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Kartoffelkäfer-Zeiten

Mein Landleben Kartoffelkäfer-Zeiten

Ein Spaziergang mit dem Hund hat mich neulich direkt in die Vergangenheit befördert. Wir kamen an einem Kartoffelfeld vorbei. Und plötzlich sah ich ziemlich viele Kartoffelkäfer. Da ich nichts mit Kartoffelanbau zu tun habe, war das ein seltener Anblick für mich.

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Der Kartoffelkäfer – gleichzeitig Schädling und Erinnerungsträger.

Quelle: Anke Weber

 Aber nun knabberten die hübsch gestreiften Käfer direkt vor meinen Augen an den Blättern herum. Sofort überkam mich das Gefühl, etwas unternehmen zu müssen. Intuitiv wollte ich die Käfer einzusammeln. Wahrscheinlich eine frühkindliche Prägung. Schon aus Mangel an einem entsprechenden Behältnis nahm ich von dieser spontanen Idee Abstand. Dennoch setzte die Begegnung mit den Kartoffelkäfern augenblicklich Erinnerungen an meine Kindheit frei.

Da war der Bauerngarten meines Opas mit Kirschen, Pflaumen Erbsen, Mohrrüben, Radieschen, Himbeeren, Erdbeeren, Stachelbeeren und eben Kartoffeln. Normalerweise ließen mich meine Großeltern in Ruhe und ich durfte mich ungehemmt durch die Beete futtern. Ungefähr so wie ein Kartoffelkäfer. Nur manchmal, wenn die Arbeit überhand nahm, wurde ich mit eingespannt. Ich pulte Erbsen, schnippelte Bohnen oder entkernte Sauerkirschen, was eigentlich immer eine riesige Sauerei war. Wir machten Himbeersaft und Johannisbeer-Most, indem die Beeren in Leinentüchern aufgehängt und regelmäßig per Hand gequetscht wurden.

Manche Aufgaben erledigte ich mit Freude. Zum Beispiel das Quetschen der Beeren. Andere Aufgaben entlockten mir eher ein Murren. Das Einsammeln von Kartoffelkäfern begann voller Motivation, weil ich dafür eine finanzielle Belohnung bekam. Ich glaube es war ein Pfennig pro Käfer. Doch spätestens nach der dritten Kartoffelreihe zog die Sache mit dem Geld nicht mehr so richtig. Die Käferlarven fand ich eklig und die ganz nett anzusehenden Käfer taten mir leid. Sie wurden nämlich den Hühnern zum Fraß vorgeworfen und das fanden eigentlich nur die Hühner toll. Aber es leuchtete mir ein, dass Kartoffelkäfer Schädlinge waren, und es gefiel mir auch ganz gut, mit dem verdienten Geld anschließend im Dorfladen ein Wassereis oder Lakritzschnecken zu kaufen. Abgesehen davon liebte ich die anschließende Anerkennung.

Für ein Gläschen voller Kartoffelkäfer gab es nämlich eine große Portion Lob. Als Kartoffelkäfer-Sammlerin wurde man quasi als Heldin gefeiert. Das fand ich gut. Besonders, weil es viel einfacher war, als sich Anerkennung durch das Lösen von Matheaufgaben zu verdienen. Tatsächlich war ich in Mathe dann auch nie eine Heldin. Wahrscheinlich, weil ich so viele Kartoffelkäfer sammeln musste.

Anke Weber

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Neue SN-Kolumne: Mein Landleben
  • Landleben ist trendy . Neuerdings hat sogar der Stadtmensch seine Liebe zum Land entdeckt und blättert sich sehnsüchtig durch die Hochglanz-Magazine. Anmutig schimmern da die Tautropfen auf prallen Beeren und die hochwertige Rosenschere mit Holzgriff liegt im aufgeräumten Schuppen.
  • Etwas anders stellt sich das Landleben in den Augen unserer Autorin Anke Webe r dar. Die SN-Journalistin hat schon immer auf dem Land gelebt und sieht in jeder üppig blühenden Blume auch den Dreck unter den Fingernägeln. Ihre Eindrücke vom Leben zwischen Steinhuder Meer, Deister und Wesergebirge schildert sie ab sofort jeden Sonnabend in der neuen SN-Kolumne „Mein Landleben“.