die deutsche Metal-Maschine! (lacht)

Wie steht es um die amerikanische Metal-Maschine Metallica? Fachblätter wie "Mojo" schreiben, man würde den "Spaß" spüren, den die Band bei den neuen Apokalypsesongs hatte.
Metallica ist eine ziemlich emotionale Gemeinschaft. Wir haben unsere Höhe- und Tiefpunkte. Bei den Sessions gingen wir durch alle Gemütszustände. Und so hörst du den ganzen Zorn, die Wildheit und die Aggression, aber auch die Freude und den Spaß, den wir hatten.

Helfen lange Abstände zwischen den Alben, die Band am Leben zu halten?
Ja, die Balance ist wichtig geworden. Wir haben alle Familien, da haben sich die Prioritäten geändert: Familie zuerst! Es wurde angenehmer in der Band, als uns klar war, dass wir Zeit für beides haben können. Und stimmt diese Balance, ist Metallica ein echt angenehmer Ort, um sich dort aufzuhalten.

Trifft man sich zwischen den Alben und Touren?
Gelegentlich. Ich gehe aber in meiner Familie auf, das ist ein großartiges Leben. Ich begleite meine beiden Jungen zum Sport, bringe ihnen Musik nahe.

Nervt das eigentlich, dass ein beträchtlicher Teil von Metallicas Anhängern am liebsten für immer im Jahr 1986 leben würde, als "Master of Puppets" erschien?
(lacht) Nein, ich verstehe das total. Ich mache das ja selbst so. Als Fan von UFO sind für mich die ersten fünf Alben Klassiker. Als Michael Schenker wegging, gab es noch große Momente. Aber die frühen UFO-Alben sind die, zu denen ich immer wieder zurückkehre.

Ist das donnernde "Hardwired" jetzt ein Album für alle Mäkeler?
Nein, ehrlich, wenn wir uns für ein Album verabreden, dass wieder das Tempo, die Aggression und die Kraft von "Kill' Em All" haben soll, dann machen wir das für uns. Nicht um jemandem zu gefallen. Sonst würden wir nicht so klingen. Nenn es Vision. Der folgen wir.

Hart, aber gut drauf: Die Metallica-Mitglieder (v. l.) Robert Trujillo (Bass), Lars Ulrich (Drums), James Hetfield (Gitarre, Gesang) und Kirk Hammett (Gitarre) bei "Circus HalliGalli".

Hart, aber gut drauf: Die Metallica-Mitglieder (v. l.) Robert Trujillo (Bass), Lars Ulrich (Drums), James Hetfield (Gitarre, Gesang) und Kirk Hammett (Gitarre) bei "Circus HalliGalli".

Quelle: dpa

Und Kritik verletzt Sie nicht?
Wenn ich mir treu war, in den Spiegel gucken und sagen kann, ich habe meine Mission erfüllt, dann nicht. Das gibt dir einen Schutzpanzer. Na ja, es ist kein perfekter Panzer, gebe ich zu. Weil Kritik am Ende eben doch wehtut. Vor allem dann, wenn sie von meiner Frau Lani kommt. Uuuh! (krümmt sich vor gespieltem Schmerz).

Ist sie hart im Austeilen?
Die Härteste. Nicht nur in Bezug auf die Musik. In allen Dingen.

Sie haben vor den "Hardwired"-Aufnahmen Ihr Smartphone mit allen Ihren Ideen darauf verloren.
Wahrscheinlich sollte es so sein. Als es weg war, erinnerte ich mich an eine Geschichte, die ich vor 20 Jahren über Jimi Hendrix gehört habe. Der hatte zwischen den Alben "Are You Experienced" und "Axis: Bold as Love" ein Notizbuch voller Songs verloren. In einem Taxi, genauso, wie es mir passiert ist. Ich hab mich immer gefragt, welches fantastische Zeug wohl in diesem Notizbuch gewesen ist. Jetzt kann ich mir vorstellen, wie sich Jimi nach diesem Verlust gefühlt haben muss. Ich habe eine Menge Musik verloren, das waren immerhin ungefähr 500 Ideen. Und erinnern konnte ich mich im Studio nur noch an vier davon.

