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„Als ich noch ein Kind war…

Raimund Vietje / Erinnerungen „Als ich noch ein Kind war…

…wurde der Sport benutzt, um uns an die Ideologien der Machthaber zu gewöhnen“ – Raimund-Maria Vietje weiß, wovon er spricht. 1927 in Bremen geboren, wuchs Vietje in einer schwierigen Zeit auf.

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Raimund Vietje als Baby auf dem Arm seiner Mutter…

Den Krieg lernte er in den letzten Monaten kennen und überlebte. Nach dem Ende des Krieges nahm der Sport einen anderen Platz in seinem Leben ein. Bis heute änderte sich nichts daran, Vietje stellt sich auch im Alter von 85 Jahren noch ziemlich fit dem Leben. Von Heinz-Gerd Arning

 Seinen Geburtsort lernte Vietje nie richtig kennen. Schon 1929 zog die Familie nach Völksen am Deister. Der Wechsel war beruflich bedingt, Vater Hans war Beamter der Reichsbahn und wurde versetzt. Dort wurde Vietje 1934 eingeschult, hatte aber nur wenig Zeit, sich an die Schule zu gewöhnen. 1935 folgte die nächste Versetzung des Vaters. Mit Mutter Maria und zwei Schwestern folgte die Familie, diesmal nach Hannover.

 Dort wurde es dann auch sportlicher. „Du konntest nur was werden, wenn du sportlich was drauf hattest“, erinnerte sich der streng katholisch erzogene Vietje. Aber es gab noch eine Voraussetzung, die das Kind Vietje damals schon besaß: „Eine große Klappe, die ich auch heute noch habe. Ich habe mir schon manches Mal die Zunge verbrannt“, schmunzelt Vietje.

 Wie in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts üblich, ging es in die damals üblichen Nachwuchsorganisationen. Beim Jungvolk sei er gewesen, im sportlichen Angebot war der Dreikampf: Laufen, Werfen, Springen. In der Nordstadt Hannovers war der Fußball nicht hoch im Kurs. „Selbst auf den Straßen nicht“, sagte Vietje. So kam es dann zu einem kurzen Gastspiel als Radballer beim Verein „Diamant“.

 1942 begann die Lehre als Fernmelde-Mechaniker. Kurz vor Kriegsende wurde die Ausbildung unterbrochen. Erst ging es nach Neustadt beim damaligen Danzig zum Arbeitseinsatz. 1944 folgte die Einberufung in eine Panzerdivision. „Wir hatten das Glück, nur im Westen eingesetzt zu werden“, blickte Vietje zurück.

 „Am 13. August 1945 wurde ich in Hannover auf dem Sportplatz von SV Arminia aus englischer Kriegsgefangenschaft entlassen“, sagte Vietje. Vom Entlassungsplatz machte er sich auf die Suche nach seiner Familie, die ausgebombt wurde und Hannover verließ. Damals kam Vietje endgültig ins Schaumburger Land. Seine Familie fand er – auf sehr beengten Verhältnissen untergebracht – aber lebend in Lauenau wieder.

 Von diesem Zeitpunkt, begann sich das Leben zu normalisieren. Seine Lehre beendete Vietje, die Firma existierte noch. 1949 heiratete Vietje seine Elfriede-Marie, zog mit seiner Frau 1950 nach Bad Nenndorf. Jetzt hielt der Sport mit aller Macht Einzug in das Leben der jungen Familie.

 „Was hattest du denn damals? Mehr als Kino gab es nicht“, schilderte Vietje die Umstände, die es dem Sport leicht machten, Raimund und Elfi in seinen Bann zu ziehen. Gemeinsam waren sie Mitbegründer der Tischtennis-Sparte des VfL Bad Nenndorf. Fast zeitgleich begann Vietje mit dem Feldhandball. Besonders der Trainer Rudi Engelking blieb in Erinnerung.

 „Der hat uns getrieben, immer vom Buchenfürst los, hoch und runter. Da kannte er keine Verwandten“, lachte Vietje bei der Erinnerung an die Konditionsarbeit. Feldhandball spielte Vietje beim VfL, bis es in die Hallen ging. Eine Saison war er noch dabei, dann endete die Handballkarriere. Zu brutal sei es zugegangen, so Vietje, das habe er nicht mitmachen wollen.

 1970 wechselte das Ehepaar zum MTV Waltringhausen, 1972 gründete Elfi die Frauenabteilung der Tischtennissparte. Auch sonst lief das Leben für Vietje durchaus erfolgreich. Seit 1951 bei der Bahn angestellt, wechselte Vietje 1958 in die freie Wirtschaft. Unter anderem arbeitete er als Kundendienst-Mitarbeiter für Heißmangeln, Bügelmaschinen und Ähnlichem. Im weiteren Verlauf seines Berufslebens machte er sich als Handelsvertreter für Möbel selbstständig. Vietje spezialisierte sich auf Einbauküchen, bis 1987 der Wechsel in den Ruhestand kam.

 Die erste Aufgabe als Rentner: Vietje machte den Trainerschein. 1996 löste sich die Männer-Tischtennismannschaft des MTV Waltringhausen mangels Spieler auf. Ans Aufhören dachte Vietje nicht, mit 69 Jahren wechselte er noch einmal den Verein.

 Es ging zum TSV Algesdorf, für den Vietje noch heute aktiv an der Platte steht. Seine sportlichen Erfolge als Tischtennis-Spieler können sich sehen lassen. 2009 und 2012 wurde er mit Heinz Pahl und Heinz Podlaß Bezirksmeister im Doppel, im Doppel errang Vietje drei Vizemeisterschaften bei den Landestitelkämpfen. Bis jetzt nahm er auf Landesebene an zwölf Meisterschaften teil.

 In diesem Jahr soll das Dutzend voll werden, dann erstmals in der neuen Männerklasse M85. Tischtennis war beileibe nicht die einzige Sportart, in der Vietje erfolgreich war. 29 Goldene Sportabzeichen nennt er sein Eigen, zahlreiche Urkunden zeugen von der erfolgreichen Teilnahme an Laufwettbewerben. So bewältigte er 1979 bei der 3. World Veterans in Hannover die Marathonstrecke in 3:09,16.

 Vor einigen Jahren starb seine Frau, dem Sport blieb Vietje treu. Noch heute trainiert er zu Hause, beim Fernsehen auf dem Heimtrainer. Das Resümee seines Lebens bis hierher fällt leicht. Er könne gar nicht viel ändern, so Vietje. Eines aber würde er vor allem nicht ändern, denn: „Am meisten danke ich dem lieben Gott, dass er mir meine Elfi geschenkt hat“.

 SN-Serie: Denken Sie auch manchmal zurück an die eigene Kindheit? Die erste Liebe im Sandkasten, das erste Tor auf dem Fußballplatz – oder die heftigen Tränen nach dem ersten schlimmen Sturz mit dem Fahrrad? Die SN bringen heute den nächsten Teil der Serie „Als ich noch ein Kind war ...“ Menschen aus der regionalen Sportszene berichten von ihrer Kindheit – über lustige, traurige und emotionale Begebenheiten. Diesmal ist Raimund-Maria Vietje (85) aus Bad Nenndorf an der Reihe – ein Tischtennisspieler durch und durch.

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