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Die Früchte der Faulheit

Mein Landleben Die Früchte der Faulheit

Der Sommer kam in diesem Jahr immer zur falschen Zeit. Er war da, als nach meiner Zeitrechnung noch Frühjahr war. Ich war mir sicher, dass es sich nur um eine Ausnahme handeln könne – einen oder zwei Tage. Daran, die Sommermöbel startklar zu machen, dachte ich nicht.

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Streuobst im Garten – für diesen kleinen Igel ein Paradies.

Quelle: Anke Weber

Als ich registrierte, dass die Ausnahme zur Phase wurde, holte ich den Gartentisch aus dem Schuppen. Sorgfältig wurde er mit dem Schwingschleifer für eine baldige Ölung vorbereitet. Am nächsten Tag setzte der Regen ein. Ohne Frage – er tat mir leid, der Gartentisch. Aber ich bin Schönwetter-Arbeiterin. Unter 20 Grad wird es schwierig mit der Motivation. Und so blieb der Gartentisch nackt. Ohne Öl und ohne Schutz vor Regen, Wind und Sonne.

Am vergangenen Wochenende, da ich den Sommer schon vergangen glaubte, kam er mit September-Wärme daher. Genüsslich setzte ich mich mit einer Tasse Kaffee an den Gartentisch und stellte fest: Der Tisch muss geölt werden. Viel schlimmer noch – der Tisch muss abgeschliffen werden. Schon wieder! Schnell lenkte ich meinen Blick in eine andere Richtung. Punktgenau landete er auf dem Schilf, das fleißig gegen meinen Arbeitseifer anwächst. Das Schilf habe ich vor Jahren in einem Steinbeet angepflanzt – direkt am Gartenweg zur Haustür. Inzwischen ist der Weg an dieser Stelle kaum noch begehbar. Schon im vergangenen Winter hat das wild wuchernde Gewächs meine Gäste regelmäßig mit einer ordentlichen Ladung Schnee begrüßt. Ursprünglich hatte ich es rechtzeitig abschneiden wollen. Aber auch der Winter kam irgendwie zur falschen Zeit. Dabei hatte ich meiner Freundin in der Stadt bereits im Herbst versprochen, ihr etwas von dem Schilf abzustechen. In ihrem Garten sollte es eine grüne Schallschutzwand bilden. Beschämt gestehe ich: Meine Freundin leidet noch heute unter den Akustik-Absonderungen ihrer Nachbarn. Und ich unter dem erneut hoch gewachsenen Schilf.

Erschlagen von der ganzen Arbeit, die mein Garten mir präsentierte, saß ich also am ungeölten Gartentisch. Mein Blick suchte weiter Ablenkung und landete auf dem zu hoch gewachsenen Rasen. Wegen der vielen Äpfel, die ich immer noch nicht aufgesammelt hatte, war das Mähen unmöglich geworden. Gerade als ich mich seufzend den Äpfeln widmen wollte, kam ein Igel. Er war noch sehr klein und schmatzte sich genüsslich durch meine leuchtende Streuobst-Idylle. Zufrieden ließ ich mich wieder auf meinen ungeölten Gartenstuhl sinken. Die Tierschutz-Heldin in mir trat hervor und kickte das schlechte Gewissen erleichtert ins Jenseits. Die Äpfel bleiben jetzt natürlich liegen. Ich schicke doch keine unterernährten Baby-Igel in den kalten Winter!

Anke Weber

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Neue SN-Kolumne: Mein Landleben
  • Landleben ist trendy . Neuerdings hat sogar der Stadtmensch seine Liebe zum Land entdeckt und blättert sich sehnsüchtig durch die Hochglanz-Magazine. Anmutig schimmern da die Tautropfen auf prallen Beeren und die hochwertige Rosenschere mit Holzgriff liegt im aufgeräumten Schuppen.
  • Etwas anders stellt sich das Landleben in den Augen unserer Autorin Anke Webe r dar. Die SN-Journalistin hat schon immer auf dem Land gelebt und sieht in jeder üppig blühenden Blume auch den Dreck unter den Fingernägeln. Ihre Eindrücke vom Leben zwischen Steinhuder Meer, Deister und Wesergebirge schildert sie ab sofort jeden Sonnabend in der neuen SN-Kolumne „Mein Landleben“.