Volltextsuche über das Angebot:

6 ° / 4 ° Regen

Navigation:
Schnecken sammeln

Mein Landleben Schnecken sammeln

Seit einer Weile finde ich ständig Schnecken im Garten. Solche mit Haus. Als Kinder haben wir die gesammelt. Ein etwas merkwürdiges Hobby, aber damals hatte man auf dem Dorf noch ausreichend Langeweile und keinen umfassenden Freizeitplan mit Klavierunterricht und Tennis. 

Voriger Artikel
Wahlsonntag
Nächster Artikel
Winterflüchtlinge

Vermehrte Schneckenfunde erinnern an eine Kindheitsgeschichte.

Quelle: Anke Weber

Keine Ahnung, was uns an den Schnecken fasziniert hat. Vermutlich hatten wir alle einfach keinen Hund und kein Pony. Jedenfalls bauten wir Mädchen ihnen Häuser aus Schuhkartons, in die wir Luftlöcher bohrten und die wir mit Gras und Blümchen auslegten. Oft waren die Schnecken am nächsten Morgen weg. Wahrscheinlich waren unsere Eltern manchmal nachtaktiv, das ist nicht auszuschließen. Irgendwann zogen wir Freundinnen mit dem Bollerwagen ins Feld und fanden ungewöhnlich viele Schnecken. Wir waren wie im Rausch. Etwa wie beim Pilzesammeln, wenn man gar nicht mehr aufhören kann vor lauter Finderglück. Wir stopften den Bollerwagen mit Gras voll und legten unsere Schützlinge sorgfältig in ihr grünes Bett. Auf dem Rückweg waren wir unentwegt damit beschäftigt, die Schnecken zu hüten. Mit unserem Vehikel zogen wir zu meinem Opa, parkten den Bollerwagen zwischen Gemüse- und Blumenbeet und ließen uns gerne von meiner Oma zu Kuchen und Kakao ins Haus rufen.

Der Kuchen schmeckte so gut, dass wir die Schnecken völlig vergaßen. Dass unsere Schützlinge den Bollerwagen während unserer Abwesenheit verlassen hatten, nahmen wir gelassen und zogen, den Bauch voller Kuchen, wieder nach Hause. Weil am nächsten Tag neue Abenteuer warteten, sprach niemand mehr über die Schnecken. Außer mein Opa. Er regte sich über eine Schneckenplage auf, traf aber auf wenig Verständnis, weil es sich offenbar um ein örtlich begrenztes Problem handelte. Wir Kinder ließen uns gerade mal wieder von meiner Oma verwöhnen, als wir Zeugen eines solchen Anfalls wurden. Mein Opa regte sich auf, wo all die Schnecken herkommen würden und warum sie nur bei ihm im Garten seien. Betreten sahen wir uns an. Mein Opa wurde misstrauisch und fragte schließlich, was eigentlich in dem Bollerwagen war. Vor Lachen prusteten wir unseren zerkauten Kuchen auf den Tisch.

Und jetzt entdecke ich plötzlich jeden Tag mehr und mehr Schnecken in meinem Garten. Sogar im Briefkasten saßen sie schon. Ob es etwas mit den Kindern zu tun hat, mit denen ich kürzlich am Gartenzaun geplaudert habe? Sie hatten einen Bollerwagen dabei. Aber inzwischen vermute ich, dass es eher ein Gefahrguttransporter war.

Anke Weber 

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Möchten Sie uns zu diesem Artikel Ihre Meinung sagen? Dann schicken Sie uns einen Leserbrief.

Leserbrief schreiben
Neue SN-Kolumne: Mein Landleben
  • Landleben ist trendy . Neuerdings hat sogar der Stadtmensch seine Liebe zum Land entdeckt und blättert sich sehnsüchtig durch die Hochglanz-Magazine. Anmutig schimmern da die Tautropfen auf prallen Beeren und die hochwertige Rosenschere mit Holzgriff liegt im aufgeräumten Schuppen.
  • Etwas anders stellt sich das Landleben in den Augen unserer Autorin Anke Webe r dar. Die SN-Journalistin hat schon immer auf dem Land gelebt und sieht in jeder üppig blühenden Blume auch den Dreck unter den Fingernägeln. Ihre Eindrücke vom Leben zwischen Steinhuder Meer, Deister und Wesergebirge schildert sie ab sofort jeden Sonnabend in der neuen SN-Kolumne „Mein Landleben“.