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Leben mit Helm

Wie viel Vorsicht ist zuviel? Leben mit Helm

Das Leben in Deutschland ist sicher wie selten zuvor. Dennoch steigt das Bedürfnis, sich gegen Risiken aller Art zu wappnen. Warum nur?

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Helikoptereltern, Handdesinfektionsmittel, Sturzhelme und Warnhinweise: Vor lauter Risikominimierung geht uns der Sinn für Verhältnismäßigkeit verloren.

Quelle: Stone Sub

Hannover. Die Gefahr lauert überall. Selbst beim Zubereiten von Obst. Krankenhäuser in Großbritannien verzeichneten in diesem Sommer angeblich einen rapiden Anstieg von Verletzungen, die sich Patienten beim Aufschneiden von Avocados zugezogen hatten. Prompt forderte ein britischer Ärzteverband die Politik zum Handeln auf. Um die “Avocado-Hand“-Fälle zu minimieren, müsse dringend auf jede Frucht ein Warnhinweis aufgebracht werden, auf dem zur Vorsicht beim Schneiden geraten wird. Denkbares Motiv: Ein Messer und ein rotes Kreuz.

Man könnte derartige Aufkleber großflächig in der gesamten Warenwelt verteilen. Einmal in der Sicherheitslogik gefangen, gibt es kaum einen Ort, ein Produkt, bei dem man sich in Kombination mit einem Messer nicht verletzen könnte. Und tatsächlich nehmen die Warn- und Sicherheitshinweise in unserer Welt stetig zu. Die Ratschläge auf Produktverpackungen, die Empfehlungen von Behörden, die Sorgen der Verbraucher – sie alle sind symptomatisch für eine Welt, die im Großen weitgehend fatalistisch vor sich hin lebt, im Kleinen aber immer öfter versucht, das Leben in Watte zu packen.

Wir kaufen Scheren, an denen man sich nicht schneiden kann. Wir tragen Sturzhelme und Schoner in allen Lebenslagen. Es gibt Rauchmelder in jedem Raum. Rauch hingegen nur noch in Ausnahmefällen. Und wenn es ein Risiko gibt, das wir nicht durch Verzicht mindern können, dann wollen wir uns wenigstens ordentlich dagegen absichern. Manchen ist das allerdings mittlerweile zu viel Sicherheit. Gab es in früheren Jahrzehnten tatsächlich noch Bedarf an Kampagnen zu mehr Vorsicht und Selbstschutz, rufen heute nicht nur Start-up-Vermarkter und FDP-Wahlkämpfer wieder zu mehr Mut und Risikobereitschaft auf.

Empörung über die Gurtpflicht

Die Kritik am Sicherheitsdenken mag im Falle FDP (“Digital first, Bedenken second“) ziemlich geistlos daherkommen, im Kern allerdings treffen die Aufrufe einen Punkt. Wie stark das Bedürfnis nach Risikovermeidung in den vergangenen Jahren zugenommen hat, veranschaulicht eine Debatte aus den Siebzigerjahren. Als die rot-gelbe Bundesregierung unter Helmut Schmidt 1976 die Gurtpflicht in der BRD einführte, sahen noch viele Autofahrer die persönliche Freiheit in unzumutbarer Weise eingeschränkt. Zwar war die Zahl der Unfalltoten aufgrund des zunehmenden Verkehrs auf den Straßen damals tatsächlich stark angestiegen, dennoch griffen lediglich etwa 5 Prozent der Autofahrer beim Anlassen des Autos zum Gurt. Gurtträger galten damals vielen als ängstliche Spießbürger – und die Pflicht zum Angurten als Bevormundung des Staates. Der “Spiegel“ fasste angesichts der drohenden Gurtpflicht das Gefühl der Mehrheit auf dem Cover zusammen: “Gefesselt ans Auto“.

Dahinter stand schon damals eine Frage, deren Beantwortung es heute erneut bedürfte: Darf der Staat seine Bürger dazu zwingen, sich selbst zu schützen? Damals ging der Streit bis zum Bundesverfassungsgericht. Die Karlsruher Richter benutzten letztlich eine abenteuerliche Konstruktion, um Bußgeld zu rechtfertigen. Die Gurtpflicht sei rechtens, urteilten die Richter, weil Gurtmuffel eben nicht nur sich selbst in Gefahr brächten, sondern nach einem Unfall möglicherweise auch andere Unfallopfer, denen sie keine erste Hilfe mehr leisten könnten – etwa, wenn sie zuvor durch die Windschutzscheibe geschleudert wurden.

Das Urteil war richtungsweisend. Nicht nur, weil die Gurtpflicht tatsächlich den Verkehr deutlich sicherer gemacht hat und an der Sinnhaftigkeit heute auch kaum jemand mehr ernsthaft zweifelt. Die Minimierung des Lebensrisikos im Alltag genießt mittlerweile einen Stellenwert, der vor einigen Jahrzehnten noch unvorstellbar war.

Was macht Leben lebenswert?

