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Wenn das Pferd an der Haustür klingelt

Landleben / Helden der Kindheit Wenn das Pferd an der Haustür klingelt

Manchmal gestaltet sich mein Landleben so, als wäre ich direkt in meinen Kinderbüchern von früher zu Hause. Meine liebsten Gefährten waren damals Pippi Langstrumpf, Tom Sawyer, Winnetou und Die kleine Hexe. Zwei von ihnen waren neulich zu Gast in meinem Leben.

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Wie bei Pippi Langstrumpf: Das Pferd schaut durch das Fenster.

Quelle: Anke Weber

Mit dem November beginnt die Zeit der Gestecke. Zuerst wird Dekoration für den Friedhof gebraucht, später für Weihnachten. Jedes Jahr im Herbst ziehe ich durch den Wald und sammele Zapfen, Holzstücke und alles, was die Natur an Dekoration so hergibt. Vor einigen Tagen stand ich also mit einem Körbchen in der Hand im Dickicht. Meine Waldgut-Suche erinnerte mich sehr an die alten Reisig-Weiber, die mit ihren Buckelkörben im Wald der Kleinen Hexe Bruch-Holz für den Ofen aufklaubten. Hätte ein schwarzer Rabe auf meiner Schulter gesessen, ich hätte geglaubt, ich sei die Kleine Hexe höchstpersönlich. Freundlicherweise war mein rabenschwarzer Hund als Ersatzspieler sehr bemüht.

Endgültig davon überzeugt, dass die Helden meiner Kindheit einen Platz in meinem Landleben gefunden haben, war ich kurze Zeit später. Es klingelte an der Haustür und beim Öffnen erblickte ich ein Pferd. Ich rieb mir verwundert die Augen und wollte mich augenblicklich in ärztliche Behandlung begeben. Dann bemerkte ich am anderen Ende des Zügels eine Bekannte aus dem Nachbardorf. Grinsend fragte sie nach einem Kaffee. Mein Hund bellte und konnte sich nicht entscheiden, ob er den großen Eindringling vertreiben, oder doch lieber zum Spiel auffordern sollte.

Das Pferd widmete sich ohne Umschweife meinem Rasen. Mir wuchsen links und rechts über den Ohren knallrote, geflochtene Zöpfe. Nein. Das war gelogen. Aber ich bin jetzt ja auch Pippi Langstrumpf. Sonst wäre ja wohl kein Pferd in meinem Garten gewesen, das aussah wie der Kleine Onkel, oder? Ich kochte Kaffee und servierte im Freien. Dort saßen wir nun, sahen dem Pferd zu, wie es mutig das Haus umrundete, ein freundlich gemeintes Gastgeschenk zur Rosen-Düngung abgab und weiter den Rasen mähte. Was für ein Luxus-Leben! Nur der Affe Herr Nilsson fehlte. Aber die Rolle will demnächst ein ortsansässiges Eichhörnchen übernehmen.

Nachdem meine Bekannte sich zu Pferd wieder auf den Weg gemacht hatte, fühlte ich mich inspiriert. Fast hätte ich mir Bürsten unter die Füße geschnallt, um wie Pippi Langstrumpf den Fußboden zu wischen. Jedenfalls: Die Welt war anders an diesem Tag. Irgendwie zauberhafter.

Ländlicher. Und ich war Die Kleine Hexe und Pippi Langstrumpf zugleich. Jetzt sind schon ein paar Tage vergangen und ich überlege, wie ich die Helden meiner Kindheit wieder zurück in mein Leben hole. Besonders interessiert bin ich an Tom Sawyer. Bei mir müsste nämlich dringend ein bisschen gestrichen werden.

Anke Weber

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Neue SN-Kolumne: Mein Landleben
  • Landleben ist trendy . Neuerdings hat sogar der Stadtmensch seine Liebe zum Land entdeckt und blättert sich sehnsüchtig durch die Hochglanz-Magazine. Anmutig schimmern da die Tautropfen auf prallen Beeren und die hochwertige Rosenschere mit Holzgriff liegt im aufgeräumten Schuppen.
  • Etwas anders stellt sich das Landleben in den Augen unserer Autorin Anke Webe r dar. Die SN-Journalistin hat schon immer auf dem Land gelebt und sieht in jeder üppig blühenden Blume auch den Dreck unter den Fingernägeln. Ihre Eindrücke vom Leben zwischen Steinhuder Meer, Deister und Wesergebirge schildert sie ab sofort jeden Sonnabend in der neuen SN-Kolumne „Mein Landleben“.