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War es ein schlechtes Jahr für Demoskopen?

Interview mit Jörg Schönenborn War es ein schlechtes Jahr für Demoskopen?

Kaum ein Wahlabend, den Jörg Schönenborn nicht mit Analysen und Statistiken flankiert. Doch die Zahlen ließen 2016 nicht nur ihn im Stich. Jan Sternberg sprach mit dem WDR-Fernsehdirektor über trügerische Prognosen, wachsenden Populismus und die Verlässlichkeit des Weihnachtsfests.

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2016 war das Jahr der politischen Erdbeben, des Populismus und der einschneidenden Wahlergebnisse. Jörg Schönenborn im Gespräch über Prognosen, Medienkritik und gesellschaftlichen Diskurs.

Quelle: dpa

Herr Schönenborn, Ihr Metier sind die Zahlen, Umfragen und Vorhersagen. Das zu Ende gehende Jahr entzog sich jeder Vorhersage – und das meist nicht im guten Sinne. Was hat Sie überrascht?
Schwer irritiert haben mich die politischen Erdbeben im Ausland. Ich finde es unheimlich, dass jedem Schritt noch ein weiterer folgt. Emotional haben wir gelernt, dass der Schmerz irgendwann nachlässt. Politisch erleben wir gerade das Gegenteil. Jeder nächste Stich ist noch etwas tiefer als der vorangegangene. Erst Brexit, dann Trump – das war wirklich unheimlich.

2017 könnte es weitergehen, mit den Wahlen in Frankreich, den Niederlanden und der Bundestagswahl.
Ja, aber wir müssen ganz stark darauf achten, nicht nur zu sehen, was da rutscht, sondern auch, was wir an Werten in dieser Gesellschaft haben. Wir sind stark. Das alles ist zwar bedrohlich, aber wir stehen nicht vor dem Weltuntergang. Und wir müssen genau hinschauen und nicht alles in einen großen Populismus-Topf werfen.

Mit welchem Ergebnis haben Sie am wenigsten gerechnet?
Ich war im Wahlkampf in den USA unterwegs, habe Donald Trump erlebt. Ich konnte im Kopf sehr gut erklären, warum er eine reelle Chance hatte, Präsident zu werden. Aber emotional war ich nicht darauf vorbereitet, dass es wirklich passiert.

Nach der Brexit-Abstimmung und der US-Wahl standen die Meinungsforscher in der Kritik. Sie hätten versagt und die entscheidenden Trends verpasst. Was ist da schiefgelaufen?
Ich will die Frage nicht abwehren, aber so falsch lagen die ja gar nicht. Hillary Clinton hat nach Auszählung der Briefwähler etwa 2,7 Millionen Stimmen mehr erhalten als Donald Trump. Das ist ein Vorsprung von zwei Prozent. Der Durchschnitt der Umfragen lag bei drei Prozent. Das war also gar nicht so schlecht. Es hat ihr nur nichts genützt, weil es im Wahlsystem der USA auf die Ergebnisse in den einzelnen Staaten ankommt. Ich habe hier noch die Schlagzeile vom Wahltag liegen: "Amerikas Demoskopen warnen vor Überraschungen". Da muss man sich doch fragen: Waren das Problem die Umfragen – oder waren wir Beobachter das Problem, weil wir die Möglichkeit eines Trump-Sieges nicht wahrhaben wollten?

Sollten wir Umfragen also mit größerer Vorsicht betrachten?
Umfragen sind keine Vorhersagen. Die ARD veröffentlicht schon seit 20 Jahren in der Woche vor der Wahl keine Umfragen mehr. Dahinter steckt das Wissen, dass Umfragen immer Momentaufnahmen sind. Von der Umfrage bis zur Wahlkabine am Sonntag ändern Menschen ihre Meinung oft noch.

Die Medien stehen massiv in der Kritik. Konnten Sie etwas mit dem Vorwurf an die "Tagesschau"-Redaktion anfangen, dass sie in ihrer 20-Uhr-Ausgabe nicht über die Festnahme des mutmaßlichen Mörders und Vergewaltigers in Freiburg berichtet hat?
Das war eine Symboldiskussion. Jede Redaktion kann bei der Auswahl einer solchen Nachricht richtig oder falsch liegen. Doch hinter der Debatte steckt die wachsende Sorge, wir würden die Welt nicht mehr so schildern wie sie ist. Hierzu hat auch die Kölner Silvesternacht vor einem Jahr beigetragen.

