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Himmel und Herde

Interview mit einem Schäfer Himmel und Herde

Er ist einer der letzten seiner Art: Jens-Uwe Otto züchtet Schafe, mehr als 600 insgesamt. Jetzt, kurz vor Weihnachten, gebären sie ihre Lämmer. Auf einem Heuballen sprach Julius Heinrichs mit ihm über Wolf-Raudis, deutsche Schafe in Saudi-Arabien und bürokratischen Irrsinn.

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Schäfer Jens-Uwe Otto

Quelle: Jacqueline Schulz

Hannover. In Rohr, einer Thüringer Häuseransammlung, die sich Dorf nennt, steht Jens-Uwe Otto vor seinem Traktor und lächelt freundlich. Er trägt die Schäferweste, schwarz mit 52 Knöpfen: am Kragen kleine – stellvertretend für die mageren Winterwochen; den Bauch entlang dicke – als Symbol für die propperen Wochen auf Thüringer Weiden. Neben Otto steht sein Lebenswerk: Ein Stall mit Hunderten Schafen – einige der Besten ihrer Rasse, Merinolandschafe, gezüchtet über Jahrzehnte. Und doch sagt Otto: „Sie wollen bestimmt eine dieser schönen Weihnachtsgeschichten schreiben. Aber das hier ist keine schöne Weihnachtsgeschichte“ – wenn auch das Bild, das sich auftut, durchaus nach einer schönen Weihnachtsgeschichte aussieht: Gleich neben dem Eingang stapeln sich meterhoch Werkzeuge, Kanister und Schläuche unter einer dicken Staubschicht. Pettersson und Findus würden sich wohlfühlen hier drinnen. Mähs, Mampfen und Schnauben vereinen sich zu einem einzigen, wabernden Hintergrundgeräusch. In der Luft der Duft von Stroh und Silage. „Wir sind ein wirtschaftlicher Betrieb – wie alle anderen auch“, sagt Otto dann. Einer, der seit Jahren ums Überleben kämpft.

Herr Otto, es heißt, nur Masochisten wollten heute noch Schäfer werden. Warum also tun Sie sich das an?

Als ich mit der Schäferei anfing, damals in der DDR, da waren Schäfer noch angesehene Leute. Zumal es sich mit Schafen gut leben ließ. Für viele Betriebe war die Schafzucht sogar der Bereich, der Defizite aus anderen landwirtschaftlichen Bereichen ausglich. Das hat sich erst mit der Wende vollständig geändert. Mein erstes Lamm habe ich bekommen, als ich zehn Jahre alt war. Es war ein Geschenk von einem Bauern aus der Nachbarschaft: Ein Zwilling, dessen Mutter nicht genügend Milch für beide Jungtiere hatte. Ich habe das Lamm aufgezogen. Damals war das Schaf für mich das, was für andere der Hund war. Es lief mir nach, wenn wir rausgingen, ich habe es zu den Wiesen gebracht und jeden Tag nach dem Rechten geschaut. Da war für mich irgendwann klar, dass ich Schäfer werden will. Erst habe ich jedes Jahr wieder eins gekauft – und Sie sehen ja, wie viele es jetzt sind.

Er deutet in den Stall. Hier tummeln sich den Winter über alle Schafe, die besonderen Schutz brauchen: Lämmer, Jungtiere, Mütter und solche, die bald Mutter werden. Mehr als 400 Schafe sind es insgesamt.

Das sind ja fast alles Weibchen – was ist mit den Böcken? Werden die Schafe künstlich befruchtet?

Nein, nein, das geht alles natürlich. Die Jungs stehen dahinten. Mein erstes Tier war ein Bock, der hat viel dazu beigetragen, dass es jetzt so viele sind.

Wie viele Böcke braucht es für so eine Herde?

Ich habe fünf. Zwei sind gerade im Einsatz, drei in Reserve. Dieses Jahr habe ich einen neuen zugekauft. 8000 Euro hat der gekostet – ein Spitzenbock.

Woher wollen Sie beim Kauf wissen, dass es ein Spitzenbock ist?