Folglich greift der Staat zur Gesundheitsförderung immer öfter auch in persönliche Freiheiten ein. Im vergangenen Jahr forderte die US-Gesundheitsbehörde etwa alle gebärfähigen Frauen auf, die Finger vom Alkohol zu lassen, wenn sie nicht gleichzeitig auch verhüten. Frauen, die nichts von ihrer Schwangerschaft ahnten, riskierten schließlich, dass die ungeborenen Kinder im Mutterleib durch den Alkohol geschädigt werden. Das schlichte Motto der Kampagne lautete: “Warum das Risiko eingehen?“

Wer wollte dem widersprechen? Und doch steckt gerade deshalb in dieser simplen Frage eine Argumentation, die, wenn man sie zu Ende denkt, schnell von Umsichtigkeit in Maßlosigkeit umschlagen kann. Schädigt Alkohol nicht auch Nichtschwangere? Und ist Kinderkriegen nicht ohnehin ein unkalkulierbares Risiko? Sollte man also sicherheitshalber beides einstellen? Heraus kommt im schlimmsten Fall eine Art Leben light. Sicherlich ist Kaffee ohne Koffein gesünder, genauso wie Cola ohne Zucker, Sahne ohne Fett, Sex ohne Körperkontakt, Bier ohne Alkohol. Aber macht der Verzicht das Leben auch lebenswerter?

Der Wiener Philosoph Robert Pfaller sieht die Gesellschaft bereits auf dem Weg in ein genussfeindliches, nur noch der Selbstoptimierung verschriebenes Leben. Er warnt: “Ein Leben, welches das Leben nicht riskieren will, beginnt unweigerlich, dem Tod zu gleichen.“ Statistisch gesehen ist der Mensch am sichersten, wenn er etwa sieben Jahre alt ist. Die Chance, als Siebenjähriger zu sterben, liegt Forschern zufolge in den Industriestaaten bei eins zu 10 000. Anschließend geht es langsam, aber konstant abwärts. Statistisch gesehen ist das Alter der eigentliche Feind des Lebens.

Placebos gegen die globale Risikogesellschaft

Dennoch gilt die Sorge gerade den Kleinsten. Eltern begleiten ihre Kinder zur Schule um die Ecke, weil der Schulweg zu gefährlich erscheint. Sie lassen auch ältere Kinder niemals allein zu Hause, weil ihnen etwas passieren könnte. Schon Grundschüler werden mit Handys ausgestattet, damit sie sich jederzeit melden können, wenn es ein Problem gibt. Bei manchen Eltern verkehrt die Sorge ihr Handeln schon wieder ins Gegenteil: Im Internet raten besorgte Mütter anderen besorgten Müttern, die Kinder doch bitte mit scharfen und spitzen Gegenständen spielen zu lassen, damit sie lernen, dass man sich daran verletzen kann.

Womöglich steigt der Kontrolldrang im Kleinen in ähnlichem Maße wie das Gefühl der Hilflosigkeit jedes Einzelnen, die großen Gefahren der Welt zu bändigen. Den Klimawandel, die Folgen der Digitalisierung, die weltweiten Krisen. Wenn man schon nicht verhindern kann, dass in der Landwirtschaft derart viele Antibiotika verbraucht werden, dass sie womöglich bald schon beim Menschen nicht mehr richtig wirken, will man sich zumindest beim Zubereiten des Geschnetzelten nicht den Finger abschneiden. Das abgerundete Küchenmesser als Placebo gegen die globale Risikogesellschaft im Angesicht globaler Probleme wie Klimawandel, Epidemien, Terror, Umweltkatastrophen, Migration und Finanzkrisen. Wir leben in einer Welt, in der jeder die alltäglichen Risiken so gut es geht minimiert, während es drum herum den Bach runtergeht. Willkommen im Sicherheits-Biedermeier!

Binsenweisheiten im Dauerfeuer

Flankiert wird der Trend zur Vorsicht von einer zur Pädagogisierung neigenden Politik. Wer raucht, wird mit Fotos von sterbenden Kleinkindern und geschwärzten Organen belästigt. Wer über die Autobahn fährt, sieht Schilder von traurigen Hinterbliebenen. Das ist alles gut gemeint, wahrscheinlich hilft es sogar, Jugendliche vom Einstieg in die Sucht oder Menschen vom blinden Rasen abzuhalten. Man kann die Flut an Ratschlägen aber auch als Zumutung empfinden. Zumal es sich oft um Binsenweisheiten handelt, die da im Dauerfeuer auf die Welt losgelassen werden.

Zu viele Warnungen können auf lange Sicht sogar gefährlich sein – zumal dann, wenn die Kampagnen durch Emotionalisierung auf Gefahren aufmerksam machen wollen. Wer ständig “Feuer“ ruft, dem wird irgendwann nicht mehr zugehört. Man stumpft ab, wie Kleinkinder, wenn sie 50-mal am Tag Sätze hören, die mit “Sei vorsichtig, wenn du ...“ beginnen. Dabei wäre es wichtig, die komplexen Gefahren der Welt da draußen realistisch benennen zu können. Es gibt objektiv viele Sicherheitsrisiken, gegen die zu wappnen es sich lohnt.

Nur muss letztlich jeder für sich selbst abschätzen, wie er sein Lebensrisiko verteilen will. Da helfen weder alarmistische noch beschwichtigende Kampagnen, sondern nur nüchterne Informationen. Das muss nicht in Leichtsinn enden. Bei aller nötigen Vorkehrung gegen die Unwägbarkeiten des Lebens sollte aber Platz für eine Erkenntnis bleiben, die so alt ist wie das Leben selbst: Die Risiken des Lebens einfach und ganz auszuschalten ist schlicht nicht möglich. Wenn man den Gedanken einmal zulässt, kann er durchaus befreiend wirken.

Von Dirk Schmaler

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