Auf dem Album fehlen Sie jetzt als Songwriter.
Ich brauche lange, um Musik zu schreiben. Als ich mich nach diesem Verlust wieder einigermaßen gefangen und ein paar ansehnliche Ideen für das Album hatte, waren die meisten Songs schon fertig. Es hatte nicht mehr viel Sinn, der Band diese neuen Sachen vorzustellen. Ich setze mich also lieber noch ein wenig drauf und hebe es für die nächste Liederschreibrunde bei Metallica auf. Aber ich garantiere dir, dass ich da auf ziemlich coolem Zeug sitze. Das wird abgehen. Wobei ich natürlich hoffe, dass es nicht wieder acht Jahre dauert, bis ich mich (hebt die Stimme) von dem Makel reinwaschen kann.

Einer der neuen Metallica-Songs, "Atlas, Rise!", ruft nach dem mythischen starken Mann, der die Last der ganzen Welt trägt. Amerika hat einen Präsidenten gewählt, der von sich glaubt, die Last Amerikas tragen zu können. Wie hat Kalifornien, speziell Ihr Lebensmittelpunkt, das liberale San Francisco das erlebt?
Kalifornien hat die stärkste Wirtschaft der USA, ist sogar eine der stärksten der Welt. Es gibt Bestrebungen, sich selbst zu regieren, unabhängig zu werden. Kalifornien wird alle Dinge, die Trump und sein Republikaner-kontrolliertes Haus abschaffen möchten, beibehalten. Was diesen Atlas so gefährlich macht,  ist meiner Meinung nach, dass er unerfahren und naiv an das Amt herangeht und sich mit Leuten umgibt, die keine großen Denker sind. Dass er die Republikaner und die Demokraten dazu bringt, darüber nachzudenken, wem sie dienen, ist dagegen dringend notwendig. Die Frage ist nur: Wem dient Donald Trump?

Wie kann man das feststellen?
Beobachten, zuhören, aufpassen, abwarten. Er hat viel zu viel versprochen. Ich habe große Zweifel, ob Atlas seine vier Jahre schafft.

Außer Atlas erheben sich auf "Hardwired" auch Werwölfe und H. P. Lovecrafts Ctulhu-Gottheit. Sie sind Fan von Horrorcomics und -Filmen. Was mögen Sie besonders?
Das Gore-Genre nicht mehr so, da wird nur Gewalt ausgestellt, da fehlt mir der Nerv. Sonst liebe ich alles: Übernatürliches, Heimgesuchtes, Vampire. Werwölfe. Und natürlich Boris Karloff, das tragische Monster von Frankenstein.

Ein Filmtipp?
"The Witch". Wenn das Bauernmädchen dort am Ende zur Hexe wird und sich erhebt, das sieht haargenau so irre und wunderschön aus wie auf den Hexengemälden von Goya. Was für ein Ende! Die Dialoge des Films stammen übrigens aus den Archiven der Hexenstadt Salem/Massachusetts. Und wo wir gerade dabei sind: Meine Sammlung originaler Horrorfilmplakate bekommt ab August nächsten Jahres eine Ausstellung in dem bedeutenden Peabody-Museum von Salem.

Auch Ihr gigantisches Boris-Karloff-als-Mumie-Plakat?
Ja. Endlich werden diese Filmposter als die Kunstwerke betrachtet, die sie sind. Ich habe 25 Jahre darauf hingearbeitet. Und jetzt passiert es endlich.

Ihr Lieblingsschauspieler Karloff sagte mal: "Mein liebes altes Monster. Ich schulde ihm alles. Er ist mein bester Freund." Geht es Ihnen mit Metallica ähnlich?
(lacht) Absolut. Absolut. Metallica ist ein von uns geschaffenes Monster. Es ist nicht kontrollierbar. Aber auch wir verdanken unserem Monster sehr, sehr viel.