Man weiß ja, wo sie herkommen. Alle Lebensläufe, Bewertungen und Geschwister werden elektronisch gespeichert. Zudem werden je acht Söhne aller Zuchtböcke getestet. Mit circa 20 Kilogramm gibt man sie weg – und dann kommen sie zur Beobachtung, bis sie 42 Kilo wiegen. Da wird immer gemessen, wann sie wie viel fressen – und wie viele Kilo sie dabei zulegen. Danach bekommen die Tiere vier Noten für Gewichtszunahme, Bemuskelung, Futterverwertung und Verfettung. Und wenn ein Auktionsbock gar nicht zeugt, kann man ihn in einer bestimmten Zeit wieder zurückgeben. Für diesen Fall schließt man als Züchter eine Versicherung ab.

Dann fragt sich aber doch, warum Sie einen Bock für 8000 Euro kaufen, wenn Sie selbst etliche züchten?

Ich kaufe sogar jedes Jahr zwei, damit neues Blut reinkommt und die Schafe weiter besser werden. Wenn die Herde zum Beispiel ein bisschen zu klein und zu dick ist, hole ich einen besonders großen Bock und züchte sie mit ihm ein wenig größer.

Und so ein Bock nimmt sich dann nach und nach einfach alle Schafe vor?

So ist es. Ein normaler Deckbock macht etwa drei bis fünf am Tag. Aber ich hatte auch schon mal welche, da haben an einem Tag plötzlich 15 Schafe gelammt. Und ich hatte einen Bock, der hat alle Preise gewonnen. Klassensieger war er, Deutschlandmeister, Deutschlandchampion und „Mister Berlin“. Da hat einfach alles gestimmt, der Körperbau, das Fell, alles. Aber der ist (er hält inne) na, er ist jetzt nicht mehr hier.

Was heißt das?

Er hatte einen Herzinfarkt, beim Decken, letztes Jahr im Sommer.

Ottos Stimme geht etwas runter. Der Mann, der wirkt, als könne ihn nichts umhauen, wirkt plötzlich so, als wäre das zumindest möglich.

Haben Sie eine enge Beziehung zu Ihren Tieren?

Was heißt eng? Es gibt ja so übertriebene Tierliebhaber, die gar nicht merken, dass ihr ganzes Betuddel den Tieren eher schadet als nützt. So einer bin ich nicht. Eher so einer, der seine Tiere mag, aber weiß, dass sie Nutzen bringen müssen. Ein Schaf noch weiter zu versorgen, obwohl es keine Lämmer mehr gebiert – das könnte ich mir gar nicht leisten.

Nur brauchen Sie ja auch insofern eine Beziehung zu Ihren Schafen, als dass die tun müssen, was Sie von ihnen wollen.

Die habe ich. Zunächst sind der Hirte und sein Hund ein Team. Und zusammen mit den Schafen bilden sie dann ein neues. Zusammen dirigieren wir die Herde dann wie ein Dirigent sein Orchester. Mir folgen die Schafe meist sofort, weil sie wissen, dass ich sie zu neuem, besseren Gras führe – und ihnen nichts Böses will. Der Hund muss dann das richtige Maß zwischen Hörig- und Selbstständigkeit besitzen, sie richtig zu leiten.

Wenn Sie mit Ihrer Herde dann am Ziel sind: Was denken Sie dann den ganzen Tag?

Meistens komme ich gar nicht zum Denken. Ich muss Zäune abstecken, Hufe kontrollieren, die Herde treiben. Wenn dann doch mal Zeit ist, schaue ich meistens den Tieren zu. Aber es gibt viele Kollegen, die sich ein Radio mit auf die Weide nehmen und beim Zuhören über dieses und jenes nachdenken.

Sprechen Sie manchmal mit Ihren Schafen?

Nein. Die antworten ja eh nicht. Also, manchmal rufe ich ihnen zu, was sie tun sollen. Das war’s dann aber auch.

Aber Lieblingsschafe haben Sie.

Es gibt zumindest die, die besonders auffallen. Wenn ein Schaf besonders schöne Junge bekommen hat. Oder eine besonders schöne Körperform hat. Und dann gibt es da die, die morgens immer zuerst ankommen.

