Volltextsuche über das Angebot:

8 ° / 3 ° Regenschauer

Navigation:
Ein Abend mit Molch

Mein Landleben Ein Abend mit Molch

Es ist Herbst. Alle sprechen über Igel. Darüber, wie die Tiere überwintern und was der Mensch machen soll, wenn er einen kleinen Igel findet. Ich bin bestens informiert. Aber was ist mit Molchen? Da bin ich ahnungslos. Was soll ich tun, wenn ein Molch vor meinem Sofa erscheint?

Voriger Artikel
Kastanien wecken Sammellust
Nächster Artikel
Nord-Schaumburger Spätlese

Für einen winzigen Moment hat der Molch die Wärme des Laptops genossen.

Quelle: pr.

Es war zur besten Fernseh-Sendezeit. Turbulente Tage auf der Frankfurter Buchmesse lagen hinter mir. Das Sofa, ein Glas Rotwein, der Fernseher und ich – das war mein Entspannungsplan. Dann rief meine Freundin an. Erfreut drehte ich den Ton des Fernsehers ab. Ein Gespräch mit ihr steckte das Fernsehprogramm dreimal in die Tasche. Auf der Matte gegenüber schnaufte der Hund. Im Ofen loderte das Feuer. Abend-Idylle. Dann, plötzlich, bemerkte ich eine Bewegung auf dem Fußboden. Einen Schatten, der über das Parkett huschte. Nur aus dem Augenwinkel wahrgenommen. Ich nenne es normalerweise Spinnen-Schreck-Sekunde. Aber das war es nicht. Ausnahmsweise. Obwohl aktuell viele Behaarte mein Haus aufsuchen und ich sie tapfer, mit Glas und Pappe bewaffnet, wieder einfange und hinaustrage. Gänsehaut auf dem Arm inbegriffen.

Sachlich und ohne den üblichen Schreck sagte ich zu meiner Freundin am Telefon: „Da ist ein Molch vor meinem Sofa.“ Sie lachte ungläubig. Ich rannte in die Küche und holte ein Glas. Eine Weile zuvor hatte ich beim Nachhausekommen im Eingang diesen Moment gehabt. Im Vorbeigehen hatte ich für eine Hundertstelsekunde geglaubt, einen Molch gesehen zu haben. Konnte natürlich nicht sein. Musste ein Laubblatt sein. Ich hatte mir nicht die Mühe gemacht, mich zu bücken und nachzusehen. Ein Molch im Haus – absurd. NUN konnte es eben doch sein. Er hatte über eine Stunde für den Weg von der Haustür bis ins Wohnzimmer gebraucht. Ich klemmte mir das Telefon zwischen Ohr und Schulter, bot dem Molch das Glas an und der Kleine krabbelte ohne Widerstand hinein.

Und nun? Sollte ich ihn zurück in den Garten setzen? Hatte er bereits sein Überlebensgewicht zur Überwinterung erreicht? Gibt es das bei Molchen? Wie bei den Igeln? Was machen Molche im Winter? Einbuddeln und schlafen – wie die Igel – da war ich mir sicher. Winterstarre oder so. Aber können sie, wie die Igel, auch zu klein oder zu schwach sein? Muss ihnen geholfen werden? Meine Freundin lachte immer noch ungläubig. Ich setzte mich an meinen Computer und recherchierte. Plötzlich war ich unsicher. So viele Bilder im Internet. War es überhaupt ein Molch? Und wenn ja, welcher? Teichmolch oder Fadenmolch? Mein Hausgast versuchte, die Glaswand zu erklimmen. Armer Molch. Ich legte das Glas in die Waagerechte. Meiner Recherche gemäß entschied ich, den Kleinen wieder in den Garten zu bringen, ganz nach hinten, wo es große Laub- und Steinhaufen gibt. Er strebte zur Schreibtischlampe. Dorthin, wo es schön warm war. Sein Weg führte quer über meinen Laptop. Dort war es auch schön warm. Und das ist der Grund, weshalb auf meiner Tastatur für einen kurzen Moment ein Molch saß.

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Möchten Sie uns zu diesem Artikel Ihre Meinung sagen? Dann schicken Sie uns einen Leserbrief.

Leserbrief schreiben
Neue SN-Kolumne: Mein Landleben
  • Landleben ist trendy . Neuerdings hat sogar der Stadtmensch seine Liebe zum Land entdeckt und blättert sich sehnsüchtig durch die Hochglanz-Magazine. Anmutig schimmern da die Tautropfen auf prallen Beeren und die hochwertige Rosenschere mit Holzgriff liegt im aufgeräumten Schuppen.
  • Etwas anders stellt sich das Landleben in den Augen unserer Autorin Anke Webe r dar. Die SN-Journalistin hat schon immer auf dem Land gelebt und sieht in jeder üppig blühenden Blume auch den Dreck unter den Fingernägeln. Ihre Eindrücke vom Leben zwischen Steinhuder Meer, Deister und Wesergebirge schildert sie ab sofort jeden Sonnabend in der neuen SN-Kolumne „Mein Landleben“.