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Das Netzwerk der tierischen Unterwelt

Mein Landleben Das Netzwerk der tierischen Unterwelt

Es ist Altweibersommer. Das ist romantisch. Zumindest aus sicherer Entfernung. Die Sonne verbreitet diffuses Licht über den nebligen Wiesen und der Wegesrand erglitzert in einer Hülle aus seidenen Fäden. Was könnte es Schöneres geben, als durch diese verzauberte Landschaft zu spazieren?

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Die Erkenntnis: Zu jedem Glitzer-Netz gehört auch eine Spinne.

Quelle: Anke Weber

Begeistert ging ich mit dem Hund durch den Morgentau. Beim Anblick der in filigranes Netzwerk gehüllten Welt, seufzte mein Wortschatz sofort seine kitschigsten Begriffe in meinen Kopf. Bezaubernd, märchenhaft, hinreißend und magisch fand ich plötzlich den vertrauten Weg. Nur der Hund hatte keinen Sinn für Romantik und zerstörte rücksichtslos das diffizile Werk der Spinnen mit seinen Pfoten. Auch meine romantische Phase sollte nur noch wenige Schritte währen.
Kaum hatte ich ein Waldstück betreten, war ich dem gruseligen Netzwerk der tierischen Unterwelt ausgesetzt. Einem ersten Fangnetz konnte ich noch ausweichen, indem ich mich in letzter Sekunde duckte. Erleichtert atmete ich auf. Mit den Spinnen und mir verhält es sich nämlich so: Als Insektenvertilgungs-Maschinen bringe ich ihnen durchaus Wertschätzung entgegen, ansonsten kann ich in meiner näheren Umgebung gut auf sie verzichten. Mit großem Erstaunen stellte ich an diesem Morgen fest, dass in meinem Hunde-Wald durchaus mehr der ungeliebten Krabbeltiere wohnen, als ich geahnt hatte. Der Spaziergang wurde zum Trimm-Dich-Pfad mit Ekel-Effekt. Nach links ausweichen, nach rechts springen, ducken! Einer Unterwelt-Agentin fiel ich schließlich doch zum Opfer. Ich rannte mitten in ihr Netz – auf Augenhöhe. Vollgepumpt mit Adrenalin wischte ich mir hektisch die Fäden und das Tier aus dem Haar. Nichts wie raus aus dem Wald, zurück in die Zivilisation! Den Rest des Weges hielt ich mit ausgestrecktem Arm einen Knüppel vor mein Gesicht, um weitere Fangnetze niederzukämpfen.
Erleichtert trat ich schließlich aus dem Wald heraus und zupfte angeekelt die spinnigen Reste von meiner Kleidung. Doch nicht einmal zu Hause war ich sicher: Von außen spannte sich bereits ein kunstvolles Netz vor das Büro-Fenster. Ich freute mich geradezu auf die anstehende Autofahrt zu einem Termin. Mein Wagen kam mir vor wie ein Schutzbunker. War das schon Arachnophobie? Ich öffnete die Autotür, stieg ein und steckte den Schlüssel ins Zündschloss. Beim Losfahren griff ich ins Lenkrad – mitten in ein sorgsam gewirktes, riesiges Spinnen-Netz!

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Neue SN-Kolumne: Mein Landleben
  • Landleben ist trendy . Neuerdings hat sogar der Stadtmensch seine Liebe zum Land entdeckt und blättert sich sehnsüchtig durch die Hochglanz-Magazine. Anmutig schimmern da die Tautropfen auf prallen Beeren und die hochwertige Rosenschere mit Holzgriff liegt im aufgeräumten Schuppen.
  • Etwas anders stellt sich das Landleben in den Augen unserer Autorin Anke Webe r dar. Die SN-Journalistin hat schon immer auf dem Land gelebt und sieht in jeder üppig blühenden Blume auch den Dreck unter den Fingernägeln. Ihre Eindrücke vom Leben zwischen Steinhuder Meer, Deister und Wesergebirge schildert sie ab sofort jeden Sonnabend in der neuen SN-Kolumne „Mein Landleben“.