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Auf dem Markt geerntet

SN-Kolumne "Mein Landleben" Auf dem Markt geerntet

Früher, als mein Opa noch lebte, hatte ich jeden Sommer ein Schlaraffenland. Nach Herzenslust konnte ich mich in Opas Garten durch die Beete futtern. Zuerst waren die Möhren dran, die wir Wurzeln nannten. Mein Opa erlaubte mir sogar, die ganz kleinen, noch zarten Möhrchen zu ernten.

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Abendessen wie früher: Mit etwas Fantasie wird die Terrasse zu Opas Garten.

Quelle: Anke Weber

Anke Weber

Zum kulinarischen Erlebnis wurde sommerlicher Wasserspaß gleich mitgeliefert – das Gemüse-Waschen in der Regentonne war eine herrliche Abkühlung. Über die Radieschen und die Erdbeeren naschte ich mich bis zum Hauptgang vor: die Erbsen. Wie eine gefräßige Raupe machte ich mich über die Reihen her. Schließlich bin ich in der Abendsonne noch in den Kirschbaum geklettert, habe mich zwischen den Zweigen festgeklemmt und die Nachtisch-Reste über den Zaun gespuckt. Wenn ich aus Opas Garten kam, war ich satt.

Heute sehne ich mich sehr nach Opas Bauerngarten. Es ist so: Ich habe auch einen Garten. „Wunderschönes Naturgrundstück“ würde ein Immobilienmakler schreiben und insgeheim meinen, dass mal wieder jemand Ordnung machen sollte. Mein Garten ist so sehr Natur, dass sich sogar seltene Tiere wie Blindschleichen und Molche wohlfühlen. Radieschen und Möhren allerdings weniger. Letztes Jahr habe ich immerhin meine eigenen Tomaten gezogen. Sorgfältig hatte ich die Kerne aus meinen Lieblings-Tomaten gesammelt, getrocknet, bis zum Frühjahr aufbewahrt und ausgesät. Erst in Töpfen, dann ins Freiland. Was für eine Arbeit! Voller Stolz habe ich tatsächlich ein paar wohlschmeckende Tomaten geerntet – bis der Urlaub kam. Den Rest hat die Sonne erledigt.

Dieses Jahr ist es anders: Während die Profis bereits ihre Tomaten in den Salat schneiden, lagert mein Saatgut noch im dunklen Gefäß. Irgendwie habe ich den Zeitpunkt verpasst. Nur die Rauke verwöhnt meine Gärtner-Seele. Sie hat sich, ganz praktisch veranlagt, selbst wieder ausgesät. Dennoch: Eine üppige Ernte ist etwas anderes. Deshalb habe ich es neulich mal mit Wildgemüse versucht. Wächst ja reichlich, auf meinem Naturgrundstück! Rezepte gibt es im Internet. Aber ich konnte einfach nicht in diese niedlichen Gänseblümchen beißen. Dem Sauerampfer brachte ich weniger Mitleid entgegen. Ich habe jetzt sogar ein Buch mit Rezepten aus der Wildkräuter-Küche. Brennnessel-Spinat soll ja sehr lecker sein. Während ich mir vornehme, meine Brennnesseln bald zu ernten, werfe ich einen bewundernden Blick in andere Gemüse- und Obstgärten. Paradiesische Zustände herrschen dort. Erbsen hängen üppig vom Busch und Erdbeeren leuchten mir verlockend entgegen. „Jetzt einfach durch die Reihen gehen“, denke ich und fahre stattdessen zum Wochenmarkt nach Stadthagen. Zu Hause breite ich die gekaufte Ernte auf der Terrasse aus, setze mich im Schneidersitz zwischen Erbsen-Schoten und Süßkirschen und futtere mich durch die Reihen – fast wie in Opas Garten.

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Neue SN-Kolumne: Mein Landleben
  • Landleben ist trendy . Neuerdings hat sogar der Stadtmensch seine Liebe zum Land entdeckt und blättert sich sehnsüchtig durch die Hochglanz-Magazine. Anmutig schimmern da die Tautropfen auf prallen Beeren und die hochwertige Rosenschere mit Holzgriff liegt im aufgeräumten Schuppen.
  • Etwas anders stellt sich das Landleben in den Augen unserer Autorin Anke Webe r dar. Die SN-Journalistin hat schon immer auf dem Land gelebt und sieht in jeder üppig blühenden Blume auch den Dreck unter den Fingernägeln. Ihre Eindrücke vom Leben zwischen Steinhuder Meer, Deister und Wesergebirge schildert sie ab sofort jeden Sonnabend in der neuen SN-Kolumne „Mein Landleben“.