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Sportmix „Trainer wie Klopp haben eine Mitschuld“
Sportbuzzer Sportmix „Trainer wie Klopp haben eine Mitschuld“
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00:15 13.12.2014
Von Heiko Rehberg
„Was Spielabbrüche angeht, war diese Halbserie eine Katastrophe“: Hannovers Schiedsrichter Lehrwarrt Nils-René Voigt. Quelle: HAZ
Hannover

Herr Voigt, am Wochenende haben bei der C-Junioren-Partie zwischen Arminia Hannover und dem Mühlenberger SV 
13- bis 16-jährige Jugendliche von der Gastmannschaft einen Schiedsrichter attackiert. Wie groß ist das Problem der Gewalt gegen Fußball-Schiedsrichter in Hannover?

Sonst ist Gewalt gar nicht so unser Problem. Aber was Spielabbrüche angeht, war diese Halbserie eine Katastrophe. Gefühlt gab es so viele Abbrüche wie in den vergangenen vier Jahren zusammen.

Und das unerfreuliche C-Juniorenspiel am Wochenende ...

… ist das erste Mal, dass uns so etwas in der Jugend die Tür aufstößt, und ich hoffe, es bleibt ein Einzelfall. Emotionen gehören zum Spiel dazu, aber es gibt Grenzen.

Wie erklären Sie sich die Entwicklung? Ist die Hemmschwelle zur Gewalt gegenüber Schiedsrichtern gesunken?

Ich hoffe nicht. Vor zwei Jahren wurde in den Niederlanden ein Linienrichter in einem B-Jugendspiel totgeschlagen. Eigentlich haben wir nach der großen Anteilnahme gedacht, dass nun alle sensibilisiert sind. Anscheinend müssen wir doch noch mehr gegenlenken.

Zur Person

Nils-René Voigt ist nicht nur selbst als Unparteiischer am Wochenende im Einsatz. Der 31-Jährige ist in Hannover-Stadt als Schiedsrichter-Lehrwart tätig und kümmert sich dabei intensiv um junge Unparteiische. Voigt pfeift seit 1997, sein Verein ist Hannover 96. Er arbeitet bei Air Berlin und hofft, dort demnächst abzuheben: Voigt hat seine Fluglizenz bestanden. Dass Reisen zu seinen Hobbys zählt, verwundert daher nicht. Zum Ausgleich spielt er Squash oder Volleyball oder geht gerne Joggen.

Befürchten Sie von solchen Schlagzeilen wie jetzt nach dem Vorfall beim C-Juniorenspiel nicht eine Signalwirkung für Jungschiedsrichter?

Ich hoffe natürlich nicht, und aktuell haben wir in Hannover kein Nachwuchsproblem und noch genug Schiedsrichter – im Gegensatz zu manch anderen Kreisen. Wenn wir Anfang Januar den nächsten Lehrgang haben, werden wir sehen, ob es weniger Neue gibt. Wichtig ist, dass wir nach Geschehnissen wie in 
Bischofshol unsere Schiedsrichter intensiv betreuen.

Lernen Schiedsrichter auf Lehrgängen eigentlich, wie sie mit Extremsituationen umgehen?

Ja, aber das sind natürlich Laborsituationen. Wir machen vor allem Rollenspiele, in denen die Schiedsrichter eine Konfliktsituation lösen müssen ...

Was ist denn, wenn Situationen eben nicht mehr lösbar sind?

Da würden Sie lachen. Meistens spielen die Schiedsrichter selbst die Rollenspiele, dass sich genau diese Situationen eben nicht so einfach lösen lassen, wenn irgendwo ein Spiel abgebrochen werden muss. Sie erhöhen dadurch die Anforderungen an die Kollegen.

Wo liegt denn die Grenze, ab welchem Punkt ein Fußballspiel abgebrochen werden darf?

Das wird bei uns gerade stark thematisiert. Oftmals, vor allem früher, gab es Probleme mit den Sportgerichten, wenn Schiedsrichter angegangen wurden und die Gerichte urteilten, dass Spiele zu früh abgebrochen wurden. Bei den Schiedsrichtern entstand da der Eindruck, dass sie sich erst mal schlagen lassen müssen, bevor sie ein Spiel abbrechen können.

Gab es Ihrer Einschätzung nach Spiele in der Hinserie, die zu früh abgebrochen wurden?

Nein, mir ist im Kreis Hannover-Stadt kein Fall bekannt.

Welche Rolle spielen Trainer in der Bundesliga, die Schiedsrichter manchmal aggressiv kritisieren – und ein Millionenpublikum vor dem Bildschirm guckt Ihnen dabei zu?

Wenn ich Trainer wie beispielsweise Jürgen Klopp oder Thomas Tuchel sehe, wenn sie im Karree springen, dann trifft sie eine Mitschuld. Die Amateure sehen das, es sind ihre Vorbilder, und wenn die das machen, dann glauben sie, dass sie das auch dürfen.