Zur Person

"Ein guter Gitarrenriff braucht Zeit", sagt Kirk Hammett im Flur des Senders Radio 21 und grinst, "aber ein genialer kommt aus dem Nichts. Das passiert einfach. Und man explodiert fast deswegen: Wow! Fantastisch! Woher kam das bloß?" Hammett hat nicht wenige solcher Riffs ersonnen, er ist seit 1983 Gitarrist bei Metallica. Der in San Francisco geborene Sohn eines irischstämmigen Handelsmatrosen kam damals von seiner Band Exodus und ersetzte Dave Mustaine, der wegen anhaltender Drogenprobleme und Unzuverlässigkeit gefeuert worden war.

Mit der ratternden Rhythmusgitarre James Hetfields, den rollenden Trommeln von Lars Ulrich und Hammetts pfeilschnell und hochmelodiös die Songs durchjagender Sologitarre wurden Metallica in den Achtzigerjahren zu den wichtigsten Vertretern des rasenden Thrash Metal. Seit dem relativ gemäßigten "Black Album" (1991), das den größten Metallica-Hit "Nothing Else Matters" enthält, sind sie die erfolgreichste Metal-Band überhaupt (vom Sonderfall der australischen Bluesmetaller AC/DC einmal abgesehen).

Kirk Hammett

Horror-Fan und Gitarrensammler: Metallica-Gitarrist Kirk Hammett bei der Arbeit.

Quelle: Man Alive / CC BY 2.0

Metallica waren stets auf der Suche nach Neuland, beschritten in den Neunzigerjahren mit den Alben "Load" und "Reload" Bluesrockwege. An den endlosen Arbeiten zu "St. Anger" (2003), dem achten Album, mit dem sie zu ihren alten Sounds zurückkehren wollten, zerbrach die Band fast, was auf dem Dokumentarfilm "Some Kind of Monster" (2004) eindrucksvoll festgehalten wird. Es ist auch Kirk Hammetts Frustalbum, da beschlossen wurde, auf Gitarrensoli zu verzichten.

An Hammetts 54. Geburtstag (18. November) erschien "Hardwired … To Self-Destruct", das zehnte Studioalbum von Metallica, eine hochenergetische Rockplatte ganz ohne Balladen, die nach Ansicht vieler Musikmagazine eine Rückkehr zur alten Form darstellt. Die Songs sind durchweg düster, Endzeitlyrik voller mythischer, biblischer und popkultureller Bezüge. In "Spit out the Bone" wird ein Auslöschen der Menschheit durch überlegene Maschinen besungen, in "Moth Into Flame" das mörderische Musikgeschäft beklagt – ein Song, der an die 2011 verstorbene Amy Winehouse erinnert.

Eine Extended Edition enthält Liveaufnahmen, darüber hinaus eine Coverversion von Deep Purples Ballade "When a Blind Man Cries" und mit "The Lords of Summer" eine Art Hoffnungslicht am Ende des Horrortunnels, in dem Hammett seine Gitarre weidlich singen lässt.

Horrorsammlung im Museum

In Hammetts Gitarrenpool (er besitzt mehrere Hundert) befindet sich eine eigene Gitarrenlinie der Firma ESP im Horrorfilmposter-Design – darunter Mumie, Frankenstein, Phantom der Oper, White Zombie und Dracula. Generell liebt es der Vater zweier Söhne (Angel Ray, 10, und Vincenzo, 8) gruselig. Diese Leidenschaft begann schon im zarten Alter von fünf Jahren, als er wegen eines ausgekugelten Arms nicht draußen spielen konnte und im Fernsehen "Blumen des Schreckens" sah.

Seit Langem sammelt er alte Horrorcomics, Grusel-Memorabilia und Filmplakate. Er besitzt ein äußerst seltenes Originalplakat von F. W. Murnaus Stummfilm "Nosferatu". Die besten Stücke sind vom 12. August bis 26. November 2017 im Peabody-Museum von Salem/Massachusetts zu sehen.

Von Matthias Halbig

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