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Die Boygroup ist zurück

Neues Album von Valeska Steiner und Sonja Glass Die Boygroup ist zurück

Ihren Hit "Little Numbers" liebten sogar die Japaner. Jetzt sind Valeska Steiner und Sonja Glass – die beiden Frauen, die sich Boy nennen – mit neun neuen Songs zurück. Und wieder bringt das Pop-Duo aus Hamburg Tristesse und Melancholie auf wundersame Weise zum Leuchten.

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Jeder wird mal verletzt: Valeska Steiner (links) und Sonja Glass.

Quelle: Debora Mittelstaedt

Manchmal, wenn das Leben mal wieder so bitter wie Orangenmarmelade schmeckt, tröstet ein Lied. "Everybody Hurts" von R.E.M. hat diese Kraft, viele Coldplay-Songs ebenso – und auch die Musik des deutsch-schweizerischen Pop-Duos Boy.

Valeska Steiner und Sonja Glass, die beiden Boy-Frauen, haben einen vornehmen, schlichten Sound erfunden, der zugleich melancholisch und zuversichtlich schimmert. Als wollten sie sagen: Jeder wird mal verletzt. Egal, wie allein oder desillusioniert man dann dasteht, weiter geht’s, das Leben kann leicht sein.

Die beiden sitzen in einem Hamburger Tonstudio auf dem Sofa, um über ihr lang erwartetes zweites Album "We Were Here" zu sprechen. Sie sind leise, zurückhaltende Frontfrauen. Im Titelsong, der ziemlich romantisch und retro klingt, zitieren sie Bob Dylan. Gut vorstellbar, dass sie auch später noch, im Alter, "Forever Young" singen und sich jung fühlen werden. Denn sie übersetzen dies mit "beweglich bleiben" und "offen sein für Neues".

Vier Jahre ist es her, dass sie mit "Little Numbers" einen Überraschungshit landeten. Viel mehr noch: Sat.1 nutzt das Lied bis heute als Titelmusik für die Comedyserie "Knallerfrauen". Die Lufthansa suchte sich die Folkpop-Nummer mit Tamburin und Flower-Power für einen Werbespot aus. Obwohl es in dem Song ums Warten ging, klang er nach Starten.

Boy waren Shootingstars. Ihr Debütalbum "Mutual Friends" verkaufte sich weltweit 250.000-mal. Sie tourten nicht nur hierzulande, sondern auch durch die USA, wovon viele andere Bands nur träumen. Sie traten in der "Sesamstraße" auf, bei "Inas Nacht" und in Japan, wo sie sich vorkamen wie auf einem neuen Planeten. Und auch dort, weit weg von zu Hause, konnten ihre Fans "Little Numbers" mitsingen.

Je populärer sie wurden, umso mehr wollte man von ihnen wissen. Ein Interviewer stellte sogar die Poesiealbumfrage, welche Tiere denn am besten zu ihnen passten: "Valeska ist eine Löwin, sanft und stark", antwortete Glass, und Steiner sagte: "Sonja ist ein wildes Pferd." 2013, gleich nach dem letzten Konzert in San Diego, tauchten die beiden Boy-Frauen für längere Zeit ab.

Sie hätten sich "eingepuppt", um neue Songs zu schreiben, erzählt Steiner, 29 Jahre alt, zu Nostalgie neigende Sängerin und Texterin. Sie nahmen sich einfach die Zeit, die nötig war, um ihre Vision von international funktionierender Popmusik zu verwirklichen und ihren eigenen gigantischen Ansprüchen gerecht zu werden.

Die Anstrengung, das viele Ausprobieren und wieder Verwerfen von Ideen, hört man ihrer Musik nicht an. Man ahnt aber ihren Perfektionismus. Sie scheinen ihre Songs regelrecht zu designen. "Wir besprechen alles, jedes Wort, jeden Ton", sagt Glass, 38, Multiinstrumentalistin und akribische Soundforscherin.