Erst mal denkt man ja, Schafe sehen alle gleich aus. Aber dem ist eben doch nicht so. Wie bei Hühnern. Das eine hat ein bisschen mehr Wolle auf dem Kopf, das andere hat Schlappohren. Bei Merinoschafen wird viel Wert auf die Ohren gelegt. Schöne, große Ohren sind gut.

Ihre Schafe haben ordentliche Ohren – bekommen Sie für Ihre Tiere auch 8000 Euro?

Nein, ganz und gar nicht. Aber meine Schafe werden gut bewertet. Einige habe ich bis nach Serbien, Odessa, Litauen und Saudi-Arabien verkauft.

Wie bitte?

Ja, das hat so ein Viehhändler aus Hamburg eingefädelt. Ging ratzfatz alles. Da wollte ein Scheich von allen deutschen Rassen ein paar Exemplare haben, um zu schauen, welche sich bei ihm drüben am besten schlagen. Vom Bergschaf bis zum Fleischschaf. Am Freitag um sieben abends kam ein Lkw und am Morgen zwei Tage später waren sie schon am Ziel. Die Schafe sind in einem Container mit dem Flugzeug über das Meer gekommen. Da dauert es länger, die Tiere nach Serbien zu bringen. Da muss man dann beim Veterinäramt anrufen, dann geben die einem eine Route und dann muss man alle paar Stunden Pause machen und die Schafe zum Fressen rauslassen.

Das klingt, als hätten Sie ein Problem damit.

Diese ganze Bürokratie ist ein Ärgernis. Wie viele Förderanträge ich permanent ausfüllen muss! Wenn da irgendetwas falsch ist und das kommt raus, dann muss man das alles zurückzahlen. Mit Zinsen. Für die meisten bedeutet das den Ruin. Oder wenn jemand ein Schaf haben will, das von der Mutter verstoßen wurde – früher hat man das einfach verschenkt. So was geht heute nicht mehr. Ich darf Schafe nur an Personen mit einer Betriebsnummer aushändigen. Und selbst wer die hat, darf das Schaf nicht einfach mit nach Hause nehmen – dafür braucht es einen Transportschein. Ich musste den auch machen. Nachdem ich 20 Jahre lang Schafe transportiert habe. Das ist doch irrsinnig.

Eines der Schafe beginnt plötzlich zu lammen. Während die Mutter weiter Heu mampft, kommt das Neugeborene auf die Welt. Die anderen Schafe würdigen das Geschehen keines Blickes. Das Mutterlamm läuft weiter, bis sein Kind schließlich in Heu plumpst. Jetzt dreht es sich um und beginnt, den winzigen Nachwuchs sachte abzulecken. Zwei umherstehende Schafe beteiligen sich am Schleckprozess, während die Mutter bereits das zweite Lamm zur Welt bringt. Sie widmet sich dem jüngeren Kind, die beiden beiden anderen Schafe bleiben beim ersten Lamm. Otto beobachtet die Situation, dann sagt er:

Deswegen trennen wir die Muttertiere und ihre Kinder nach der Geburt von der Herde. Wenn ein Schaf ein Kind bekommt und sich dann zurückzieht, um ein zweites zu gebären, kann es sein, dass es das erste Kind nachher nicht mehr annimmt, weil sich ja schon andere darum kümmern.

Er deutet auf ein Areal, ganz rechts im Stall in Einzelboxen stehen hier 30 Muttertiere mit ihren Kindern.

Was bekommt man für so ein Schaf?

100 bis 120 Euro pro Schlachtlamm. 30 bis 80 Euro für Mutterschafe. Die mag in Deutschland eigentlich keiner mehr essen. Die kommen dann entweder in die Wurst oder werden in muslimische Staaten verkauft – da ist man weniger zimperlich.

Deutsche Schäfer werden ihre Wolle kaum los, während wir uns in Wolle aus dem Nahen Osten kleiden. Wie kann das sein?

