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Der ewige Patient: Das Weltklima

Thesen für den Klimaschutz Der ewige Patient: Das Weltklima

Starkregen, Hitze, Dürren Wirbelstürme: Die Boten des Klimawandels mehren sich. 2017 sollte ein Jahr beherzter Taten werden, meinen die Experten des renommierten Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung. Acht Thesen für den Klimaschutz.

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Die Boten des Klimawandels mehren sich. 2017 sollte ein Jahr der Taten werden, meinen die Experten des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung.

Quelle: afp

Gegen Erderwärmung: weniger Treibhausgase

Die Daten aus 5000 Messstationen weltweit zeigen es klar: 2016 war ein Jahr mit Temperaturrekord, bereits das dritte in Reihe. Doch die Temperaturen sind Schwankungen unterworfen, etwa durch „El Niño“. Noch aussagekräftiger ist darum der Trend: Im langjährigen Mittel weist die Temperaturkurve klar nach oben, ebenso wie die unseres CO ²-Ausstoßes. Selbst wenn es 2017 kühler werden sollte und mancher Besserwisser dann meint, der Klimawandel sei abgesagt: Die Physik hinter der Erwärmung ändert sich nicht. Und so geht der Trend auch im kommenden Jahr weiter Richtung Heißzeit – sofern wir den Ausstoß von Treibhausgasen nicht drastisch verringern.

Extremwetter fordert bessere Vorkehrungen

Nicht jede Hitzewelle, nicht jeder Starkregen liegt am Klimawandel – aber die zunehmende Häufung solcher Phänomene tut es. Und das auch in Deutschland, wie wir 2016 im Süden der Republik erleben mussten. Das einzig Gute in diesem Grauen: Es ist ein Weckruf. Wir müssen jede Stadt, jedes Dorf, unsere Verkehrs- und Versorgungsinfrastruktur sowie die Wirtschaft fit machen für drastischer werdende Wetterereignisse. Um eine weitere Zunahme von Extremwetter zu verhindern, machen sich längst große Versicherer und viele Bürgermeister stark für die Verringerung unseres Ausstoßes an Treibhausgasen. Es sind keine Ökos. Es sind Realisten.

Klimaschutz geht auch ohne Donald Trump

Die Bewegung für den Klimaschutz ist stark, sie geht auch ohne die USA voran. Als die Amerikaner Donald Trump wählten, der die menschengemachte Erderwärmung dreist leugnet, war das ein Schock. Aber beim Weltklimagipfel in Marokko zog sich kein einziges Land aus dem Pariser Abkommen zurück, auch nicht Ölstaaten wie Saudi-Arabien. Eine neue Allianz von Deutschland und China bis hin zum fortschrittlichen, wirtschaftsstarken und höchst eigenständigen Kalifornien erkennt zunehmend die Chancen sauberer Technologien und nutzt sie für unser Klima, für die Gesundheit der Menschen und auch für zukunftsfähigen Wohlstand. Pioniere profitieren.

CO ²-Preise für mehr Gerechtigkeit

Wenn der G-20-Club der großen Wirtschaftsmächte sich diesen Sommer in Hamburg trifft, könnte er für mehr Gerechtigkeit sorgen. In den Verhandlerkreisen wird über Preise für CO ²-Emissionen diskutiert, wie die Forschung sie vorschlägt. Wenn im schwächelnden europäischen Emissionshandel ein Mindestpreis für CO ² eingeführt würde oder in anderen Ländern Steuern auf Emissionen, hätte das drei Effekte: Sie bestrafen fossile Brennstoffe, sie fördern erneuerbare Energien, und sie schaffen staatliche Einnahmen. Letztere werden dringend für Investitionen in öffentliche Infrastruktur gebraucht. Und es könnte Abgaben auf Arbeit oder Kapital verringern helfen.

Autokonzerne müssen die Kurve kriegen

Die Dieselaffäre bei Volkswagen hat es deutlich gemacht: So geht es nicht weiter für die Autoindustrie. Statt weiterhin mit oder ohne Mogelei an den kleinen Schrauben bei den Verbrennungsmotoren zu drehen, ist es Zeit für den großen Umstieg in die Elektromobilität. Die Stromer nutzen die Energie effizienter, ganz unabhängig von der Herkunft der Antriebsenergie aus erneuerbaren Quellen. Setzen sich deutsche Konzerne sowohl bei der Entwicklung neuer E-Autos als auch bei der Energiespeicherung nicht an die Spitze, werden sie bald von China abgehängt. Unsere Autobauer haben das zum Glück gerade noch rechtzeitig erkannt. Jetzt müssen sie liefern.

Geordneter Rückzug aus der Kohle

Der schmutzigste aller fossilen Energieträger ist die Kohle; Gas etwa hat nur halb so viel CO ²-Ausstoß pro erzeugter Kilowattstunde. Wenn Deutschland die selbst gesteckten Klimaziele ernst nimmt, muss es raus aus der Kohle. Das aber macht den Betroffenen Angst. Genau deshalb brauchen wir Ausstiegskommissionen, um einen Plan für den Aufbau nachhaltiger Jobs zu entwickeln, vor allem in Abbaugebieten wie Brandenburgs Lausitz oder dem Rheinischen Revier. Unternehmen wie RWE haben zu lange gezögert, bevor sie die Wende eingeleitet haben. Die Politik steht in der Pflicht, den Wandel zu gestalten – das nützt dann Klima und Beschäftigten.

Umsicht bei Konsum und Landwirtschaft

Fast ein Viertel der Treibhausgase kommt aus Ställen, von Äckern und der Gewinnung neuer Ackerflächen. Zugleich wächst das Risiko von Missernten. Viererlei muss passieren: erstens eine weitere Steigerung der Erträge, zweitens eine weitere Öffnung der Agrarmärkte, um mehr Nahrung möglichst effizient auf derselben Fläche zu erzeugen. Beides gefällt vielen Umweltschützern nicht. Drittens aber auch eine Reduzierung der Stickstoffüberschüsse aus Dünger und viertens weniger Fleischproduktion – was wiederum der Agrarindustrie missfällt. Deshalb kommt es auch auf die Verbraucher an. Die Grillwurst entscheidet mit über das nächste Elbhochwasser.

Klimaschutz bedeutet: einen statt spalten

Der gesellschaftliche und internationale  Zusammenhalt bröckelt in immer mehr Ländern. Klimaschutz könnte ein einigendes Projekt sein, denn der Paris-Vertrag ist gegenwärtig das einzige ehrgeizige Vorhaben, für das alle Staaten einen Konsens finden konnten. Wenn nun Staaten Zukunftsfonds einrichten, in die etwa aus einer neuen Form der Erbschaftssteuer Geld für die große Transformation zur Nachhaltigkeit fließt, könnte das Ungleichheit vermindern helfen. Für die Armen dieser Welt, aber auch innerhalb unserer Gesellschaft. Zugleich würde dem erstarkenden Populismus ein Teil seiner Grundlage entzogen: das Empfinden von Ungerechtigkeit.

Die Experten des PIK
Hans Joachim Schellnhuber

Hans Joachim Schellnhuber

Quelle: PIK

Hans Joachim Schellnhuber ist Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK). Der Physiker ist Mitglied u. a. der US-Akademie der Wissenschaften, der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften, der deutschen Leopoldina sowie Professor an der Universität Potsdam.

Hermann Lotze-Campen

Hermann Lotze-Campen

Quelle: PIK

    
Hermann Lotze-Campen, gelernter Bauer, ist Professor für Agrarökonomie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Am PIK leitet er den Forschungsbereich Klimawirkung und Vulnerabilität.

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