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Goldene Tage

Meine Landleben Goldene Tage

Viel Sonne haben die Weintrauben dieses Jahr nicht bekommen. Trotzdem waren sie jetzt reif. Ein bisschen zu säuerlich, um sie direkt zu essen. Aber viel zu üppig und zu schön, um sie einfach den Vögeln zu überlassen. Also haben mein Mann und ich geerntet. Weil der Oktobertag sehr golden war, leuchteten die Trauben wie im Bilderbuch.

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Üppige Weintrauben-Ernte – handverlesen.

Quelle: Weber

Abwechselnd standen wir auf der Leiter und haben sie abgeschnitten. Wir hatten einen neuen Plan, nachdem unser selbst gemachter Traubensaft im Jahr zuvor nicht sehr schmackhaft geworden war. Dieses Jahr hieß unsere Mission: roter Weintraubenlikör.

Unsere Ernte war recht üppig. Fast zwei Stunden brauchten wir, um die Trauben zu ernten. Dann fingen wir mit der Auslese an. Das war so ähnlich wie früher beim Erbsenpulen. Wir saßen nebeneinander in der Sonne, vor uns der große Korb mit Trauben und zwischen unseren Beinen jeweils zwei Eimer – einer für die guten und einer für die schlechten Trauben und die Stängel. Wir arbeiteten still, fummelten die Früchte ab, sortierten sie in die Eimer, ließen uns die Sonne auf die Schultern und ins Gesicht scheinen und waren eins mit uns und dem Tag. Neben uns lag der Hund und schnaufte oder schnupperte einer aus dem Eimer befreiten Raupe hinterher. Konnte es noch besser werden? Es konnte.

Weintrauben mit der Hand zwerquetschen

Im nächsten Schritt der Likör-Herstellung sollte nämlich gematscht werden. Wir durften – ja, sollten sogar – alle Weintrauben mit den Händen in einem Bottich zerquetschen. Das war wie eine Zeitreise. Motto: Zurück in die Kindheit. Was für ein Spaß. Eigentlich war es sogar noch besser. Früher durfte man nämlich keine Trauben zermatschen. Für eine derartige Missetat erntete man strenge Blicke und die Zurechtweisung „Mit Essen spielt man nicht“.

Aber nun war es ja kein Spiel mehr, sondern die wichtige Herstellung eines äußerst erwachsenen Getränks. Und plötzlich war Essenzermatschen ganz legal. Ich tat es voller Wonne. Die übrigen Schritte der Likör-Herstellung hatten mit Erhitzen und viel Zucker zu tun. Schließlich wurde der aufgekochte Saft durch ein Sieb gegossen, mit Rum gemischt und in Flaschen gefüllt. Angeblich kann man den Likör sofort trinken. Besser soll er aber schmecken, wenn man ihn eine Weile lagert. Zu Weihnachten müsste er genau das richtige Aroma haben. Dieses Jahr kann ich es kaum erwarten. Zum ersten Mal in meinem Leben gibt es nämlich roten Weintraubenlikör aus eigener Herstellung. Und wenn ich ihn trinke, dann werde ich an einen goldenen Tag im Oktober denken, an dem alles goldrichtig war.

Anke Weber

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Neue SN-Kolumne: Mein Landleben
  • Landleben ist trendy . Neuerdings hat sogar der Stadtmensch seine Liebe zum Land entdeckt und blättert sich sehnsüchtig durch die Hochglanz-Magazine. Anmutig schimmern da die Tautropfen auf prallen Beeren und die hochwertige Rosenschere mit Holzgriff liegt im aufgeräumten Schuppen.
  • Etwas anders stellt sich das Landleben in den Augen unserer Autorin Anke Webe r dar. Die SN-Journalistin hat schon immer auf dem Land gelebt und sieht in jeder üppig blühenden Blume auch den Dreck unter den Fingernägeln. Ihre Eindrücke vom Leben zwischen Steinhuder Meer, Deister und Wesergebirge schildert sie ab sofort jeden Sonnabend in der neuen SN-Kolumne „Mein Landleben“.