Das Problem fängt schon damit an, dass es in Deutschland kaum mehr Wollwäschereien gibt, die die Wolle richtig aufbereiten. Die Umweltauflagen sind so hoch, dass sich viele Betriebe nicht mehr halten konnten.

Aber regionale Produkte sind doch gerade gefragt wie nie?

Davon kommt bei uns nichts an. Stattdessen bemerken wir, dass der Wollpreis immer dann stark ansteigt, wenn sich im asiatischen Raum neue Konflikte anbahnen. Warum, das wissen wir nicht, aber dann fragen die Konfliktländer plötzlich weltweit Schafswolle an. Vor drei Jahren war das so, da ist der Wollpreis innerhalb weniger Wochen um fast 50 Prozent gestiegen.

Währenddessen steht ein Lamm mühevoll auf, geht ein, zwei Schritte, plumpst zu Boden, rappelt sich wieder auf, legt sich neben das zweite Neugeborene und bleibt liegen.

Der Wolf ist zurück in Deutschland. Macht Ihnen das zu schaffen?

Und wie! Das ist doch Wahnsinn: Alle wollen den Wolf, auf keinem Fall darf man ihm etwas tun. Also lässt man ihn einfach machen und sich an unseren Schafen bedienen. Und wenn dann einer kommt, dann bekommen wir die toten Schafe zwar erstattet, aber diejenigen, die krankenhausreif sind, die kümmern keinen. Oder die, die geflüchtet sind und eingesammelt werden müssen. Oder die ausbleibenden Neugeburten der toten und verletzten Tiere – die kümmern auch niemanden.

Aber es gibt doch Schutzmaßnahmen, die Sie treffen sollen.

Das ist doch aber, wie wenn Sie Ihr Auto vor dem Haus stehen haben und alle paar Tage, Sie wissen nicht wann, kommen ein paar Raudis vorbei und hauen Ihnen das Auto kaputt. Da sagen Sie doch dann: Jetzt soll die Polizei was machen. Und bei unseren Schafen sagt man: Die Hirten müssen was machen. Die, die sowieso schon ums Überleben kämpfen. Erst sollten wir Zäune höher bauen – aber weil das nichts bringt, sollen wir danach unsere Hunde abrichten. Nur mag das vielleicht in Russland oder in der Steppe sinnvoll sein. Aber in bewohnten Gegenden, gefährden wir damit Jogger und Radfahrer, die von Hunden angegriffen werden könnten. Dabei haben die Leute schon jetzt kein Verständnis mehr für uns.

Wie äußert sich das?

Wenn wir früher die Schafe durch das Dorf getrieben haben, kamen die Menschen, haben gegrüßt und zugeschaut. Heute drohen sie einem mit Klagen und beschweren sich über den Mist auf den Straßen. Mittlerweile überlege ich dreimal, wie wir den Weg durch die Straßen möglichst klein halten können.

Wenn Sie die Wahl hätten: Würden Sie wieder Schäfer werden?

Heute würde mir kein Bauer mehr sein Lamm schenken – und ich kein Feuer fangen. Aber das habe ich jetzt eben, also muss ich sagen: Ja! Wenn ich aber von all dem nichts wüsste, sondern nur davon, wie schwer der Beruf ist, und wenn ich die ertragreichen Zeiten der Vergangenheit nicht erlebt hätte, dann weiß ich nicht, ob ich heute hier stünde.

Wissen Sie schon, was passiert, wenn Sie älter sind? Übernimmt dann jemand ihre Herde?

Ich hoffe sehr, aber das kann ich bis jetzt noch nicht sagen. Wenn sich niemand aus der Familie bereit erklärt, findet sich nur selten Nachwuchs. Und wenn doch, bleibt zu hoffen, dass der Wolf nicht näher kommt. Wenn er das tut, wären Wiesen und Herde von jetzt auf gleich die Hälfte wert. Wer will schon eine Herde, von der er weiß, dass ein Wolf sie verputzen kann?

Unterwegs mit der Herde

Unterwegs mit der Herde: Jens-Uwe Otto.

Quelle: Jacqueline Schulz

Von Julius Heinrichs

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