Wer sie deshalb als Pop-Streberinnen bezeichnet, liegt nicht falsch. "Seltsam" finden sie es, dass sie manchmal nicht einfach nur als Musikerinnen gesehen werden, sondern unbedingt kategorisiert werden müssen. Da "Riot Girls" nicht passt, weil sie so freundliche, wohlerzogene Musik machen, wird ihnen eben das Etikett "keine Riot Girls" angeheftet.

Und überhaupt: Selbstbewusstsein und Sanftmut, Stärke und Feingefühl, schließen sich ja nicht gegenseitig aus. Das gelte für Frauen wie für Männer, sagt Steiner. "Es gibt alles in allem." In dieser Hinsicht erinnern sie an die empfindsame Pop-Erfinderin Carole King, die ein Star war in der von Männern dominierten Songwriterwelt der Sechziger und Siebziger. "Hui", sagen die beiden Frauen auf dem Sofa zu diesem Vergleich, als könnten sie ihren eigenen Erfolg noch immer kaum fassen.

Steiner und Glass lernten sich vor zehn Jahren beim Popkurs an der Hamburger Hochschule für Musik und Theater kennen. Dort starteten schon Wir sind Helden und Seeed ihre Karrieren. Steiner, in Zürich aufgewachsen, zog schon bald in die Stadt an der Elbe, wo Glass bereits lebte und als Studiomusikerin arbeitete. 2007 gründeten sie Boy. Mit Herbert Grönemeyer und seinem Label Grönland Records fanden sie einen Vertrauten, der ihnen die Zeit zu Suche und Selbstverwirklichung lässt.

Schon allein der einprägsame und weltweit verständliche Bandname zeigt, wie clever die beiden Musikerinnen agieren. Manch einer vermutete, dass die Frauen mit dem Jungennamen Geschlechterrollen infrage stellen wollten. Aber darum geht es ihnen gar nicht, sondern einzig um ihre Geschichten über Menschen, denen das Glück gerade abhandengekommen ist oder die schon lange darauf warten. In einer Welt, die immer komplizierter und angsteinflößender erscheint, sind ihre Protagonisten auf der Suche nach etwas Sicherheit.

"Yellow" von Coldplay haben sie mal gecovert. Auch ihre eigenen Songs leuchten in diesem sanften Gelb und werden vorwiegend in ruhiger Mondgeschwindigkeit gespielt. In "Hotel" lebt ein Paar zwar noch im selben Haus, aber nicht mehr im selben Zimmer. "Fear" beschreibt die zerstörerische Angst vor Nähe, die man nicht einfach so wegküssen kann. In "No Sleep for the Dreamer" bleiben nur "ein Kuss am Spiegel und eine Kaffeetasse in der Spüle" zurück. Man heult Tränen, die ganze "Rivers or Oceans" bilden, bis man über die Enttäuschung hinweggekommen und bereit für einen Neubeginn ist.

In "Drive Darling" vor vier Jahren stiegen sie in ein Auto und fuhren der Tristesse einfach davon. In der Realität ist das leichter gesagt, als getan. Doch egal, wie naiv das Versprechen auf eine bessere Zukunft klingen mag: Popsongs, denen es innewohnt, trösten besonders gut.

Gibt es überhaupt Glück, oder ist es eine Illusion? "Jaaaaa, na klar", schwärmen beide. Doch je größer die Erwartungen sind, desto schwieriger sei es, das Glück zu erkennen. Auch sei Glück flüchtig, manchmal nur Momente spürbar. Es lässt sich nicht so leicht festhalten, schon gar nicht, indem man es fotografiert – was manche Selfie-Enthusiasten wohl versuchen, die ihre Bilder in sozialen Netzwerken verewigen.

Mit "Were Here", dem Titelsong, feiern Boy die Vergangenheit als Fundament der Zukunft. Selbst wenn eine einst glückliche Beziehung verblüht ist, habe sie einen doch zu dem Menschen geformt, der man danach ist, sagt Glass, was sehr erwachsen klingt, nach einem gezähmten Wildpferd.

Viele solcher Puzzleteile an Erfahrungen prägen das eigene Leben. "Man könnte auch ein trauriges Lied darüber schreiben, dass etwas vorbei ist", fügt Steiner, die Löwin, hinzu. "Oder man sagt: Was für ein Glück, dass es das gab."

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