Wie müsste man den journalistischen Kompass neu einnorden?
Darüber reden wir viel im WDR, und ich nenne dann immer die drei Grundregeln. Erstens: Sagen, was ist und dabei auf die Sprache achten, dass nichts beschönigend oder verzerrend klingt. Zweitens: Meinung immer als solche deutlich machen. Drittens: Dafür sorgen, dass alle Meinungen in der Gesellschaft bis zu den Rändern abgebildet sind. Die Grenzen sind klar definiert, die liegen dort, wo Menschen, Gruppen oder Gesetze missachtet werden. Alles andere soll vorkommen. Wir leisten das an vielen Stellen schon, aber wir können noch besser werden.

Wie viele Sorgen müssen wir uns um sogenannte Fake News machen, um vorsätzliche Falschmeldungen?
Wir Mediennutzer sind einfach verwöhnt, weil wir es über Jahrzehnte zum überwiegenden Teil mit vertrauenswürdigen Quellen zu tun hatten. Nun verlieren sich viele im Internet in einer Welt, in der sich die Kreise immer enger ziehen. Dort kann ich mir selber aussuchen, was mir gefällt, und den Rest blende ich aus. Und irgendwann kann ich nicht mehr entscheiden, was wahr ist – und was mir einfach nur gefällt und zu meinem Profil passt.

In den USA spielten Falschnachrichten eine große, vielleicht die entscheidende Rolle im Wahlkampf. Ist das in Deutschland auch zu befürchten?
Nein, die deutsche Medienlandschaft ist mit der amerikanischen nicht vergleichbar. In den USA gibt es schon länger streng getrennte Medienwelten je nach Ideologie und Weltanschauung – lange vor Facebook. Viele Sender verbreiten ihren sehr speziellen Ausschnitt der Wirklichkeit. Es gibt in den USA eben keine "Tagesschau" oder "heute"-Sendung, die jeden Abend den gemeinsamen Nenner herstellt. Wir können in Deutschland sehr dankbar sein für die breite, professionell gemachte Medienlandschaft aus Zeitungen, seriösen Online-Angeboten, Radio- und Fernsehnachrichten. Dadurch haben wir hierzulande einen gemeinsamen Informationsstand. Die deutsche Gesellschaft hat ein großes Bedürfnis nach Konsens, nach Lösung von Konflikten. Und das spiegelt sich auch in unseren Medien wider.

Ist das gut oder schlecht? Wurde zu wenig gestritten, wurden Meinungen an den Rand gedrängt – und haben wir nicht einen Teil der Bevölkerung dadurch verloren?
Wir sind einem großen Missverständnis aufgesessen. Kontroversen wurden in den vergangenen Jahren eher als störend empfunden. Wenn Politiker in einer Talkshow heiß diskutierten, hieß es gleich: Was ist das denn für Fernsehen, warum ist das so laut. Ich bin in den Siebzigern groß geworden, da war es Alltag, dass sich Abgeordnete im Bundestag ankeiften und dass Helmut Kohl und Helmut Schmidt sich im Fernsehen Respektlosigkeiten an den Kopf warfen. Nach der deutschen Einheit und dem Ende der Ideologien hatten wir das Gefühl, das ist alles nicht mehr nötig. Das war ein Fehler. Wir brauchen wieder Mut zur Kontroverse.

Hat das Fernsehen zur Spaltung der Gesellschaft beigetragen? So oft, wie AfD-Vertreter in Talkshows saßen, kann man das denken.
Es war wichtig, die AfD über die Talkshows in den Diskurs einzubeziehen. Wir sollten jetzt aber nicht den Fehler machen, zu denken, mit der Einladung eines AfD-Vertreters in eine Runde über Flüchtlinge wären alle kritischen Positionen abgedeckt. Die Positionen der AfD unterscheiden sich zum Teil deutlich von denen ihrer Wähler. Viel mehr noch als mit der AfD müssen wir uns mit den Anliegen ihrer Wähler auseinandersetzen. Das ist viel wichtiger für die Meinungsbreite und den gesellschaftlichen Diskurs.

Heute ist Heiligabend. Wie analysieren Sie das Weihnachtsfest?
100 Prozent aller Kerzen brennen irgendwann runter. Nein, für Weihnachten brauche ich keine Umfragen. Das Fest ist auch ohne Statistik vorhersagbar, und genau das mag ich so sehr daran. Ich bin ein Fan von Ritualen und freue mich, wenn die Weihnachtstage mit Essen und Besuchen jedes Jahr genauso ablaufen wie im Vorjahr.

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