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Pilze pflücken

Mein Landleben / Das Glück der Orientierungslosigkeit Pilze pflücken

Ich habe sie schon exakt einen Tag zuvor gerochen. Der Waldboden war feucht, die Luft noch mild und ich wusste genau, dass sie da sind, die Pilze. Aber ich konnte sie nicht sehen. Keinen einzigen. Dabei ist es ein ungeschriebenes Gesetz: Zuerst kommen die Altweiber-Spinnen, dann die Pilze.

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Quelle: Anke Weber

Und die Spinnen hatten sich mir schon seit Tagen in den Weg gehängt. Millimeter für Millimeter untersuchte ich das Unterholz, der Hund zog an der Leine und war kurz davor, seine Geduld zu verlieren, doch einen Pilz fand ich nicht.
Dennoch nahm ich am nächsten Tag erwartungsvoll mein Messer und ein Körbchen mit auf den Hundespaziergang. Der Pilzgeruch war eindeutig intensiver geworden. Kaum hatte ich das Dickicht betreten, erspähte ich einen winzigen Steinpilz. Er war noch ganz neu, kaum so groß wie ein Fingernagel. Unentschlossen stand ich vor diesem niedlichen Exemplar. Sollte ich ihn ernten? Was wäre, wenn er der einzige bleiben und keine Verwendung finden würde? Zu schade, beschloss ich und ging weiter. Im nächsten Moment sah ich den nächsten Pilz. Dann noch einen. Und noch einen. Obwohl ich – abgesehen von meinem Hund – alleine unterwegs war, entfuhren mir kleine Freuden-Ohs. Schnell lief ich zum ersten Pilz zurück und schnitt ihn vorsichtig ab.
Mein Pilzglück kannte keine Grenzen. Der ganze Wald war voll. Und alle Exemplare waren noch frisch und fest. Keine Schneckenspuren, keine fauligen Stellen. Obwohl auf dem Schreibtisch jede Menge Arbeit auf mich wartete, erntete ich in aller Seelenruhe Pilze. Soviel Zeit musste sein. Ich vergaß sie sogar für eine Weile, die Zeit, und verlor mich ganz in meiner Pilz-Freude. Schritt für Schritt ging ich weiter. Bis sie mir wieder einfielen – die Zeit und der Schreibtisch. Mit einem gefüllten Pilz-Korb beschloss ich, nun endlich nach Hause zu gehen.
Zum ersten Mal seit – wie lange eigentlich? – sah ich mich in dem mir recht vertrauten Wald um, wählte eine Richtung und stapfte los. Aber wo war die Straße? Ich ging und ging, der Hund verwickelte sich mit der Leine an Bäumen, die Pilze kullerten aus dem Korb, ich sammelte sie wieder ein und noch immer hatte ich keine Ahnung, an welcher Stelle im Wald ich mich befand. Was hatte ich schon über Pilzsammler geschmunzelt, die sich im Wald verlaufen hatten. Das würde ich definitiv nicht wieder machen, das schwor ich mir in diesem Moment. Entschlossen stapfte ich auf eine helle Stelle zu und erreichte irgendwann einen Weg, den ich erkannte. Ich hatte noch eine weite Strecke vor mir. Zu Hause stellte ich fest, dass fast drei Stunden vergangen waren. Die Pilze hatten mir jede Menge Freizeit und Bewegung an der frischen Luft verschafft. Und plötzlich war mir alles klar: Glückspilze sind Menschen, die beim Pilzesammeln Zeit und Raum vergessen.

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Neue SN-Kolumne: Mein Landleben
  • Landleben ist trendy . Neuerdings hat sogar der Stadtmensch seine Liebe zum Land entdeckt und blättert sich sehnsüchtig durch die Hochglanz-Magazine. Anmutig schimmern da die Tautropfen auf prallen Beeren und die hochwertige Rosenschere mit Holzgriff liegt im aufgeräumten Schuppen.
  • Etwas anders stellt sich das Landleben in den Augen unserer Autorin Anke Webe r dar. Die SN-Journalistin hat schon immer auf dem Land gelebt und sieht in jeder üppig blühenden Blume auch den Dreck unter den Fingernägeln. Ihre Eindrücke vom Leben zwischen Steinhuder Meer, Deister und Wesergebirge schildert sie ab sofort jeden Sonnabend in der neuen SN-Kolumne „Mein Landleben“.