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Jede Woche ein neuer Wetter-Rekord

Lieblingsthema der Deutschen Jede Woche ein neuer Wetter-Rekord

Alle reden über das Wetter – und das, obwohl wir so unabhängig vom Wetter leben wie noch niemals zuvor. Warum beschäftigen wir uns dann so viel und so leidenschaftlich damit? Das Wetter ist ein herrlich einfaches Thema in einer immer komplexeren Welt. Und jeder kann mitreden.

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2015 erleben wir einen "Zickzack-Sommer": Erst Hitze, dann Gewitter, dann wieder Hitze.

Quelle: dpa

Hannover. Hand aufs Herz: Wer kann mit diesem Sommer schon Frieden schließen? Auf Mallorca war es heiß. Zu heiß, wie der Spanische Wetterdienst umgehend bestätigt: Eine so lange Hitzeperiode habe es selbst auf den Balearen noch nicht gegeben. An der Nordsee war es – gefühlt zumindest – nicht zu heiß. Aber zu windig: Ein solche Abfolge von Herbststürmen im Sommer habe man noch nie gemessen, meldet der Deutsche Wetterdienst.

Auch die Ostsee, darauf kann man sich verlassen, wird am Ende nicht ohne Wetterrekord dastehen. Überdurchschnittlich warm war es auf alle Fälle auch an der Ostsee.  Kaum war die erste Jahreshälfte um, waren sich die Meteorologen schon einig: 2015 wird als das wärmste Jahr seit Beginn der Wetteraufzeichnungen in die Geschichte der Menschheit eingehen. Donnerwetter!

Wettkampf um die Daten

Das Wetter darf alles sein, nur nicht normal. Dass fast jede Woche ein neuer Rekord verkündet wird, hat auch damit zu tun, dass seit einigen Jahren gemessen wird wie Teufel. Ein gutes Dutzend privater Wetterdienste liefert sich einen täglichen Wettkampf um Daten – und um zahlungskräftige Kunden. Sie alle machen dem Deutschen Wetterdienst (DWD) Konkurrenz. Die "Wetterbehörde" mit Sitz in Offenbach hat einen Gesamtetat von 300 Millionen Euro und beschäftigt 2500 Mitarbeiter. Hauptkunde ist die Luftfahrtbranche, für die Allgemeinheit aber fallen noch jede Menge Informationen ab.

Fast 40 Grad plus in Regensburg, drohender Nachtfrost in der Heide: Wer hat in diesem Sommer die Nase vorn? Immer neue Apps mit hübschen Sonnensymbolen und Regenwolken drängen auf die Smartphones. Die Wetterapps sind inzwischen die am häufigsten heruntergeladenen Dienste nach den großen Anbietern wie Youtube oder Instagram. Wie warm ist es in Berlin, Beirut oder Bogota? Ein Blick genügt.

Das Publikum wundert sich

Das Wetter und die Lust am Vergleich gehen eine fruchtbare Verbindung ein. Gemeinsam beflügeln sie die klassischen Medien, die sich von Natur aus viel mit dem Extremen, mit dem Besonderen beschäftigen. Und die ihre Mühe mit der Akzeptanz der schwierigen Dauerthemen wie der Griechenlandkrise und den Kriegen in Syrien oder in der Ukraine haben. Da kommt das Wetter gerade recht – ein Temperatursturz ist leichter zu erklären und vermitteln als der kalte Hauch, den der Internationale Währungsfonds in der Welt verbreitet.

Auch beim Wetter legt die vernetzte Nachrichtenwelt allerdings ein Tempo vor, das die Orientierung nicht immer leicht macht. Dass ein Tornado ein ganzes Dorf in Mecklenburg-Vorpommern heimsucht, heißt noch lange nicht, dass man in Kiel oder Hannover die Markisen einholen muss. Und dass in München hitzegeplagte Menschen in die Isar springen, bedeutet eben nicht, dass die Leipziger Freibäder mit einem Besucheransturm rechnen können.

Das Wetter, so scheint es, wird immer spezieller. Und spektakulärer. Mindestens einmal im Monat gibt es eine Unwetterwarnung: Sturm, Starkregen, tropische Hitze – solche Prognosen der Meteorologen schaffen es direkt in die Nachrichtensendungen. Beim Publikum wächst derweil die Verwunderung, wenn am Ende doch nicht viel passiert. Der Sommersturm am letzten Juli-Wochenende zum Beispiel beherrschte von Freitagmorgen an die Nachrichten, wurde am Ende aber nur einigen morschen Bäumen zum Verhängnis.

