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Wahlsonntag

Mein Landleben Wahlsonntag

Ich habe eine Einladungskarte bekommen – zum wohl größten Gemeinschafts-Event der Bundesrepublik Deutschland. Bevor ich volljährig war, habe ich diese Einladung herbeigesehnt. Ich wollte dazugehören, wenn sich Millionen Menschen auf den Weg machten, um einen neuen Bundestag zu wählen.

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Wahllokal Dorfkneipe: Nach der Wahl ein Bier.

Quelle: Weber

Ich erinnere mich genau an diese Sonntage, an denen mein Vater in aller Frühe aufbrach, um als Wahlhelfer seinen Dienst anzutreten – frisch gebadet und im weißen Hemd. Das Wahllokal war damals die Dorf-Kneipe. Dort gab es einen Erdnuss-Automaten und das fand ich schon grundsätzlich toll. Überhaupt war das ganze Dorf auf den Beinen.

Zur Wahl zu gehen, das war äußerst wichtig und erwachsen. Davon zeugte schon die Kleidung. Man latschte nicht in Trainingshose oder Gartenschuhen zur Wahl, sondern zog sich dem Anlass entsprechend an. Die meisten Leute gingen erst in die Kirche und dann ins Wahllokal. Und weil in der Kneipe gewählt wurde, war es nur folgerichtig, nach der Entscheidung noch ein Bier zu trinken.

Natürlich sollten auch die Wahlhelfer nicht verdursten und bekamen das ein oder andere Pils in den Wahlraum gereicht. Ihnen außerdem etwas Geld zuzustecken, damit sie abends gemeinsam essen konnten, war selbstverständlich. Meine Freunde aus der Stadt kommentierten diese Sitte mit „Beeinflussung von Wahlorganen“ und verzogen das Gesicht. Aber in der Stadt kennt der Wähler seinen Wahlhelfer auch nicht. Auf dem Dorf ist das anders. Allein aus Dankbarkeit, nicht selbst Wahlhelfer sein zu müssen, war der Rest des Dorfes bereit, den Kumpels für den Feierabend einen auszugeben. Ein Akt der Freundschaft.

Jedenfalls habe ich jetzt schon zum wiederholten Mal die damals ersehnte Einladung bekommen. Und ich werde sie nicht ausschlagen. Warum auch? Man muss ja noch nichtmal ein Geschenk besorgen oder Eintritt zahlen. Keine Ahnung, warum bei der Bundestagswahl 2013 nur 44 Millionen Menschen von knapp 62 Millionen Wahlberechtigten gewählt haben. Aber immerhin. In der Rangliste der Ereignisse steht die Bundestagswahl damit noch über dem Endspiel Deutschland-Argentinien bei der letzten Fußball-Weltmeisterschaft 2014. Das haben sich nur 34 Millionen Leute angeguckt. Manche in der Dorf-Kneipe, in der sie jetzt zur Wahl gehen. Mein Wahllokal ist dieses Mal ein Feuerwehrhaus. Natürlich gehe ich trotzdem hin. Auch, wenn es da eventuell kein Bier gibt.

Von Anke Weber

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Neue SN-Kolumne: Mein Landleben
  • Landleben ist trendy . Neuerdings hat sogar der Stadtmensch seine Liebe zum Land entdeckt und blättert sich sehnsüchtig durch die Hochglanz-Magazine. Anmutig schimmern da die Tautropfen auf prallen Beeren und die hochwertige Rosenschere mit Holzgriff liegt im aufgeräumten Schuppen.
  • Etwas anders stellt sich das Landleben in den Augen unserer Autorin Anke Webe r dar. Die SN-Journalistin hat schon immer auf dem Land gelebt und sieht in jeder üppig blühenden Blume auch den Dreck unter den Fingernägeln. Ihre Eindrücke vom Leben zwischen Steinhuder Meer, Deister und Wesergebirge schildert sie ab sofort jeden Sonnabend in der neuen SN-Kolumne „Mein Landleben“.