Volltextsuche über das Angebot:

8 ° / 3 ° wolkig

Navigation:
Haus am See

Leben auf dem Hurricane-Festival Haus am See

Es gibt dieses Lied von Peter Fox – Haus am See. Das hat meine Freundin von ihrer Playlist gespielt, als wir am vergangenen Wochenende zum Hurricane-Festival nach Scheeßel gefahren sind.

Voriger Artikel
Tofu-freie Zone
Nächster Artikel
Glück pflücken

Idyllisches Landleben in winzigen Häusern mit 78.000 lauten Nachbarn.

Quelle: Weber

Wir haben mitgesungen, als die Welt hinter uns langsam klein wurde. Die Welt vor uns war für uns gemacht und es fühlte sich an, als hätten wir Rückenwind – auch, wenn der Seitenwind den VW-Bus auf der Autobahn ziemlich geschüttelt hat. Am Ende der Straße stand dann unser Haus am See – der für drei Tage geparkte VW-Bus inmitten von Pfützen. Tiny Houses, also winzige Häuser, sind im Moment sehr angesagt. Menschen reduzieren ihre Besitztümer und ziehen in Bauwagen oder Container. Minimalismus macht frei, heißt es. Wenn ich mein Hurricane-Wochenende so betrachte, dann stimmt das auch.

 Es fing schon mit dem Outfit an. Ab dem zweiten Tag war Styling egal. Es wurde angezogen, was noch halbwegs trocken war. Zu treffen waren nur noch elementare Entscheidungen. Welche Band höre ich gleich? Gefolgt von: Was esse ich? Wo bekomme ich das nächste Getränk? Wo ist das nächste Dixi-Klo? Festivals sind quasi Urlaub von den eigenen Gedanken. Es wird nur der Moment gelebt. Fremde Gesichter überall. Und trotzdem fühlen sich alle vereint in ihrer Festival-Freude und der Liebe zur Musik. Meine Freundin und ich haben mit diesen Fremden gequatscht, getanzt, gelacht und getrunken. Wir haben die Songs von Flogging Molly, Greenday und Blink-182 mitgegrölt.

 Nachts, wenn die letzte Band von der Bühne ging, zogen alle zu ihren winzigen Unterkünften. Es lagen keine Orangenbaumblätter auf dem Weg, nur Bierdosen und Plastik. Aber so ist es eben, wenn man es macht, wie Herr Fox es sich vorstellt: Wir grillen, saufen Schnaps und feiern jede Nacht.

 Als ich wieder zu Hause war und im Internet die Bilder vom Festival ansah, entdeckte ich eine lustige Immobilien-Anzeige: „Haus am See mit netten Nachbarn“. Standort: Scheeßel, direkt auf dem Hurricane-Gelände. Zwar renovierungsbedürftig, aber es gab Gartenmitbenutzung, eine offene Küche, Bad mit Dusche und Gäste-WC, Fernblick und das Haus war WG-geeignet. Weiter hieß es: „In diesem Neubaugebiet können Sie sich auf Ihre Nachbarschaft verlassen. Auch wenn man sich auf einen gewissen Lärmpegel einstellen muss, so steht ein herzlicher Umgang mit den direkten Nachbarn im Vordergrund.“ Mein Traumhaus. Nächstes Jahr ziehe ich wieder ein.

Von Anke Weber

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Möchten Sie uns zu diesem Artikel Ihre Meinung sagen? Dann schicken Sie uns einen Leserbrief.

Leserbrief schreiben
Neue SN-Kolumne: Mein Landleben
  • Landleben ist trendy . Neuerdings hat sogar der Stadtmensch seine Liebe zum Land entdeckt und blättert sich sehnsüchtig durch die Hochglanz-Magazine. Anmutig schimmern da die Tautropfen auf prallen Beeren und die hochwertige Rosenschere mit Holzgriff liegt im aufgeräumten Schuppen.
  • Etwas anders stellt sich das Landleben in den Augen unserer Autorin Anke Webe r dar. Die SN-Journalistin hat schon immer auf dem Land gelebt und sieht in jeder üppig blühenden Blume auch den Dreck unter den Fingernägeln. Ihre Eindrücke vom Leben zwischen Steinhuder Meer, Deister und Wesergebirge schildert sie ab sofort jeden Sonnabend in der neuen SN-Kolumne „Mein Landleben“.