Übereilte Warnungen

Dass inzwischen so häufig und so intensiv vor Wetterphänomenen gewarnt wird, hat auch mit der wachsenden Vorsicht der Wetterforscher selbst zu tun. Der Deutsche Wetterdienst sah sich vor einigen Jahren schweren Vorwürfen ausgesetzt, weil er nicht vor einem heftigen Sommergewitter in Berlin gewarnt hatte. Ein Jugendlicher kam damals ums Leben, Unternehmen entstanden hohe Schäden. Seitdem gilt in der Wetterbranche das Motto: lieber zehnmal zu viel warnen als einmal zu wenig.

Vor allem die Versicherungswirtschaft zahlt viel Geld für Wettervorhersagen und für rechtzeitige Warnungen. Viele Apps und Unwetterkarten sind davon  ein Abfallprodukt. In Österreich verschickt ein Anbieter schon seit Jahren Unwetterwarnungen per SMS. Eine halbe Million Kunden bekommen "punktgenau" (Eigenwerbung) Warnungen vor heftigen Alpengüssen – mit Folgen: Eine Studie ergab, dass 70 Prozent der SMS-Empfänger glauben, dass ihr Leben sicherer geworden ist. Und 50 Prozent geben jede Warnung gleich an Freunde und Bekannte weiter.

Man sollte sich hüten, von jedem Wetterphänomen unmittelbar auf Veränderungen des Klimas zu schließen. Die Fachwelt ist sich allerdings einig, dass der Klimawandel eine Zunahme von Wetterextremen zur Folge haben wird. Vielleicht liegen die Radiosender daher sogar richtig, die den Wetterbericht an den Beginn ihrer Nachrichtensendungen stellen. Aber ist der Kampf zwischen Sonne und Wolken am Himmel wichtiger als die Nachricht über das Sterben in Syrien und der Versuch der Europäer, ihre Währung zu retten?

Früher war es nicht besser

Ganz rational lässt sich unsere besondere Aufmerksamkeit für das Wetter nicht erklären. Im Gegenteil: Noch nie war die Menschheit in den Industrienationen so unabhängig vom Wetter wie heute. Früher führte Regen bei der Heuernte dazu, dass das Vieh im Winter hungern musste. Heute gibt es auch im Winter Futter in Hülle und Fülle. Früher konnte wochenlanger Regen eine ganze Getreideernte zerstören. Heute hat jeder Landwirt Anlagen zum Trocknen der Ernte. Wetter ist immer noch ein Risiko für die Landwirtschaft. Es kann über Gewinnspannen entscheiden – aber eben nicht mehr über Existenzen.

Dass wir dennoch so viel über das Wetter reden, hat wohl auch damit zu tun, dass die einst existenzielle Bedeutung des Themas in unserem kollektiven Gedächtnis gespeichert ist. Aber auch das kann sich irren: Die Annahme, dass die Sommer früher grundsätzlich besser gewesen seien, lässt sich mit Daten kaum belegen.

Es mag sein, dass es früher häufiger beständige Wetterlagen über Wochen hinweg gegeben hat. Grundsätzlich aber ist im mitteleuropäischen Sommer alles möglich: Hitze, wenn ein südlicher Windstrom heiße Mittelmeerluft direkt zu uns bringt. Oder auch Nachttemperaturen unter zehn Grad, wenn polare Meeresluft über die Nordsee bis in die Mitte Deutschlands durchsickert. Auch der schnelle Wechsel von warm zu kalt, von sonnig zu regnerisch – jeweils eingeleitet von heftigen Gewitterfronten – ist nicht untypisch für einen Sommer in unseren Breitengraden.

Aber mit dem "Zickzack-Sommer" 2015 ist ja ohnehin bald Schluss. Und die weiteren Aussichten? Der Herbst, so sagen die langfristigen Computermodelle der Meteorologen bisher voraus, werde unspektakulär. Nicht zu warm und nicht zu nass.

Man ahnt, dass es dabei nicht bleiben kann.

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Von Redakteur Jörg Kallmeyer