Gibt es Schiedsrichter, die jetzt nicht mehr weitermachen wollen?

Nein, auch Mohammed (Der Schiedsrichter, der beim C-Juniorenspiel in Hannover geschlagen wurde, d. Red.) will weitermachen, und das ist auch die einzig richtige Entscheidung.

Wie wichtig sind für Schiedsrichter 
in der Region Spitzenreferees wie der Burgdorfer Florian Meyer?

Er hat neulich bei uns ein Referat gehalten. Unsere Spitzenschiedsrichter arbeiten eng mit der Basis zusammen, da gucken die jungen Leute schon genau hin. Aber man muss realistisch bleiben. Von 1000 Schiedsrichtern schafft es nur einer in den bezahlten Fußball. 97 Prozent schaffen es nicht über den Kreis hinaus, und trotzdem können Sie jeden Jungschiedsrichter fragen, der würde Ihnen sagen, dass er diese Aufgabe immer wieder annehmen würde

Nach einem Fall wie mit den Mühlenberger Jugendlichen: Haben Sie schon mal überlegt, als Schiedsrichter aufzuhören?

Natürlich, ich hab mir schon öfter Gedanken gemacht. Und logisch, dass man nach so einer Situation noch mal drüber nachdenkt. Aber bislang habe ich mich immer dafür entschieden, weiterzumachen. Und ich möchte niemandem diesen Gefallen tun, aufzuhören. Das bestätigt nur den, der Gewalt ausübt.

Interview: Paul Berten und Heiko Rehberg

So wird man Schiedsrichter

Wie alt muss man sein, um Fußball-Schiedsrichter werden zu können? Wie viel Geld bekommt man dafür, oder wie läuft die Ausbildung? Wir haben die wichtigsten Informationen für künftige Nachwuchsreferees in der Region Hannover zusammengestellt:
Alter: Die Schiedsrichter-Ordnung des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) empfiehlt ein Mindestalter von zwölf Jahren. In Niedersachsen ist das Mindestalter 14 Jahre.

Voraussetzungen: Schiedsrichter-Bewerber müssen Mitglied in einem Fußballverein sein und die Einsatzbereitschaft mitbringen, jährlich mindestens 15 Spielleitungen zu übernehmen und an vier Lehrveranstaltungen pro Saison teilzunehmen.

Ausbildung: Je nach Landesverband sind 20 bis 50 Unterrichtsstunden im Zeitraum von drei bis zwölf Ausbildungstagen innerhalb von einer Woche bis sechs Wochen notwendig. Dabei geht es um eine Einführung in die Grundzüge der Fußballregeln. Vorkenntnisse im Fußball sind von Vorteil, aber keineswegs Pflicht.

Prüfung: Es gibt eine schriftliche (Beantwortung von Regelfragen) und eine körperliche Prüfung (zum Beispiel für Jungen ein 2400-Meter-Lauf in zwölf Minuten).

Einsätze: Je nach Alter im Junioren- und auch schon im Senioren-Bereich, beginnend in den Basisklassen. Erfahrene Kollegen, sogenannte „Paten“, betreuen in der Anfangsphase die Jungschiedsrichter.

Aufstiegsmöglichkeiten: Bei guten Leistungen können auf Kreis- und Bezirksebene zwei Klassen in einem Jahr übersprungen werden. Von den Spielklassen der Landesverbände an benötigt jeder Kandidat pro Spielklasse grundsätzlich ein Jahr. Die Eignung für die höhere Spielklasse wird durch Schiedsrichter-Beobachter festgestellt.

Finanzen: Besonders reizvoll: Bei allen Bundesligaspielen haben Schiedsrichter freien Eintritt. Die Fahrtkosten zu den Spielleitungen werden ersetzt, daneben gibt es abhängig von der Spielklasse Aufwandsentschädigungen zwischen fünf (Schülerspiele), 
300 (Regionalliga), 750 (3. Liga), 
2000 (2. Liga) und 3800 Euro (1. Liga).

Der nächste Lehrgang in Hannover: Der Kreis Hannover des Niedersächsischen Fußballverbands (NFV) bietet vom 5. bis 15. Januar 2015 einen Schiedsrichter-Lehrgang an. In acht Einheiten zu je zweieinhalb Stunden lernen die Teilnehmer die Fußballregeln kennen, um danach die Abschlussprüfung zu bestehen. Anmeldungen sind bis zum 28.  Dezember ausschließlich über die Sportvereine möglich. Auch Hannovers Schiedsrichter-Lehrwart Nils-René Voigt steht unter der E-Mail-Adresse Nils-Rene.Voigt@nfv-kreis-hannover.de für Fragen gerne zur Verfügung.

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