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Die Hierarchie beim Kranzbinden

Landkreis / Landleben-Kolumne Die Hierarchie beim Kranzbinden

Die neue Landleben-Kolumne von Anke Weber beschäftigt sich in dieser Woche damit, dass einem auch das Kranzbinden bei einer Goldenen Hochzeit die Prüfungsangst in die Glieder fahren lassen kann.

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Das erste Mal Kranzbinden – manchmal landete auch die Fingerspitze vom Arbeitshandschuh im Gebinde.

Quelle: Anke Weber

Landkreis. Neulich war ich zu einer Goldenen Hochzeit eingeladen. Eine Art Prüfungsangst fuhr mir in die Glieder, als es hieß, ich solle auch beim Kranzbinden helfen. Obwohl ich ein Landkind bin, hatte ich erst ein einziges Mal beim Kranzbinden zugesehen. Meine Vorstellung von den zu erledigenden Arbeiten war recht vage. Kurz vor dem Termin ereilte mich die Anfrage, ob ich Fotos machen könne. Innerlich jubelte ich auf. Mit diesem Auftrag konnte ich umgehen! Dennoch: Gänzlich würde ich mich der Binderei nicht entziehen können.

Kurz vor der Abfahrt raffte ich ein paar Arbeitshandschuhe für meine jugendliche Beifahrerin und mich zusammen. Hätten wir eine Kiste Bier mitbringen sollen? Die Beifahrerin wischte meine Planlosigkeit mit einem tröstenden „wir sind eben nicht so gut in Landleben“ beiseite und tat, als würde es sich um einen hoffnungslosen Fall wie Mathe handeln! Als wir auf den Hof fuhren, war die Gesellschaft bereits bei der Arbeit. Verunsichert trat ich zwischen emsigen Menschen und Tannengrün unter dem Schauer herum. Vorerst half die Fotografen-Arbeit aus der Verlegenheit.Beim Blick durch den Sucher lernte ich die erste Lektion: Die geheime Kranzbinder-Hierarchie. Als produzierendes Gewerbe hatten die Draht-Verbraucher offenbar das Sagen. Die eigentlichen Könner waren die Anreicher. Sie bestimmten über Länge und Dicke der kleinen Bündel aus Tannengrün und somit über die Beschaffenheit des Kranzes. Schnell war klar: Ich musste mir einen Platz bei der schnippelnden Zunft erobern! Leider wurde nach Bedarf und nicht nach Wunsch eingeteilt. Mit einem Kranz-Ende zwischen den Knien fand ich mich auf einer Bank wieder.

Nach kurzer Einweisung wurde ich zwei Anreicherinnen überlassen. Ich wickelte und zog, ordnete, zupfte, band und zurrte. Schweiß trat mir auf die Stirn – irgendjemand hatte die Anreicherinnen auf maximale Geschwindigkeit programmiert. Mehrfach klemmte ich die Fingerspitzen meines Arbeitshandschuhs zwischen Grünzeug und Draht ein. Und warum lugte bei mir immer die weiße Unterseite der Tannennadeln hervor? Konzentriert optimierte ich meine Wickeltechnik, erhöhte die Geschwindigkeit und fragte mich, wie der ältere Herr am anderen Ende des Kranzes so entspannt arbeiten und nebenbei noch scherzen konnte. Endlich lag der Kranz wie eine sich windende Schlange auf dem Beton-Fußboden – fertig für seinen schmucken Einsatz zur Goldenen Hochzeit. Geschafft!

Auf der Rückfahrt verspürte ich einen Anflug von Stolz und fühlte mich perfekt gerüstet für die Weihnachtszeit. Bisher hatte ich der adventlichen Kranz-Binderei mit unkonventionellen Eigen-Kreationen ein Schnippchen geschlagen. Das habe ich dieses Jahr nicht mehr nötig. Pünktlich zum ersten Advent werde ich einen RICHTIGEN Adventskranz binden. Ich bin ja jetzt Profi.

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Neue SN-Kolumne: Mein Landleben
  • Landleben ist trendy . Neuerdings hat sogar der Stadtmensch seine Liebe zum Land entdeckt und blättert sich sehnsüchtig durch die Hochglanz-Magazine. Anmutig schimmern da die Tautropfen auf prallen Beeren und die hochwertige Rosenschere mit Holzgriff liegt im aufgeräumten Schuppen.
  • Etwas anders stellt sich das Landleben in den Augen unserer Autorin Anke Webe r dar. Die SN-Journalistin hat schon immer auf dem Land gelebt und sieht in jeder üppig blühenden Blume auch den Dreck unter den Fingernägeln. Ihre Eindrücke vom Leben zwischen Steinhuder Meer, Deister und Wesergebirge schildert sie ab sofort jeden Sonnabend in der neuen SN-Kolumne „Mein Landleben“.