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Fehlt nur ein Klick zum Glück?

"Vom Suchen und Finden der Liebe im Internet" Fehlt nur ein Klick zum Glück?

Millionen Deutsche suchen die Liebe ihres Lebens wie ein Produkt bei Amazon. Menschen werden "geklickt", "geswiped" oder "geliked". Für viele werden die Partnerportale zur neuen Sucht: Statt in der Realität jemanden zu treffen, verlieren sie sich täglich stundenlang in den Weiten des Internets.

Einen neuen Partner kennenzulernen war noch nie ganz einfach. Früher ging man an einen unverfänglichen Ort, etwa eine Bar oder auf eine Party. Man hatte geduscht, sich passend angezogen und kam vielleicht ins Gespräch. Am Ende des Abends hatte man mit Glück eine Telefonnummer, eine Verabredung – oder im besten Fall eine neue Beziehung. Heute gibt es Tinder.

Tinder ist eine Smartphone-App. Zwei Millionen Deutsche nutzen sie – beim Bahnfahren, in der Warteschlange beim Bäcker, vor dem Fernsehgerät sitzend, in der Kaffeepause bei der Arbeit. Das kleine Programm auf dem Handy produziert Flirts innerhalb weniger Sekunden. Zwischendurch und jederzeit. Es zeigt auf Knopfdruck Fotos von kontaktwilligen Menschen in der Umgebung: oft am Badestrand, gelegentlich mit Freunden, gern im Gegenlicht und verträumt in die Kamera blickend.

Nach fünf bis sechs Bildern folgt die große Frage: Sympathisch oder nicht? Wischt der Betrachter nach links über den Bildschirm, sieht er die Person nie wieder. Wischt er nach rechts, signalisiert er Interesse. An einem Austausch per Chat, womöglich auch an einem Treffen in der echten Welt. Es ist eine Welt der brutalen Auslese. Eine der Einsen und Nullen. Hopp oder top, in oder out – in Sekunden. Nur wenn beiderseitig Interesse besteht, zeigt das Telefon einen "Match" – da passen zwei Menschen zueinander.

Rund ein Drittel aller Beziehungen entsteht Studien zufolge schon online. Tinder, das englische Wort für Zunder, ist längst zum Synonym geworden für diesen modernen Flirt. Die Annäherungen sind oft zunächst rein virtuell. Bevor heute in Deutschland ein Kontaktsuchender tatsächlich eine Kontaktsuchende trifft, geht oft ein umfangreicher Datenaustausch voran, mit einigen Megabytes: Hobbys werden beschrieben, Urlaubsfotos herausgesucht, Familienangehörige vorgestellt.

Elektronische Sondierungen lösen das früher übliche erste Kennenlernen ab, mit gesamtgesellschaftlichen Konsequenzen. Schon fragen sich einige Männer, ob es inzwischen fast ein bisschen ungehörig ist, eine Frau anzusprechen und zu einem Getränk oder einem Essen einzuladen, einfach so, ohne vorherigen Datenabgleich.

Flirten war nie so einfach wie heute. Und nie so effizient. Es gibt Tausende Menschen, die durch Tinder und andere Kontaktbörsen im Internet tatsächlich ein neues Leben gefunden haben. Einen neuen Partner, mit dem sie glücklich sind. Und es wird noch mehr Menschen geben, die zumindest einen schönen Abend oder gar eine schöne Nacht gehabt haben. Das ist mehr, als man von einer Handy-App erwarten kann.

Und doch hat der unendliche Strom von Menschen, die sich bereitwillig zeigen, um "geklickt", "geswiped" oder "geliked" zu werden, auch etwas Verstörendes. Es ist oberflächlich, es ist voyeuristisch. Und es ist wie schon bei den guten, alten Kontaktanzeigen: Die Menschen können noch so fröhlich dreinschauen, sie können noch so oft betonen, wie unkompliziert, lebensfroh und reiselustig sie seien – immer denkt man trotzdem: Ja, und was machst du dann hier bei dem Dating-Portal? Geh doch raus ins Leben!

Aber vielleicht ist es ja alles ganz anders. Vielleicht ist Tinder, vielleicht ist das Internet ja längst das Leben. Und wenn Ebay das Kaufhaus ist, Twitter die Tratschkantine, Google die Bibliothek und Facebook der Schulhof, dann ist Tinder die Bar. Tatsächlich zeigen Studien, dass Onlinedater keine bemitleidenswerten Einsiedler sein müssen. Sie sind im Schnitt sogar besser ausgebildet, jünger und besser verdienend als der Durchschnitt. Viele Nutzer suchen auch auf den Flirtportalen nicht auf Gedeih und Verderb einen neuen Partner. Sie wollen vor allem eines: ansprechbar sein.

Und selbst mal jemanden ansprechen. Das Netz baut da einige Hemmungen ab. Eine Freundschaftsanfrage oder eine kleine Textbotschaft bekommt auch der Schüchternste noch zusammen – vor allem, wenn die Maschinen der Datingportale vorher schon Sympathiewerte verglichen und überprüft haben – und signalisieren, dass man sich – rein rechnerisch – eigentlich sympathisch finden müsste.

Brauchen wir also das Internet nun schon, um unsere Liebe zu finden? Ist das nicht ziemlich unromantisch?

Christian Schuldt stellt in seinem Buch "Romantik 2.0. – Vom Suchen und Finden der Liebe im Internet" etwas Paradoxes fest: Gerade das Internet könne zur Renaissance der romantischen Liebe führen. "Weil wir online unerkannt bleiben können, sind wir viel offener für große Gefühle als im ,echten‘ Leben." Zudem lasse der Austausch von Texten per Chat den Gedanken und inneren Werten des anderen mehr Raum. Zumindest von dem Zeitpunkt an, an dem die Vorauswahl per Fotowisch einmal überstanden ist.

Das Prinzip Tinder macht durch seine unendlichen Optionen die Partnersuche zu einer Art Einkauf wie bei Amazon. Was es im Laden um die Ecke nicht gibt, kann man einfach bestellen: weltweit, Lieferung in zwei Tagen, 14 Tage Rückgaberecht.

Was aber, wenn sich der ideale Partner auch in der großen weiten Welt nicht meldet? Oder man ihn nicht erkennt? Manche Tinder-Nutzer berichten schon von einem Sog, gar einer Sucht, immer weitere Fotos anzuschauen. Es könnte mit diesem spannenden Gefühl zu tun haben, dass schon das nächste Foto das Leben verändern kann. Bin ich nur einen Klick vom Glück meines Lebens entfernt? Manche Nutzer verharren in dieser Spannung ohne Ende, sie "swipen" und "liken" tagelang und nächtelang – und wollen sich am Ende für keine der unendlich vielen Optionen entscheiden. Sie bleiben Suchende.

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